Samstag, 9. Juli 2016

breaks it




BREXIT. Breaks it.

Diese knappe Entscheidung der Briten, im Rahmen des Referendums für einen Austritt aus der EU zu stimmen, sie hat so viele Facetten... wo fängt man da an?

Vielleicht erst mal über das, was man jetzt so in der Presse als "düstere Zukunft für Großbritannien" liest?

Vom drohenden wirtschaftlichen Untergang Großbritanniens ist da die Rede.
Weil das ja alle schon wissen, was da jetzt passiert und wie es da genau weitergeht.
Teilweise auch schon mit fertig berechneten Zahlen!
Da schreibt eines der größeren deutschen Magazine was von "300 Mrd. Verlust für Großbritannien binnen x Jahren".

Mein lieber Schwan!
SOLCHE Wirtschaftsfachleute bräuchten wir, viel mehr davon.
Ab in die Politik mit ihnen!
Dort werden sie so viel dringender gebraucht als im "STERN".
Wo 15% seiner Leser weder die Größenordnung UNTERhalb der Milliarde noch die Größenordnung OBERhalb der Milliarde korrekt benennen können.

Von einem Exodus beispielsweise der Autoindustrie ("aber auch aller Anderer!") ist die Rede.
Von einem Absterben der Fachkräftezuwanderung.
Von einem Verfall der britischen Währung bis in die Bedeutungslosigkeit.

Haben Sie sich mal die Währungskurse angesehen? Euro zu brit. Pfund?
Mannmann, DA war vielleicht was los.
Seit dem Brexit-Votum ist das brit. Pfund wieder auf den Stand hochkatapultiert, auf dem es Ende 2013 auch schon war, erholt sich aber langsam.

Sie erinnern sich? Großbritannien, Ende 2013?

Millionen Arbeitsloser, die an der Suppenküche anstanden?
Bettelnde Kinder landesweit , die nichts zu essen hatten?
Eine darniederliegende Landeswirtschaft, gebeutelt vom Schraubstock der Devisenmärkte, hoffnungslos in eine Zukunft der Perspektivlosigkeit starrend?

NICHT, oder?
Merken Sie was?



Andere Frage, mal an die Presse:
Wenn das jetzt mit der EU und der Zugehörigkeit alles so geil und gut für uns ist (was vergessen zu haben unsere Medien jetzt den Briten unterstellen), wieso berichtete die (gleiche) Presse nie über die der dortigen Entstehung zugeschriebenen Füllhörner an Segnungen?

Die alle mehrheitlich so GUT für uns sind?
Die die Rechte der Verbraucher stärken?
Den Tieren eine würdige Existenz ermöglichen?
Der Umwelt nachhaltig nützen?

Ah, Moment - da war doch noch was.

Die vielen Berichte über den korrupten Selbstbedienungsladen EU?
Zuverlässiges End- (oder Zwischen-)lager aus deutscher Sicht der wirklich nur allerdümmsten und unfähigsten Politiker, die unser Land je hervorgebracht hat (Bangemann, Oettinger, Schmidt, Koch-Mehrin, Özdemir)?
TTIP unter Ausschluss der Öffentlichkeit? Nicht mal BERICHTET werden soll darüber?
Ein Kommissionschef, der CETA mal eben zur "reinen EU-Angelegenheit" erklärt, ohne Mitbestimmungsrechte der einzelnen Parlamente?

Mehrtausendseitige Verordnungen über Neigungswinkel und Größe von Bananen und Äpfeln?
Die 31 Richtlinien, nur für Zahnbürsten?
Die 118 Richtlinien für Haarwaschmittel, die 454 für Handtücher, die 12.653 für Milch?

Südländer, die von der Bonität ihrer Nordnachbarn profitieren, aber beim Thema gemeinsame Außenpolitik und Grenzbehandlung alle dort antreibenden Schicksale und Menschen nach Norden durchwinken?
Erpressungsabstimmungen unter heimlicher Aushandlung nationaler Individualvorteile?
Ein Parlamentspräsident, der nicht mal ansatzweise eine Schuld seines Ladens an der aktuellen Misere erkennen kann?
Eine "Schicksalsgemeinschaft" (Schäuble), die von nicht wenigen in der EU nur als Schuldengemeinschaft verstanden und gelebt wird?

Nö. Gilt derzeit alles nicht mehr.
Der Verbleib in Europa... nein, der Verbleib in DIESER EU, er habe ein Segen zu sein, für alle Länder, und die doofen Briten würden schon noch sehen, was sie von ihrer Eselei hätten.
Das ist die aktuelle Medien-Leitlinie.
Einheitsberichte, keine Gegenstimme.

