Samstag, 6. August 2016

PostIdent


Wie anders hätte es auch kommen können?
Bei meinem Glück?

Da wechsle ich endlich den Depotanbieter, weil er mir zu wenig Service bietet und gehe zu einem anderen, Besseren.
Dieser versendet an mich
  • in Woche 1 die Depoteröffnungsbestätigung
  • in Woche 2 die TAN-Liste und das Passwort
  • in Woche 3 die Mitteilung, dass er zum 30.08. das Depotgeschäft vollständig aufgibt und auf einen anderen, renommierten Anbieter überträgt.
Und jetzt raten Sie mal, auf welchen!
Bingo.

Also alles wieder gekündigt, nochmal neu auf die Suche gegangen und wieder fündig geworden.
Dieser Anbieter lässt aber Identifizierung NUR über das PostIdentverfahren zu - also:
Frisch rasiert, rein in die Sneakers und dort hin, wo ich nie-nie-nie wieder hin wollte:

In unsere Deutsche Post Filiale.



Sie kennen vielleicht noch aus den Siebzigern diese Heinz Erhardt-Filme?
Wo er den Amtsrat Winzig in bester Beamtenstallung spielt?

Unsere Postfiliale ist das letzte Habitat dieser nicht ganz zu Unrecht weitestgehend
ausgestorbenen Amtsträgerrasse - dort arbeiten wirklich, wirklich NUR die Allerlangsamsten, Allerunvorzeigbarsten, Allerunkündbarsten.
Ich bin sicher, mit dem Letzten von Ihnen schließt auch diese Filiale.

Es gibt IMMER eine Schlange - Sie können morgens 5 Minuten nach Öffnen da sein.
Oder 15 min vor Mittag.
Oder 48 min vor Abendschließung.
Es ist IMMER Wartezeit mitzubringen.

Faustregel: Pro Mensch (genauer:Lebewesen) vor Ihnen in der Schlange = 7 Minuten Wartezeit.
Stehen da also 5-6 Leute, können Sie eigentlich wieder nach Hause fahren und erstmal was kochen
oder so.

Denn hier ist man nicht auf der Flucht, hier ist man IM DIENST (das sattsam bekannte Kalauer-Büroschild hängt hier tatsächlich an der Wand).
Hoheitlich!
Für die Bundesrepublik Deutschland, mit Treueschwur.
Steht so in der Ernennungsurkunde drin (und SIE TROTTEL haben einen ARBEITSvertrag?? Muahahahaa, selber Schuld!).

Die Mitarbeiter gemeinsam den Dienst Verrichtenden in dieser FIliale hatten maßgeblich dazu beigetragen, dass ich mich der Tortur der Registrierung für eine PACKSTATION unterworfen hatte,
um diesen Laden möglichst oft umgehen zu können. Wir kriegen nämlich viele Päckchen.

Und die Packstation war ab dem ersten Tag der erklärte Feind dieser Staatsdiener gewesen!
Sie erklärten JEDEM, der damit nicht gleich zurecht kam (z.B. ich) mit einer unserem deutschen ÖD weltweit einzigartigen Gründlichkeit und Ausführlichkeit, dass sie mal so REIN GAR NICHTS damit zu tun hätten und dass das eine komplett andere Firma sei.

Vermutlich haben die auf dem Heimweg abends auch mal versehentlich reingepinkelt oder der Paketstation sonstige Unbill zuteil werden lassen - jedenfalls wurde diese tatsächlich wieder abgebaut! Eine Paketstation, direkt neben einer Postfiliale! ABGEBAUT!

Und DA musste ich heute wie gesagt rein.
Wie früher auch schon war ich der einzige deutschstämmige Kunde außer den Bediensteten.

Hier werden viele Geldtransfers ins Ausland aufgegeben, Geld bar eingezahlt und Pakete in die Heimat geschickt.
Mehrheitlich ist die Kommunikation schwierig, die Kunden sprechen entweder kein deutsch oder schlecht deutsch - oder sind so jung, dass sie ihren Eltern an der Hand kaum übersetzen können, was der Mann von der Post da jetzt sagt.

Als ich dran bin, entspannen sich die Gesichtszüge des Postmannes.
Er sieht: Mit MIR wird er keine Kommunikationsprobleme haben.
Den Moment des Genusses kostet er aus - jede seiner Handbewegungen wirkt, als wäre sie mit einem iPhone in 240p gefilmt worden.

Langsam zählen seine in Jahrzehnten geübten Finger Seite für Seite meines (4-seitigen) Depotantrages durch, zuzüglich jenes Deckblattes für PostIdent.
Dieses betrifft nun IHN - und wird zur weiteren Bearbeitung des Auftrages präzise vorgelegt.
Mit einem an Linealpräzision grenzenden Augenmaß für Rechtwinkligkeit und Tischrandabstand.

