Sonntag, 1. Mai 2016

buy local


Obwohl ich eigentlich sowieso ein Verfechter davon bin, dass man regionale Produkte und regionale Waren kaufen sollte (und zwar beim Einzelhandel an Ort und Stelle), hatte mich das Foto dieses Schildes nochmal frisch aufgerüttelt:


Das hat mich berührt.


Denn auch, wenn man's ja eigentlich weiß:
Ein Jeder sollte sich absolut regelmäßig und für jede verdammte einzelne Kaufentscheidung überlegen, ob er das wirklich über das große US-amerikanische Versandhaus (oder sonst irgendeinen modernen Sklavenhalter) bezieht, oder nicht doch lieber vom Händler am Wohnort.

Bücher zum Beispiel.
Beziehe ich nur noch über den lokalen Buchhändler, nicht mehr über Amazon. Hier vor Ort bekomme ich die Ware schneller (sic!) und auf Wunsch auch noch in Geschenkpapier eingepackt. Und ich unterstütze dabei die netten Bücherwürmer, die dort arbeiten und die ich total mag ;-).


Wie ich aber gerne zugebe, waren meine Erfahrungen der letzten Jahre im Einzelhandel in der näheren Umgebung fast durch die Bank eine Katastrophe.
Oder, sagen wir, zumindest so, dass ich fest entschlossen war, das nächste Mal wieder online einzukaufen.

Kleiner Exkurs ins Verbraucherrecht:
Der Versandhandel stellt den Kunden BESSER hinsichtlich Warenrückgabe,
als es der Einzelhandel tut: Bei Ersterem können Sie die Ware binnen eines Monats
ohne Angabe von Gründen  zurücksenden, nur die Kosten
für den Rückversand bleiben ggf. an Ihnen hängen (dafür mussten Sie
nicht in die Stadt fahren und Parkgebühren bezahlen, vom Zeitaufwand einmal
ganz abgesehen).
Bei Letzterem können Sie die Ware nur zurückgeben, wenn sie "eine
wesentliche ihr zugedachte Eigenschaft nicht besitzt" - also explizit NICHT,
wenn Sie Ihnen einfach "nur" nicht mehr gefällt.
Außerdem hat der Einzelhändler dreimal ein Nachbesserungsrecht,
beispielsweise Reparatur, auf das Sie sich jedes Mal einlassen MÜSSEN und
auf dessen Dauer Sie weder Anspruch noch Einfluss haben.
Der Versandhandel hingegen hat gar nicht die Reparaturkapazitäten
und wird aus diesem Grund stets zurücknehmen und einfach Neuware versenden.


Meine Erfahrungen heißen elektrischer Rasierapparat, TV-Gerät, digitale Spiegelreflexkamera, SONOS-Soundsystem, Pierre Cardin Jeans, Waschmaschine und Wäschetrockner.

Rasierapparat:
Ich brauchte einen neuen Rasierapparat, es sollte ein guter, elektrischer werden.
Da ich BRAUN-Geräte konstruktionsbedingt nicht mag (haben keine Rundscheren), also einen Philips.

Über Kundenrezensionen und andere Quellen im Netz entschied ich mich schnell für ein Modell.
Dann mit diesen Infos ab zum Einzelhändler vor Ort.
Ergebnis: 150,-- EUR teurer als im Netz und kein Rückgaberecht, wenn man damit doch nicht klar kommt. BÄM.

Ich wieder nach Hause. Kurzes Nägelkauen.
Ach egal, jetzt. Amazonen aufgerufen, bestellt, geliefert, fertig.

Bereits ein Jahr später brauchte ich neue Scherklingen.
Diesmal ab zum Händler von damals, keine vorrätig, müssen bestellt werden, eine Woche gewartet, nochmal hingefahren, mit geschlossenen Augen am Preisschild vorbei gekauft, wieder heimgefahren.

Ein Jahr später war der Laden geschlossen.

TV-Gerät:

Hin zum für seine Beratungsqualität ausgezeichneten Händler in 20 min Entfernung, keine Beratung in Anspruch genommen weil genau gewusst, was ich wollte.

Berater trabt an und bekommt sogleich von mir mitgeteilt, welchen der TV ich haben will.
Uiih, das wird schwierig, Ihnen den zu liefern und aufbauen zu lassen.
Ich sag: Ich mach das nicht selber, ich kauf da, wo ich das Zeug geliefert und aufgebaut bekomme.
Hmm, tja, also, ok, dann....hundert Euro Aufpreis!

Ich atme tief ein und sage ok, das wären dann schon insgesamt ZWEIhundert Euro über dem Internetpreis, inklusive Aufbau. Aber ok, Sie sind Fachhandel vor Ort.
Ja wissen Sie, (*heul*) auch mit den hundert Euro können wir nicht wirklich kostendeckend die Anlieferung und den Aufbau finanzieren...aber ach ja....darf's noch was sein, der Herr?

