Freitag, 2. September 2016

Nice day...for a funeral



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nachdenklichen Inhalten.

Wie das halt oft so bei mir ist. ]


Als ich 30 Minuten vor Beginn der Trauerzeremonie auf dem Friedhof eintreffe, bekomme ich gerade noch so den vorletzten Parkplatz.
Später hätt's echt nicht sein dürfen, Rain.


Auf dem Weg zur Trauerhalle begegnet mir ein Eichhorn, was mich nicht minder staunend anguckt, als ich das vermutlich bei ihm tue.
Ein Zeichen für das Leben, denke ich mir.



Ich erspähe in der ebenfalls schon wartenden Menge an Trauergästen meine Chefin und stelle mich zu ihr. Sie kaut auf ihren Lippen herum, die Trauer-/Lobrede, die sie gleich wird halten müssen, zerrt an ihren Nerven.

Der Tag könnte nicht schöner sein, könnte man ihn sich für seine eigene Bestattung aussuchen:
Blauer Himmel, kaum Wolken, etwas kühlender Wind, nicht zu heiß.

Ein schöner Tag, (selbst) für eine Beerdigung.

Die Witwe des Kollegen selbst erscheint erst nur Augenblicke, bevor alle die Aussegnungshalle betreten.
Viele Sportkollegen und Freunde sind gekommen, etliche Bekannte, nur eine Handvoll Arbeitskollegen.
Die Chefin ist überrascht, wie wenige von uns da sind.
Ich hingegen zähle mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte.

Auf den Bänken der Aussegnungshalle sitzt man hart und unbequem.
Die Plätze sind mit ökumenischen Gesangsbüchern ausgelegt und ich sage zu der Kollegin neben mir, dass wir NOCH zum Glück kaum eines der Lieder darin kennen dürften.
Und dass man unter Anderem daran, dass irgendwann der Tag komme, an dem man plötzlich die Mehrzahl der Lieder schon einmal gesungen habe, ersehen könne, dass man selbst als einer der Nächsten dran ist.



"Selig die Toten, die in Gott sterben" steht hinter dem Altar ins Holz in riesigen Lettern graviert.
Auch beim vierten Lesen bleibt der Spruch einer der Dümmsten, den ich je gehört habe.

Die Trauerzeremonie beginnt mit einem der Lieder, die der Kollege sich wohl noch in seinen letzten Tagen selbst ausgesucht hatte.

"Who wants to live forever" von Queen ist schon pur emotional  kaum zu ertragen, in einer Aussegnungshalle aber löst er Sturzbäche von Salzwasser aus, auch bei mir.

Die Trauerrede wirkt professionell, ohne zu sehr ins Sentimentale abzugleiten.
Das ist gut. Die Mutter des Verstorbenen ist in ihrem Rollstuhl ohnehin an der absoluten Grenze des Erleidbaren. Die schwangere Tochter in der ersten Reihe ebenfalls.

Der nächste Song wirkt -angesichts der Tatsache, dass ein begeisteter aktiver Ballsportler jetzt gleich 1,80m unter die Erde verfrachtet wird- mit "Rolling in the deep" von Adele fast schon ein bisschen sarkastisch.
Aber: Gut zum emotionalen Durchatmen.

Die Rede des Vorstands seiner Sportkameraden wirkt etwas neutral, aber noch ok.
Meine Chefin hingegen liefert einen unerwartet gefühlvollen, authentischen Nachruf ab, der über unseren Erwartungen liegt.

Dann der letzte song, "The winner takes it all" von ABBA.
(Ganz ehrlich, das ist ein Fehlgriff.
Geeigneter wäre "Like an angel passing through my room" von denen gewesen.)

Mit dem Ausklingen der letzten Töne schwingt lautlos elektrisch die hintere Front der Aussegnungshalle zur Seite und der Trauerzug geleitet die Urne des Verstorbenen an seine letzte Ruhestätte.