Eine ruckartig streckende Armbewegung vom Körper weg zwecks Zurückgleitenlassen der Hemdmanschetten kündet von der baldigen Aufnahme der Vorgangsbearbeitung.
Markante Tastenbewegungen auf der IBM-Tastatur (sic) leiten den Scanvorgang des Barcodes ein.

Die Laserscanwaffe wird nun mit dem erfahrenen Augen des Scharfschützen langsam und mit
dem gebotenen kontrollierten Ausatmen zwecks Zielaufnahme in Richtung des Strichcodes geführt,
ein letztes prüfendes Zurseitelegen des Kopfes, dann drückt er ab!

Die 5 wie auf einem Spielwürfel angeordneten roten Laserabtastpunkte treffen mit militärischer Präzision auf den Scancode - alle in exakt dem gleichen Abstand zum Rand!
Man hätte es mit einem Fließbandroboter nicht präziser ansetzen können!
Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Jägers.

Ich habe reichlich Zeit, mich umzusehen - die Lamellen vor den Fenstern wurden seit Helmut Kohls Kanzlerschaft weder gewaschen noch ausgetauscht, ein Viertel von ihnen ist bereits verknittert oder defekt.
Die Böden sind linoleumüberzogen (was ich aber angesichts der Klientel verstehe) und lösen sich in den Raumecken bereits ab.

An der Wand hängt eine Urkunde.
Auf ihr steht "2.Platz Baden-Würtemberg Direktion Ost Zielerreichung 2013"
Leider sehe ich nicht, für welche Sparte die Urkunde verliehen wurde - ich vermute mal Neukundenwerbung im Segment Yellow Strom oder PostKredit oder so was.

Verkaufsleistungsurkunden für Beamte.
Diese Welt ist so irre, wenn Sie mich fragen.

Nun aber geht es zur Identifizierung!
Das prüfende Auge des Staatsdieners scannt mein Antlitz mit einer weitaus größeren Präzision,
als es 5 rote Scanlaserpunkte jemals zu bewerkstelligen vermöchten, ein Nicken in meine Richtung schließt den Erfassungsprozess ab.

Mein Personalausweis wird EXAKT MITTIG auf das Identformular gelegt, dabei mit allen seinen 4 Seiten Parallelen zum Formularrand in exakt identischer Entfernung bildend.

Die Daten werden eingetippt.
Die Staatshand lässt mit der Schiebegenauigkeit eines Geldautomaten den Ausweis bis 4,92 cm vor meine Hand gleiten, dann greift sie hinter sich und fischt einen selbstklebenden Umschlag zum Versenden meiner Formulare aus einem dafür beschrifteten Schieber.

Mit der gebotenen Demut vor der Bedeutung dieses Momentes erfolgreicher Kundenidentifizierung
lässt der Mann meine Antragsformulare und seine offizielle Identifizierung meiner Person
in den Umschlag gleiten, diesmal in den Moment würdigenden 480p.

Mit der Gleichmäßigkeit einer küchenerfahrenen Großmutter, die die Sahne auf ihre Schwarzwälder Kirschtorte glattstreicht, entfernt er den Selbstklebeschutzstreifen.
Er verschließt den Umschlag und legt ihn in das Versandfach hinter sich!
Es ist vollbracht.

Mit einem grenzseeligen Lächeln legt er seine Hände aufeinander und nickt mir zu.
Ich bedanke mich höflich und trete hinaus auf die Straße.

Dort kommen mir alle Menschen und Autos plötzlich so vor, als würde sie jemand im schnellen Vorwärtslauf vor meinen Augen abspulen.


Kommentare:

  1. ooooooooooooochhhhhhh.....nun musste ich aber mal ausatmen wegen des genialen Spannungsbogens....waere fast erstickt. :P

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sorry, ist bei mir wie mit dem Sex:
      KURZ konnte ich noch NIE ;-).

      Löschen
  2. Gnihihi...bei mir schon laenger her aber immer noch fuern Schenkelklopfer jut, guggste hier:
    http://www.voodooschaaf.org/blog/?p=394

    Es gruesst janz brav das Schaaf

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bedankt, heb ich mir auf für morgen abend daheim wieder.

      Löschen
    2. Bedankt, heb ich mir auf für morgen abend daheim wieder.

      Löschen

Hinterlassen Sie an dieser Stelle ruhig Ihre Gedanken - in dem Bewusstsein, dass Sie sich hier in meinem Wohnzimmer befinden und bei mir zu Gast sind.

Ich freue mich über Ihren Kommentar, wenn er dies beherzigt, aber ich lösche ihn, wenn er sein Gastrecht missbraucht.

Und sofern Sie auf Ihren Kommentar eine Antwort von mir haben möchten, erkenne ich das daran, dass er nicht anonym und ohne Namenszeichen abgegeben wurde.