Montag, 15. August 2016

Death of a salesman


An unseren ersten Termin kann ich mich noch gut erinnern:

Da warst Du noch in einem Gemeinschaftsbüro mit diesem alten graunzligen Sack,
mit dem Du hinterher nach seinem Ausscheiden aus unserem Laden nichts als Ärger hattest.

Der hatte mich gleich mal fett abblitzen lassen, als ich bei Euch anfing und mich frisch vorstellen wollte als der neue Betreuer - und Euer Büro war gerade mal ein paar hundert Meter von unseren Spezialisten-Büros weg.

Ihr ward also einer meiner ersten Termine in dieser neuen Firma, weil ihr so geschickt um die Ecke lagt.

Die Voraussetzungen für gemeinsames Geschäft waren damals -vorsichtig formuliert- suboptimal:
Gerade waren die Börsen dank des neuen Marktes zusammengeklappt, keine 4 Monate zuvor waren die Twin Towers des WTC eingestürzt worden und sechs Wochen zuvor war der ungemein verhasste EURO als Währung eingeführt worden - Unsicherheiten allenthalben also.

DICH hat das weniger tangiert.
Du vertratest die Auffassung, man müsse eben auch in schlechten Zeiten sein Geschäft machen können und dann eben andere Wege gehen.
Und am Beratungsbedarf der Menschen habe auch diese neue Situation nichts geändert, im Gegenteil sei er nun größer denn je.

Das war damals eine wahrlich SELTENE Auffassung, in einer Zeit, in der alle Deine Kollegen rumheulten und das hohe Kaufmannslied des "die Zeiten sind so schlecht" sangen.

(Mit Blick auf die ganzen regulatorischen und wirtschaftlichen Änderungen seither
müssten wir heute feststellen: Das waren damals die goldenen Zeiten!)

Du hattest nicht allzuviele Freunde bei uns, genau wie ich.
Das lag zum Einen daran, dass es Dir zuwider war, bei Schunkelrunden mit dabei zu sein (genau wie ich), und die Gegenseite würde nun ins Feld führen, dass Du eine Labertasche warst (genau wie ich).


Jedenfalls fand ich bei uns gleich eine gewisse Gemeinsamkeit.
Und wie groß unsere Überraschung war, als wir nicht nur fast identische Handynummer hatten - wir hatten auch noch am gleichen Tag Geburtstag!

 Als Deine Frau mit ihrer Krebserkrankung zu schaffen hatte, da war ich bereits emotional auf dem Rückzug aus diesem meinem Job - ich hatte mich von Deinen Kollegen (und damit auch Dir) persönlich schon ein gutes Stück weit entfernt, es aufgegeben, mich persönlich zu engagieren in einem Umfeld, das dies weder dankt noch überhaupt wahr nimmt.

Seither habe ich niemandem im Job mehr aktiv das "Du" angeboten, dies mag eine ganz treffende Metapher sein.

Obwohl kein Büro so nah an meinem home office dran lag wie Deines, sahen wir uns zuletzt Monate lang nicht mehr.
Die neue zusätzliche Funktion, die man mir bei uns im Laden aufgehalst hatte, die endlosen Schulungen und Tagungen, sie hatten mich müde werden lassen.
Zu müde, um noch initiativ zugehen zu können auf Partner wie Dich, die eigentlich immer ein offenes Ohr gehabt hatten für neue Ideen, neuen Ansprachen, neue Konzepte.

Ich war die letzten Monate nur noch reaktiv unterwegs, spielte nur noch die Bälle beidhändig zurück, die mir direkt vor die Füße gelandet waren.


Wie sehr mich da die Email meiner Chefin traf, die uns ankündigte, dass Deine letzten Stunden angebrochen seien.
Dass es keine Hoffnung mehr gäbe für Dich.
Dass zum Schluss alles ganz, ganz schnell gegangen sei.

Und morgens anderntags die Facebooknachricht Deiner Frau.
"Nach kurzer, schwerer Krankheit".
Lediglich fünf Jahre älter als ich.
Ich fasse es nicht.


Jemand, zu dem ich fast zu Fuß hinlaufen hätte können und den ich 15 Jahre lang kannte, stirbt.
Und ich kriege es nicht mit.
Ich fasse es einfach nicht.


Wie konnte mir das nur passieren?
Wie habe ich es so weit kommen lassen können?


Nun habe ich nur noch EINEN Termin gemeinsam mit Dir.
Den letzten.

Kommentare:

  1. .
    (Da brauchts keine weiteren Worte, aber ich fühle mit Dir.)

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    1. Danke sehr.

      Die Beisetzung wird nochmal heavy, denke ich.

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