Bis jetzt habe ich in unseren TV-Einheitsmedien keine einzige differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema gehört oder gesehen.
Keine einzige grundsätzliche Fragestellung zum Zusammenleben in Europa, keine einzige Erwägung, das gemeinsame Haus "Europa" nochmal komplett neu zu denken, über Konstruktionsfehler und Fehlentwicklungen vernünftig diskutieren zu wollen.

Eine vielleicht nicht mal so uninteressante Fragestellung könnte nämlich sein:

"Angenommen, die Pessimisten behalten mit allen Abstiegsprognosen zu GB Recht - ist der Druck
auf die ohnehin reformierungsbedüftige britische Wirtschaft ohne den Schutzmantel der EU nicht umso größer?
Muss UK also -angesichts jetzt beschleunigt auftretender und weitergreifenderer Probleme- nicht umso entschlossener und schneller zu Reformen und Neuordnungen greifen, um bestehen zu können?
Wird die jetzige Situation nicht das UK in die Notwendigkeit drücken, schnell bilaterale und multilaterale Handels-, Steuer- und Zusammenarbeitsvereinbarungen zu schließen?

Und die spannendste Frage:
Könnte all das sich nicht noch im Nachhinein als Segen für Großbritannien herauststellen, wenn es gelingt? Als Katalysator für Reformen, die ohne einen Brexit nie oder nie in dieser Geschwindigkeit hätten stattfinden können?"



Denn: Es gibt unzweifelhaft handfeste Vorteile für ein gemeinsam agierendes und handelsoffenes Europa.

Beispielsweise:
die einheitlichen Industrienormen
das metrische System
die gleiche gemeinsame Währung
die einheitlichen Zölle
harmonisierter Straßenverkehr bei Grenzübertritt
gemeinsame Außenpoli...halt, moment mal.

'Hatte Großbritannien ja alles gar nicht.
Nie.
Wollte es auch nie haben.

Ja, huch?

Da stellt sich nochmal ganz neu die Frage: Wer ist da eigentlich ausgetreten (bzw. hat es vor)?

Nun, da will jemand aus einer Gemeinschaft raus, die nie eine Liebesehe war - und der es sich in ihr
schon immer rausgenommen hat, sein eigenes Süppchen zu kochen und auf bevorzugte Behandlung zu bestehen.

Und auch mal das nötige Taschengeld für den Unterhalt des gemeinsamen Hauses zu entziehen.
Erinnern Sie sich an Margret "I want my money back!" Thatcher?

Als einmal wegen schwerer Unwetter der Fährverkehr zwischen England und dem europäischen Festland eingestellt werden musste und der Handel kurz darniederlag, schrieben die europäischen Zeitungen allesamt: "Unwetter! Fährverkehr eingestellt! England jetzt von Europa abgeschnitten!"
Außer der "TIMES".
Die schrieb "Unwetter! Fährverkehr eingestellt! Europa jetzt von England abgeschnitten!"

Das sagt denke ich Alles aus über das UK-Selbstverständnis und daran hat sich nie etwas geändert.
Vielleicht ändert sich ja jetzt was?

Jetzt heulen sie tausendfach in ihre Smartphone-Videos irgendwas von riesiger Enttäusschung und "I want my future back!" und facebooken sich in kollektive Trauer und Bestürzung.

Ach, echt jetzt?
Junge Wähler 18-24: Wahlbeteiligung 36%.
Says it all. Well done.

Da darf sich KEINER beschweren, die Alten (65+) hätten ihnen die Zukunft zerwählt (Wahlbeteiligung: 83%).

Was hätten die denn machen sollen?
Zuhause bleiben, damit ihre Stimmen nicht mitzählen?
Die Fresse halten, weil sie diese Welt "nicht von unseren Eltern geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen" hätten? Gelächter.

Was in der Tat als ziemliches Drama erscheint, sind die handelnden Politiker in der ganzen Geschichte.
Man kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.
Allerdings nur, wenn man nicht kapiert hat, wie Politikbetrieb läuft, welchen Mechanismen und Regeln er unterliegt.

Wie sie sich jetzt alle wundern, dass ein Brexit-Rebell nach dem Anderen im UK zurücktritt.
Wie sie Blut und Galle schäumen auf Facebook, reddit, 9gag, überall über die vorgeblich feigen Verräter, die erst das Land mit dem Brexit-Votum ins Elend und Armut stürzen würden und sich jetzt feige vom Acker machten.

Hallo? Ihr habt das Spiel nicht wirklich kapiert, eh?
Und die Eliten lachen sich in ihren Elfenbeintürmen scheckig über dieses Theater (denn nichts Anderes ist es, es ist Schauspiel, eine Szenerie).

