Donnerstag, 1. September 2016

Ingrid


Als ich daheim in den Hof vorfahre, sitzt Ingrid im offenen Scheunentor auf einem Hocker.
Sie sitzt alleine dort.

Es ist der gleiche Hocker und die gleiche Stelle, wo sie gestern bereits saß, als ich heimkam.
Sie hat auch die gleiche Schürze an und geht der gleichen Tätigkeit nach wie gestern:
Sie säubert mit einem kleinen, alten Küchenmesser die kürzlich von Margrit geernteten und mittlerweile trockenen Zwiebeln vor.

Und da Margrit auch nach dem Tod ihres Mannes immer noch umfangreiche Äcker aktiv betreibt, sind es eine MENGE Zwiebeln.
Ingrid sitzt um es genau zu sagen neben einen ANHÄNGER VOLL Zwiebeln.
Es müssen Aberhunderte sein.

Die alte-Mädels-Clique ist seit Jahren allein, um nicht zu sagen einsam.
Die Letzte unter ihnen hat ihren Mann vor knapp 3 Jahren verloren. Er war unser Vermieter.
Nun sind sie alle Witwen, alle.
Margrit, Susi, Ingrid, Petra, Iris.

Sie alle haben ihre Männer überlebt.
Und es reichen zwei Finger um aufzuzählen, mit welcher gesundheitlichen Begründung der Tod ihnen jeweils die Männer wegnahm.

Petra kann kaum noch aus dem Haus, die Schmerzen im Rücken verunmöglichen längere Bewegungen (mehr als ein paar Minuten). Sie wünscht sich sehr den Tod und war immer schon in sich gekehrt und leise.

Iris sieht aus wie ein geschminkter Totenschädel, raucht und trinkt bei jeder Gelegenheit und schläft eine Woche lang im Sitzen, wenn sie frisch beim Frisuer zum Nachlackieren war. Sie lacht zu laut und krächzt mit ihrer Raucherstimme, die wie eine Reibefeile klingt, die Einsamkeit der Stunden nach Sonnenuntergang weg.

Susi reist viel, sie hat es relativ gut - der Mann hatte rechtzeitig Immobilien abbezahlt und vermietet, sie kommt zurecht. Seit ihr Hund auch noch tot ist, ist sie eigentlich nur noch unterwegs, fort, Hauptsache unterwegs, Hauptsache nicht daheim.

Margrit ist typisch Jungfrau - sie ist praktisch, wenig gefühlsgesteuert, lässst sich nichts anmerken.
Sie steht jeden Tag genauso früh auf wie die Jahrzehnte zuvor mit ihrem Mann.

Sie füttert die Tiere, guckt nach dem Stroh, startet ihr Hyundai-Schiff (der Mann liebte den Wagen so sehr) und fährt dann raus, raus auf irgendeines ihrer Felder, vielleicht zu den Zwergschafen nach dem rechten sehen.
Vielleicht auch in einen ihrer Weinberge.
Wo sie den ganzen Tag egal ob bei brütender Hitze oder Nieselwetter der Feldarbeit oder Weinbergpflege nachgeht.

Ingrid hat noch ihren Job an der Kundentheke.
Sie müsste nicht mehr, sie hat das Rentenalter lange erreicht.
Aber einerseits ist die Witwenrente von Karl knapp.
Und andererseitrs sucht sie nach jeder Minute, die sie nicht daheim sein muss.
Wo alles sie an ihren Karl erinnert.

Wie bei allen anderen Frauen auch steht der Mann bzw. sein Name noch an der Klingel.
Am Briefkasten.
An der Haustür.
Die Initialen des Paares auf dem Nummernschild.
So wird es bleiben.
Bis auch die Frauen gegangen sein werden.

Ich steige aus, schließe das Garagentor und gehe zu Ingrid rüber.
Ein paar aufmunternde Worte werden ihr gut tun.

Sie freut sich.
Hier habe sie eine Aufgabe.
Zuhause, nein. Da komme sie nur auf dumme Gedanken.
Nein, sie brauche nichts, danke.
Was ich ihr raus bringen könne, Saft, Wasser, Weißweinschorle? Cappuchino?
Nein danke, sie habe heute morgen ihren Früchtetee, da hier in der Kanne, der reiche ihr.
Weiter brauche sie nichts.

Ich nehme ihr das Versprechen ab, dass sie klingelt, sobald sie irgendetwas haben möchte und hole dann unsere geleerte braune Biomülltonne von der Straße rein.




Kommentare:

  1. Und irgendwie magst Du diese "Golden Girls" gern, oder?
    Es spricht sehr viel Mitgefühl aus Deinem Text, und wenn sie nicht mehr da sind, werden sie Dir fehlen.
    Liebe Grüße
    Sylana

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    1. Die mag ich TOTAL. Liebe Omis sind das.
      Aber ihre Situation macht mich nachdenklich...als Frau sollte man echt zusehen, dass man im Alter Hobbies und Freundinnen hat. Und seinen Alltag auch ohne Mann auf die Kette bekommen kann, wenn man plötzlich muss.

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    2. Rain, das ist diese Generation....die sind so erzogen, das sich ihr Leben um Mann, Kinder, Haushalt gedreht hat Wenn dann der Mann weg ist, dann büßen sie oft den Sinn des Lebens ein. Und Hobbys, na da war jahrelang keine Zeit dazu, bestimmt schwierig mit 75/80 sich noch was zu suchen. Ich mein, ich hab jetzt so meine Hobbys, es ist aber die Frage, ob das in dem Alter dann noch geht. Und zwischen der Arbeit etc. haben ja viele Frauen aus dieser Generation keine Hobbys gehabt, beziehungsweise diese aufgegeben.

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    3. Da ist DIE ARBEIT dann das Hobby gewesen. Stimmt.

      Mich tröstet ein wenig, dass so wie Du es sagst, der KÜNFTIGEN Generation von Witwen es vielleicht etwas..."leichter" ergeht.
      Zumindest möchte ich das gerne glauben.

      Mit Blick auf die vielen Grabsteine, an denen ich heute vorbeigehen musste, kann man nämlich festhalten: Den MÄNNERN wird das nicht passieren, die gehen ja als Erstes.

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  2. Ist das nbun gut oder schlecht, dass die Männer zuerst gehen?
    Wie denkst Du darüber? Bist Du darüber ein klein wenig "erleichtert", dass es Dir wahrscheinlich nicht so ergehen wird?

    Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Freundinnen werden auch rar aufgrund der Sterblichkeit in diesem Alter. Manch eine Dame wird so "enden". Ich eingeschlossen. Wahrscheinlich in einem kleinen Haufen voller Tiere. ;-)

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    1. Ja, das bn ich. Und JA; es ist GUT, dass die Frauen jene sind, die LÄNGER leben:
      Wer mal einen Mann in seinen späten 70ern gesehen hat, wie hilflos der ohne seine Frau ein Brot schmiert oder Wäsche waschen soll oder das Haus putzen soll oder oder oder...der kommt nicht umhin festzustellen:
      Männer allein sind doch überhaupt nicht überlebensfähig!

      Das ist denke ich auch bei den Männern der Zukunft nicht viel anders.
      Und da DIE überleben sollten, die das auch KÖNNEN, sage ich:
      Lieber leben Frauen länger.

      Es ist daher gut, sich beizeiten ein paar Freundinnen zuzulegen.
      Die sind auf lange Sicht wichtiger als Männer.

      Und zumindest sind sie dann noch DA.

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