Dienstag, 17. Mai 2016

about:depression


An die Worte des zweiten Arztes, mit dem ich je über meine Depressionen sprach, kann ich mich erinnern, als wäre es gestern gewesen:

Er fragte: "Seit wann haben Sie diese Zustände?"
Ich schaute kurz zur Seite und antwortete dann "17 Jahre".

Und sofort erwiderte er
"Ja ok, DANN werden Sie's OHNE medikamentöse Begleitung auf KEINEN Fall schaffen."

Ohnehin war -wie er andeutete- eher ein Verfechter der These, dass Depressionen nicht selten eher eine chemische Fehlsteuerung im Gehirn seien denn ein nur mit Worten und Gesprächen behandelbarer Befund.

Vermutlich rührt das daher, dass noch so viel Erkenntnis und Bewusstwerden nichts helfen, wenn die eigene Gehirnchemie den Menschen permanent mit dem Rücken an die Wand drückt.

Übrigens hätten viele seiner eigenen Patienten (ich war nur der, der unbehandelt immer das Rezept abholen kam) nach Einnahme von Antidepressiva sich ihm gegenüber anvertraut, sie wüssten jetzt gar nicht mehr, worüber sie noch groß mit einem Gesprächstherapeuten reden sollten:

Das, was sie so sehr im Leben belastet hätte (nämlich dieses permanent wiederkehrende schwarze Loch, über das man im Spagat schwebt, um nicht hinein zu fallen), sei nach Medikamentengabe verschwunden. Und darum sei es ja gegangen.

Ich kann diesem Ansatz viel abgewinnen.
Richtig ist, was hilft (natürlich müssen die Nebenwirkungen immer mit dem Nutzen abgewogen werden).
Außerdem  stehe ich rein gesprächstherapeutischen Ansätzen sehr skeptisch gegenüber:
Vom Reden allein wird die Seele nicht heil, genausowenig wie die Sau nur vom Wiegen fett wird.

Manchmal sind es die Medikamente, die erreichen, dass über eine Sache endlich mal schmerzfrei und in seelischer Ruhe nachgedacht werden kann.

Alle Ansätze außerhalb der Medikamentation gehen ausnahmslos in die gleiche Richtung:
Irgendwie zurechtkommen mit dem nicht mehr Änderbaren.
Irgendwie verarbeiten dessen, was nicht zurückgedreht werden kann.

Kurz zusammengefasst: Lernen, mit der Bombe zu leben.
Das finde ich -offen gesagt- ein bisschen sehr dünnes Eis.

Zusammen mit dem Absetzen der Medikamente begann meine Gesprächstherapie.
Im Nachhinein empfand ich sie als positiv (wenngleich der Standardreflex in den meisten Therapeuten ("es liegt IMMER in der Kindheit begründet!") mir zu simpel ist und mir auch auf den Sack geht).

Die Medikamente fand ICH effektiver.

Neulich war wieder so ein Anfall, der mich sehr tief hinabzog.
Aber: Ich konnte auf Medikamente verzichten.

Auch wende ich keine der "Techniken" an, die mir in der Gesprächstherapie empfohlen worden sind für solche Momente.
Begründung: Ich finde sie schlichtweg albern.

Lieber verlasse ich mich auf das, worauf ich mich immer verlassen kann - dass das von allein irgendwann wieder weg geht und ich einfach nur still dasitze und mich selbst in der Zeit beobachte.

Wirklich den Baseballschläger vor den Kopf aber bekam ich, als ich diesen Stern-Artikel las - dort war ganz, ganz genau in nur zwei, drei Sätzen das Gefühl beschrieben, was ich IMMER SCHON hatte, nicht erst seit 17 Jahren, nein.
IMMER SCHON.

Da wurde mir nochmal klar, dass ich nicht die Wahrheit gesagt hatte mit den "17 Jahren".
Ich hatte mich einfach vertan.

Er war immer schon da.
Seit ich denken kann.
Es ist ein Teil von mir.



Kommentare:

  1. Zitat: "Wenngleich der Standardreflex in den meisten Therapeuten ("es liegt IMMER in der Kindheit begründet!") mir zu simpel ist und mir auch auf den Sack geht)."

    Da bin ich ganz bei ihnen. Ich kann es nicht mehr hören, ich will es nicht mehr hören und ich ignoriere das - obwohl Therapeuten an meiner Kindheit sicher ihre reine Freude hätten - die ist aus therapeutischer Sicht (nicht nur) finanziell echt vielversprechend. Habe darum neulich sehr erfreut folgendes gelesen: "Außerdem sei die Psychologie heute der Ansicht, dass unsere Kindheit uns zwar beeinflusst, aber eben nicht so stark, wie es Psychoanalytiker wie Siegmund Freund dachten."

    Geht noch ein bisschen weiter, Tenor ist aber, dass wir nicht jeden Winkel unserer Kindheit durchleuchten müssen und uns stattdessen lieber auf andere (schönere) Dinge konzentrieren sollten, zumal unsere Erinnerungen (an die Kindheit) eh nie objektiv sind.

    Ich glaube, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss, um mit bestimmten Dingen umzugehen/mit bestimmten Dingen zu leben und das Leben lebens-wert zu machen. Medikamente, Therapie, "mit der Bombe leben" oder eine Mischform... wichtig ist überhaupt erstmal die Erkenntnis, dass "das schwarze Loch" kein Normalzustand ist. Und dass man nicht einfach nur "sehr sensibel, melancholisch, zu schwach für diese Welt" oder sonstwie "neben der Spur" ist. Gegnern, die einen Namen haben, kann man ganz anders gegenübertreten...

    Und Ihnen wünsche ich, dass Sie einen Weg finden, um das "schwarze Loch" irgendwie in Schach zu halten. Das hat ja doch was von der Zähmung eines Monsters.

    LG A.

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    1. Das ist das, womit die Amis ich glaub in den Achtzigern in ihren Therapien angefangen haben - die Sichtweise, sich auf das Schöne NOCH VOR EINEM LIEGENDE zu fokussieren und die eigene Vergangenheit ruhig mal mit ein bisschen Sarkasmus zu betrachten.

      Auch fand ich neulich die Lektüre des Buches "Wenn die Haut zu dünn ist" hilfreich, ich erzähle noch davon.

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