Jau, ich brauch' exakt DIESE Wandhalterung von Vogels für das TV und keine Andere.
Uiiih, das wird schwierig, darf's eine Andere sein?
Nö. Wie schon gesagt.

Uiih, da muss ich gucken, zu wann ich die herbekomme, kleinen Augenblick mal....(exit Verkäufer)
(kommt zurück) also ich kann die bekommen, dies ist der Preis!

Jaaaa....wenn das ihr Ernst ist, dann schauen Sie mal hier, hab ich heute morgen ausgedruckt im Netz und nehmen Sie's nicht persönlich, beim TV und bei der Montage nehm' ich SIE zwar in Anspruch, aber bei einer von MIR rausgesuchten Wandhalterung seh' ich den Aufpreis von schlanken 40 Euro echt nicht ein! Ich bestell' das Ding selber und lege es Ihren Monteuren am Aufbautag hin.

(Verkäufer detoniert)

digitale Spiegelreflexkamera:

Ich rein zum großen Fotoladen hier bei uns. Mit Gattin am Arm.

Tach auch, wir brauchen zwei Kameras.
Eine für die Gattin, und zwar die Sony NEX-3.
Für mich die Canon 7D bitte, plus das Sigma 17-70mm-Objektiv.
Könn'Se gleich einpacken alles. Macht auch nix, wenn's schnell geht.

Hmmmm, also jaaa, das wird jetzt....errrrmmmm, kommen Sie doch mal mit!
Und dann zeigt der mir erst mal 15 min lang Nikon-Kameras. N-I-K-O-N!!
Ich so zu dem hör mal, guck mal meine Hände. Die sind GROß.
Nikon ist mir zu klein - und ich würd sowieso NIEMALS ne Kamera kaufen, wo noch nicht mal 'ne ordentliche NULL im Top-Display zu sehen ist, sondern ein kleines "o"!

Ähmm. jaaa....also die Canon 7D, die hab ich nicht da, die müsste ich bestellen.
Und ich so kein Problem, ist mit Amazon ja in 24h bei Euch.

Jaa neeee, DAS geht natürlich nicht, die muss ich zentral bestellen.
Ich so HÄÄÄÄH GEHT`'S NOCH?? Und was ist mit der 7D da vorne hinterm Glas??

Ja, DIE kann ich Ihnen natürlich nicht geben! DAS ist ein KIT aus Kamera plus Objektiv, das darf ich natürlich nicht auseinanderreißen, und ich hätte ja ein ANDERES Objektiv gewollt...
(An der Stelle hätte ich eigentlich aus dem Laden gehen sollen, aber ich tat's nicht, auch wegen der Gattin).

Also gut, dann. Wir zahlen.
Sony Kamera Gattin und eine hübsche nette Fototasche plus Canon und Sigma Objektiv für den Herrn und Batteriegriff und  trallala, das macht dann zweitausendsechshundert Euro.

*Stille*
Ich guck den an. Der guckt mich an.

Und dann stell ich in Zeitlupe die Ellbögen auf seinen Tresen und frage:
Sie haben hier Einen,
der kommt statt ins Internet zu Ihnen,
kauft zwei nagelneue Kameras,
weiß genau welche er will,
Sie haben NULL Beratungsaufwand.
Muss ich nach Skonto für Barzahlung ALLEN ERNSTES ERST NOCH FRAGEN, oder kommen Sie da von alleine drauf?
"Moment, ich geh mal kurz nach hinten mit'm Chef sprechen..."

SONOS-Soundsystem:

Ich rein in den familengeführten Laden im Nachbarort.

Tach auch, ich hab mich über SONOS informiert, ich würd' gerne mal die PLAY 3 zweimal, die PLAY 5 einmal und die SOUNDBAR daheim ausprobieren.
Ja, die stehen da hinten, ich zeige Sie ihnen.

Aha, ja, sehr schön, kann das echt sein, dass die hier so viel teurer sind als im Internet?
Ja, das kann sein.
Aha. Und ich kann die SONOS 30 Tage lang bei mir daheim erstmal testen und wenn ich mit dem kabellosen Zeug nicht zurecht komme, zurückgeben?
Nein.

Wie bitte?
Nein.

Ähm...SONOS bietet das aber explizit auf seiner homepage an - es wird angeliefert uns kostenlos bei Nichtgefallen wieder abgebaut und abgholt.
Ja, aber nur, wenn Sie im Internet bestellen!

Ach so? Dann fass' ich mal zusammen: Ich bezahle hier über tausend Euro und zwar mehr als hundert Euro zusätzlich dafür, dass ich KEINE Testmöglichkeit bekomme, die ich beim Internetkauf aber bekomme?
Na, wenn Sie's SO sehen....ja!
Na, wenn das SO ist...NEIN!

