Mittwoch, 4. Mai 2016

Ein Häuschen mit blauen Fensterläden


Erstaunlich.
Wie unvorbereitet und wehrlos mich die Flut an Gedanken getroffen hatte,
als mir meine Nichte die Buntstifte in die Hand drückte.

"Los Onkel! Du musst das Haus ausmalen, sonst können meine Tiere nicht darin wohnen!"


Die Logik einer Fünfjährigen, sie ist durch kein Argument der Erwachsenenwelt
zu überbieten, geschweige denn in Frage zu stellen.

Und da saß ich nun also. Mit einem Prinzessinnen-Malbuch, einer Aufgabe und einer Armee an Buntstiften, die ich nicht mal aufsummiert selbst als Kind in allen Jahren besessen hatte.

Hinsichtlich der Dachgestaltung war die Nichte noch ziemlich diktatorisch: Es sollten ROTE Dachziegel sein, sonst wird man ja nass im Haus.
Und ich solle sie bitte ORDENTLICH malen.
Zu Befehl.

Während die Stifte über das Papier glitten und die Fünfjährige sich der Sortiertung ihrer Spielzeugtiere widmete (ob nach Alter, Größe, Fellfarbe oder nach Namen alphabetisch, wissen nur die Götter),
traf mich ein deja vu.

Ich hatte plötzlich Deine Stimme im Kopf.

Diese weiche, zarte Stimme, bei der man oft den Eindruck bekam, sie müsste gleich aussetzen, so vorsichtig und sanft, wie die Worte Deine Lippen verließen.
So wie ein kleines Ruderboot, welches vom Steg aus nur angetippt wird und das dann in Zeitlupe über den stillen See gleitet, die kleinen Wellen unspektakulär und behutsam vor sich her sendend, damit sie keiner Seerose und keinem Schilf Schaden zufügen.

Ich entsann mich Deiner Augen. Dieser Augen, von wässrigen Farben gezeichnet.
Immer flackernd.

Da war sofort dieses Gefühl in der Brust, was ich immer als "Griff mit der Ritterrüstung" um mein Herz bezeichnet habe - ein sicheres Zeichen dafür, dass es mich jetzt gleich sehr berühren wird, was ich denken werde. Dass es aber auch schon zu spät ist, dem Lauf der Gedanken eine neue Wendung geben zu wollen.
Aus den zarten, sanften Wellen ist ein Strom geworden.
Und ich sitze ruderlos im Boot und sehe zu.
Und genieße es.

Deinen Träumen zuzuhören war für mich immer eine abgesprengte Rettungskapsel in eine andere Welt, eine ganz andere als meine.
Wenn DU über Dein Leben, Deine Zukunft laut nachdachtest, war da trotz aller Schmerzen und Gemeinheiten, die Du hast durchmachen müssen, immer ein Glanz von Sanftheit und Zufriedenheit über die kleinen Dinge.
Neidisch war ich da so manches Mal auf Dich gewesen.

In Deinen Wünschen waren die Begegnungen mit Menschen freundlich, das Leben einfach und doch zufrieden, Dein Geist voller Neugier auf fremde Kulturen - und das Alles in einer Bescheidenheit, die mich immer noch beschämt und die mir das, was ich "meine Sorgen" nenne, als wenig nachhaltig und bemitleidenswert erscheinen lässt.

Wie Du Dir Deine Kinder vorstelltest.
Du maltest Bilder in meinen Kopf. Wie sie aussahen, wie sie tanzten, barfuß.
Das verschrammelte kleine Häuschen am Meer. Alt, aber geschichtenreich.
Und die blauen Fensterläden, die Du ihm verpassen wolltest.

Dir zuzuhören machte mir immer wieder klar, wie wenig Träume ich selbst eigentlich noch habe.
Genau genommen habe ich gar keine mehr.

Und Dir und Deinen Träumen zuzuhören, es hat mich inspiriert.
Mich angesteckt.
Mich irgendwie wieder lebendiger werden lassen.
Jünger.

Und es gab einen Zeitpunkt, da wäre ich kurz davor gewesen, alles hinter mir zu lassen.
Alles aufzugeben, um Dir und Deinen Träumen zu folgen.
Dir und ihnen dabei zu helfen, Realität werden zu lassen.
Gefolgt wäre ich Euch.
Weit gefolgt.
In dem sicheren Glauben, es wäre ein "uns".

Aber wie ich an anderer Stelle über Dich schon einmal gesagt habe:
Die Welt, in der wir leben hat die Tendenz, die Magie, den Zauber in uns zu zerstören.
Sie ist zu grob für Träume.
Und die, die noch träumen können...sie gehen zu oft in ihr unter.

Es überleben zu oft die Falschen. Die Rationalen. Die Aufgeber.
Die Mutlosen. Die Verbrannten. Die Enttäuschten.
Ich.
 
Die Welt - sie trennt Menschen wie Dich von Menschen wie mir.
Und das fühlt sich falsch an.

Und als ich mit festgefrorenem Buntstift in den Fingern so da sitze und mir das Salzwasser
den Blick auf das Bild verschwimmen lässt, stubst mich die Fünfjährige in die Seite und sagt

"Mensch Onkel! Die Tiere warten schon und ihr Haus ist immer noch nicht fertig?!
Beeil Dich mal!"

Ich sehe sie an. Sehe den Kasten mit den Bunstiften an.

Und dann greife ich zu blau.
Dieses Haus, es braucht dringend neue Fensterläden!

Blaue Fensterläden.



Kommentare:

  1. Wunderbar geschrieben. Ich bin ehrlich beeindruckt und es ist lange her, dass ich das über einen Text gesagt habe. ;)

    LG A.

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