Bestes Beispiel: Cameron.
Kann man Cameron einen Vorwurf machen? Die Medien tun es.
Jahrelang immer nur gegen die EU geschossen-  und jetzt erschüttert sein, dass seine Landsleute raus wollen? Welch' ein verantwortungsloser Spinner!

Nö, weil: Denkfehler.
In Demokratien reden Politiker IMMER dem Volk nach dem Mund. Um wiedergewählt zu werden.

Wer es nicht tut, wird abgewählt (absolut ALLE Landesregierungen, die nach der Finanzkrise in der EU Sparmaßnahmen beschlossen hatten, wurden zum nächstmöglichen Termin abgewählt - eine Lektion, die alle anderen Landesregierungen inzwischen kapiert haben.)
Und das Volk in UK hat über Jahre regelmäßig Unmut bekundet - gegen EU-Regularien, -entscheidungen und -versäumnisse, immer und immer wieder. Und das Volk wollte dieses Votum, nichts durcheinanderbringen!

Hätten SIE da als Politiker, der wiedergewählt werden will, die EU-Fahne hoch gehalten und wie der Prediger in der Wüste von den Füllhörnern und Verheißungen eines gemeinsamen Europas gepredigt, von den Segnungen der Union?
Lächerlich, wer das von sich behauptet.
Eine schäbige Schmierenpresse, welche das jetzt ankreidet.

Mal so richtig verarscht wurden ja die Schotten.
Denen hat man letztes Jahr erst erzählt, "wenn ihr euch lossagen wollt von Großbritannien, dann fliegt ihr auch raus der EU! Ihr müsst bei uns bleiben!"

'Haben die dann auch gemacht.
Zähneknirschend, denn endlich die Drecksbriten loszuwerden - das wär' SCHON geil gewesen für die so lange geschundene Schottenseele. Wenn da die fehlende Kohle nicht wäre.

Was hätte Schottland -eines der intensivsten Empfänger-Länder in der EU- auch machen sollen?
Ich bitte Sie, Schottland!
Gerade mal 5 Mio Einwohner.
Und davon wohnen 20% in genau ZWEI Städten!
Wie wollen DIE bitte ohne EU-Hilfen auf der Höhe Europas bleiben? Wovon?

Die Abstimmung letztes Jahr, sie war reine Erpressung durch die Briten:
"Euer EU-Geldtropf wird sofort zugedreht, wenn ihr geht."

Und jetzt? Passiert genau das Gegenteil:
Wenn die Schotten sich NICHT vom UK lossagen, werden auch sie aus der EU gekegelt. Ein unglaublicher Treppenwitz der Geschichte.

So sicher wie das Amen in der Kirche: Die Schotten werden das UK verlassen, sobald die britische Regierung Anwendung des Artikel 50 des EU-Vertrages (Neufassung Lissabon 2007) beantragt.
Übrigens waren es ausgerechnet die Briten, die seine Einführung und seine Ausformulierung massiv vorantrieben (damals in dem Ansinnen, um vielleicht doch noch irgendwann die Griechen loszuwerden).

Das erinnert an die Geschichte, dass derjenige Herrscher, der die Guillotine aus Frankreich nach England einführte, auch er Erste war, der auf ihr hingerichtet wurde. ;-)


Und?
Was meinen Sie denn so zu der Brexit-Nummer?

Kommentare:

  1. Da stellst sich für mich die Frage, was denn aus der unzertrennlichen Männerfreundschaft mit dem -Captain geworden ist. Gab's da auch einen Break?
    LG J.

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    1. Wie zum wildfickenden Geier kommt man denn jetzt bitte vom Cameron auf den Captn und vom Brexit auf den Status einer Männerfreundschaft?!? :-))

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    2. War halt ne Assoziation, die mir bei dem Thema durch's Hirn schoss. Da man ja auch nichts mehr von exzessiven Partys mit dem Captn liest, lag die Vermutung eines Breaks nahe. :-)
      Sorry, dass ich vom eigentlichen Thema ablenkte...
      LG J.

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    3. Ich kann beruhigen: Da gab's KEINEN break. Lediglich die zeitlichen Spielräume sind auf beiden Seiten enger geworden...aber wir sind in Kontakt. Und: Er liest hier mit.^^

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  2. Wo ist der 'thumbs up button'?? (in regards to the above mentioned comments)
    Ist ja ein schwerverdauliches Thema, diese Brexit Geschichte. Aber sehr gut von Ihnen analysiert. Ich glaube ja nicht an einen Weggang. Die werden schon einen Weg finden drin zu bleiben. Ich seh' schon die Köpfe qualmen. LG aus du

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    1. Das KANN tatsächlich sein. Aber: Laut Artikel 50 werden die Exit-Verhandlungen OHNE den austretenden Partner geführt....ich sag nur mal so...^^

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