Am Grab bricht seine Mutter zusammen.
Das eigene Kind zu Grab zu tragen muss das Schlimmste sein, was einem Menschen widerfahren kann, sagt man.
Es dauert, bis wir vortreten können, die Liste derer, die sich verabschieden wollen, ist lang.

Die Schalen am Urnengrab sind mit blauen und weißen Blüten gefüllt.
Das waren seine Lieblingsfarben.
Und deswegen trägt fast Keiner hier heute schwarz - er wollte das so.
Wir alle sollten blau und weiß tragen.
Also habe ich meinen blauen Anzug und ein weißes Hemd zu blauer Krawatte an.
(Ich hoffe, die braunen Schuhe gehen ok.)

Begleitet von ein paar geflüsterten Silben schwebt meine zusammengerollte Blüte auf seine Urne.
Zwei Schritte zur Seite, eine Umarmung für die Witwe, dann ziehen wir uns zurück.

Wir verlassen langsamen Schrittes den Friedhof.
Am Gitterzaun braucht TR erstmal eine Kippe, die Chefin schnauft durch, die Kollegin braucht einen Espresso. Wir verziehen uns in eine Gartenwirtschaft 200m um die Ecke und es dauert eine Weile, bis die Gespräche wieder in Gang kommen.

Zuhause angekommen (400 Meter Entfernung) brauche ich erst einmal Lautstärke.
Also, wirkliche Lautstärke.
Zum Niederbrüllen der Stille in mir.

Und wie immer suche ich mir dazu einen Titel aus, der thematisch passt.

Auf Wiedersehen, Kollege.


Kommentare:

  1. Der Tod ist (fast) immer etwas furchbares. Umso so jünger der Mensch --- desto scheinbar sinnloser. Aber keiner von uns kann ihn aufhalten.
    Seit ich im August 2008 den Unfalltot meines 19-jährigen Patensohnes zu verdauen habe, versuche ich mir eine andere Sicht auf den Tod anzueignen. Jeder der geboren wird, bringt bei der Geburt ein Buch mit sich, in den alle Dinge die er erlebt reingeschrieben werden und wenndas Buch voll ist, dann muss man von dieser Welt wieder abtreten. Das Manko an der Sache ist nur, dass einige ein Buch mit sehr wenigen Seiten haben.

    Apropos Buch ... eine etwas andere Sicht auf den bevorstehenden Tot wurde in einem Buch geschrieben, welches ich sehr interessant fand.

    https://www.piper.de/buecher/bin-mal-kurz-tot-isbn-978-3-492-70334-5

    Es ist zwar eher flappsig geschrieben, aber dennoch gibt es einige Stellen über die ich in einer ruhigen Minute mal nachdenken musste. Denn egal wie schlimm wir das Thema Tod finden ... am Ende betrifft es uns alle

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    1. Ich habe den Tod GsD auch in dem einen oder anderen Fall als ERLÖSUNG kennenlernen dürfen, im Sinne einer besseren (hoffentlich) Zeit für BEIDE Seiten.

      Danke für den Buchtipp.
      Auch, wenn ich die Lektüre von ROMANEN für meine Person vor dem Erreichen des Ruhestandsalters weitestgehend auszuschließen vermag^^.

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  2. Ich kann mit jeder Faser jede einzelne Szene nachempfinden, die du oben beschreibst. Ich habe schon zu viele gehen lassen müssen. Es wird nicht leichter, Beerdigungen "beizuwohnen" (was für ein blödes Wort!). LG & umärmel, fly

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    1. Das "dabei sein können" bem lesen ist ja ZIEL des Bloggens :-).

      Eigentlich MAG ich ja Friedhöfe:
      Die Ruhe, die sie ausstrahlen.
      Die Geschichten, die die Steine erzählen.
      Die ungestörte Geschäftigkeit der Eichhörnchen.

      Lediglich die Anlässe, sie aufzusuchen, sind für die Lebenden ein Graus.

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