Pierre Cardin Jeans:

(das sind die einzigen Jeans, die mir 100%ig passen, daher müssen es diese sein)

Ich rein in das Jeansgeschäft im Nachbarort.

Tach auch, ich brauch zwei oder drei Jeans. Pierre Cardin, Fit Lyon, blau.
Ja, Pierre Cardin haben wir.
Das seh ich - auch "Fit Lyon"?
Das sehe ich gleich mal nach....ähmm...nein.

Können Sie die nachbestellen?
Nein. Ist Vorjahresserie.

Ach so? Ich hab gelesen, das ist eine durchlaufende Serie, die man IMMER kriegt?
Äh, j....ja, aber wir haben die nicht mehr da. Und jetzt laufen schon die die Herbstbestellungen, wir bestellen neu erst wieder im Frühjahr.

(ich hab dann eine "Fit Deauville" gekauft. Und das Drecksteil nach 3 Monaten ihrer finalen Verwendung als Arbeitshose im Garten zugeführt, weil sie nicht mehr gut passte nach drei Wäschen)

Waschmaschine:

Gattin und ich rein in den M3D1A-Markt.

Tach, wir haben uns für eine bestimmte Waschmaschine von BOSCH entschieden.
Joah. Hamm' 'wa nich' da.

Ja, das dachten wir uns. Können Sie dieses Modell denn für uns bestellen?
(sehr seufzend) ich guck mal nach.....nee, die kriegen wir nich' hierher. Nur bestimmte Modelle.

Schade, wir wollten ihr Sonderangebot nutzen, Anlieferung und Abholung Altgerät für 15 Euro?
Ja, dann müssen Se' eine von denen hier nehmen!

(haben wir dann auch gemacht, aber die Gattin war nur schwer von ihrem Maschinenwunsch wegzubekommen) (und den Wäschetrockner haben wir ein paar Jahre später dann tatsächlich gleich im Netz bezogen. Anlieferung bis in die Waschküche und Enstsorgung Altgerät für 15 Euro. Und ohne jede Diskussion).





Kommentare:

  1. Genau solche Erlebnisse sind es, die auch mich immer wieder dazu bringen, letztlich dann doch allzu häufig Online einzukaufen. Aufhalten kann man diese Entwicklung ohnehin nicht, da sie nun mal für die Mehrzahl der Käufer überwiegend Vorteile hat. Insofern wäre es vermutlich besser, wenn nicht gar zwingend notwendig, über Wege nachzudenken, wie man trotz immer stärkerem Online-Kaufverhalten dennoch sicher stellen kann, dass das kleine Mädchen Tanzstunden bekommen kann. Ich mag meinen Glauben an eine Politik, die die Rahmenbedingungen so setzt, dass allen Menschen ein wirklich würdiges Leben möglich ist, nicht aufgeben, wenngleich ich zugeben muss, dass es manchmal sehr schwer fällt.

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    1. Sehe ich genau so.
      Aber gäbe es beispielsweise VERNÜNFTIGE Onlineshops, angeboten von regionalen Einzelhändlern - ich wäre sofort dabei und würde so das Beste aus beiden Welten mitnehmen.

      Ansätze gibt es bereits - beispielsweise der Brötchenbote, der online Bestellungen entgegennimmt und fast täglich morgens ausliefert.

      Was meinen Glauben an die Politik angeht:
      Die letzten Reste, die da mal waren, haben die Auftritte von Volker Pispers (YT!) endgültig ausgeräumt.^^

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  2. Verstehe ich...

    Ist auch ärgerlich und man sollte es den Händlern auch durchaus sagen, wenn solche Sachen vorkommen.

    Andererseits kenne ich auch genug Leute die in ein Fachgeschäft vor Ort gehen, sich ausgiebig beraten lassen und dann ohne zu kaufen wieder gehen um den Artikel dann im Internet zu bestellen.
    Das finde ich mindestens genau so sch.....

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    1. Nee, ganz im Ernst, wenn ich jedem Einzelhändler, jedem Verkäufer, jeder Servicekraft sage, was hier falsch gelaufen ist, dann könnte ich auf Halbtagsjob runter und müsste immer noch Sonderschichten fahren. Gerade in der Landeshauptstadt!
      Es gibt Dinge, die muss ein Kaufmann / Händler /Servicemensch SELBER proaktiv erkennen und SEHEN, tut er/sie das nicht, ist auch ein noch so freundlicher Hinweis von extern meist vergebens.

      Was ich echt NOCH NIE gemacht hab, ist mich beraten zu lassen und dann im Netz zu kaufen.
      Beratungsklau nennen die Kaufleute das. Ist mir selber als Kaufmann auch schon passiert, vor nahezu 17 Jahren bereits.

      Ich mach' es eigentlich immer andersrum^^ - informieren im Netz, dann nach Möglichkeit lokal kaufen gehen.

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