Donnerstag, 24. März 2016

flüssiger Frieden


Den Kopf ins Waschbecken gebeugt, die Ellbögen auf seinem Rand aufgelegt,
die Hände gefaltet unter den kühlen Wasserstarhl halten. Und dann die Augen zu und
so weit es geht runter mit dem Kopf an den Strahl, damit die Ohren möglichst nah an
dieses einmalige, unvergleichliche Geräusch rangelangen:

Den Klang, vielmehr die Musik klaren, kalten fließenden Wassers.

Jede Sekunde davon eine Therapieminute für mich.
Keine Stimmen, keine Geräusche, keine Bässe, keine Umgebung - nur dieses
wunderbare klare, reine Rauschen und ich.
Eines der wenigen Geräusche, die den Tinnitus vollständig auszublenden vermögen.

Früh schon lernte ich eher zufällig die heilende Kraft dieses Geräusches auf meinen
Organismus kennen. Ein paar Jahre lang musste ich mich dauernd übergeben und ich suchte
nach einem Weg, dieses Engerwerden im Hals, dieses Anschwellen des Speichelflusses
unmittelbar vor der Eruption zu vermeiden.

Da ich x-mal ohnehin schon den Kopf im Waschbecken hatte, merkte ich bald, dass
die Übelkeit sofort nachließ, wann immer ich das kalte Wasser laufen ließ.
Und je näher meine Ohren am Wassergeräusch waren, desto besser.

Oft genug wurden dabei die Ohren nass und eiskalt - aber ich liebte es, sofort die
Ruhe durch meinen Körper wandern zu spüren, wie eine große Schutzmacht, die vorrückt,
gegen die Aufstände in meinem Magen und meiner Speiseröhre.
Nicht selten ging sie als Siegerin aus dem Gefecht.

Die Jahre der Übelkeit sind vorbei.
Was blieb, ist die beruhigende Kraft, die auf meinen Händen von fließendem Wasser ausgeht,
die neutralisierende Ruhe, die vom Rauschen des Fließens auf mich übertragen wird
wie aus einem ewig währenden Depot flüssigen Friedens.

Die Zeiten, in denen ich nur noch selten auf diesen flüssigen Frieden zugreifen musste -
sie neigen sich dem Ende zu. Es fühlt sich ganz danach an.

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