Dienstag, 11. Oktober 2016

exit values


Es geht um Besitz. Sind Sie käuflich?
Wenn nein, bis zu welchem Angebot nicht?
Ab wann doch wieder?

Denn: Mit so Begrifflichkeiten wie "grundsätzlich nicht!" wär' ich vorsichtig - Sie wissen ja nicht, wie dumm Sie dastehen könnten, wenn das vermeintlich nie auftauchende Angebot, zu dem Sie gerade eben noch mit stolzgeschwellter Brust und bis zur Schädeldecke gefüllt mit moralisch hochwertigen Grundüberzeugungen NEIN gesagt haben plötzlich konkret vor Ihnen auf dem Tisch liegt.

Es gibt ja diese Serie von memes, bei denen in leicht veränderter Form immer das gleicher Angebot unterbreitet wird: "Wenn man Dir hundert Millionen Euro gibt, aber Du müsstest eine/n Freund/in dafür erschießen - würdest Du es tun?" 
(Daraus wurde mittlerweile: "- wohin genau würdest Du zielen?"^^.)

Aber worauf ich eigentlich raus will:
Es ist mein Eindruck, dass der BESITZ von Dingen und der SCHEIN, den man selbst wirft, heute als viel höhere "Werte" angesehen werden im Vergleich dazu, wie KÖNNEN und WISSEN bewertet werden.

Beispiel (jetzt kommt sehr viel content mit "früher"-smell), klar gab's auch früher schon z.B. Mitschüler, die dank ihrer Eltern viel Geld hatten und immer nur mit den neuesten Klamotten rumgelaufen sind - aber wenn das IDIOTEN waren, dann war man sich in der Klasse halt einig:
Das ist ein IDIOT.
Der konnte nichts, der wurde immer nur mit durchgezogen, sein Vater hat Kohle usw. - heißt:
bewundert hat den Keiner!

Heute sind das zwar immer noch Idioten - aber es scheint niemanden mehr zu kümmern?!
Das sind plötzlich Vorbilder??!

Denn: Es sind Leute wie diese, die Sie sehen, wenn Sie den Fernseher anmachen.
Wie kam es denn bitte dazu? Ich muss da was verpasst haben.

Es werden in den wirklich relevanten Sendezeiten nach meinem Empfinden nur noch Menschen gezeigt, die irgendwas "haben".

Entweder Millionen in Geld (durch Glück oder geerbt oder geheiratet oder sonst wie nicht langfristig erarbeitet) oder das neueste Smartphone das in die Kamera gehalten wird oder ein..."einzigartiges" Erscheinungsbild durch unzählige Schönheits-OPs oder weil sie es aus irgendwelchen Gründen für erstrebenswert halten, sich von Zietlow, Klum, Bohlen oder sonst wem vor laufenden Kameras erniedrigen zu lassen.

Erniedrigen - für WAS? Mit welchem Ziel?
Was ist IHRE Erklärung dafür? Warum ist das so?

Alles, was Sie in den oben genannten Formaten bekommen können, ist nur - Besitz.
Geld also.
Was ist schiefgelaufen, dass so was nicht nach der allerersten Ausstrahlung abgesetzt wird?
Was wurde Menschen an WERTEN vermittelt, die es akzeptabel finden, dass Menschen lediglich ihres Besitzes wegen interviewt, gezeigt, ausgestrahlt werden?

Und wenn Sie bislang selbst keine publicity oder keinen Reichtum haben, können Sie wenigstens Anderen dabei zusehen, wie sie sich der Lächerlichkeit preisgeben bei dem Versuch, das zu bekommen - oder falls schon vorhanden, wie sie es auf den Kopf hauen.

Anderes Beispiel: Haben Sie sich mal auf Instagram umgeschaut?

Es gibt KEINEN Weg, wie Sie als Frau auf Instagram glücklich werden können mit dem,
was man Ihnen dort zeigt  (als Mann auch nicht).
Es gibt KEINEN Weg, wie Sie als Heranwachsender etwas Gutes für sich selbst daraus ziehen können, wenn Sie einer der halben Millionen Abonenten z.B. des RRK-accounts sind.
Was denkt denn Ihrer Meinung nach eine Teenie, die zwei Stunden dort rumsurft und nur GNTM-Mädchen und Bikini-Beauty-fashion-lifestyle-accounts anguckt?
Was wird als Eindruck bleiben in ihrem Kopf?

Was Sie DA zu sehen kriegen, ist grundsätzlich nicht geeignet, Ihnen etwas Gutes zu tun
und ihrem Geist und Ihrer Seele zuträglich zu sein.
Instagram ist ein einziges sich-auf-die-Waage-stellen-und-dabei-frustriert-werden und ein
ich-war-gerade-am-Geldautomaten-aber-es-kam-nix-mehr-raus.
Nur ganztätig und in Farbe, mit vielen Fotos.

Wann haben Sie das letzte Mal jemanden gesehen, der gezeigt wurde, weil er was KANN?
Gutes Aussehen und sich schminken können jetzt mal ausgenommen bei dem Begriff "Können".
Und kommen Sie jetzt nicht mit"Wer-wird-Millionär" - da geht's auch nur um Geld (wenn Sie Kandidat sind) bzw. der Lächerlichkeit preisgeben (wenn Sie Jauch heißen).

Ja nachdem, wie Ihre Antwort auf die Fragen oben ausfällt, gibt es zwei Kategorien,
in die sich diese einsortieren lassen:
  1. Es handelt sich um eine Fehlentwicklung. (Die Gründe sind vielfältig, aber sichtbar.)
  2. Es handelt sich um keine Fehlentwicklung. (Die Gründe sind wenige, aber verborgen.)


Na, was meinen Sie?
Ich hab' auch eine Meinung dazu.
Die kommt morgen. Oder so.


Kommentare:

  1. Oh, schwere Kost am frühen Morgen, zum Glück habe ich heute meinen Kaffee unfallfrei intus.

    Es handelt sich mMn definitv um eine Fehlentwicklung, und die Gründe dafür sind vielfältig, lassen sich aber letztlich auf einen zurückführen: Es geht uns zu gut. (Und einigen zu schlecht.)
    Das führt dazu, dass niemand mehr auf den anderen angewiesen ist, um zu überleben, und dass die Seichtigkeit des Seins exzessiv ausgelebt wird. Und die, denen es nicht so gut geht, können sich in Traum- und Scheinwelten flüchten.
    Laß nur einmal die Natur husten (also - um mal zu dramatisieren - zum Beispiel den Laacher See oder noch größer Yellowstone hochgehen oder es fällt uns was Großes aufn Kopp), dann wird die Auslese eben sehr brutal sein.

    Ohne jetzt sehr darüber nachgedacht zu haben: Meine moralische Messlatte hängt da, wo andere zu Schaden kommen. Also gäbe es die 100 Mio. Euros für mich nicht. Was schade wäre, aber ich könnte mich im Spiegel angucken.

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    1. Jau, ich dachte mir: Morgens gleich mal 'ne Packung, das tut denen gut. 'Kann ja nicht immer um Titten und Blödsinn gehen, 'bisschen mal wieder den Bildungsblog rauskehren!" ;-)

      Das kann tatsächlich sein, was Du sagst - vielleicht sind wir wirklich so....dekadent geworden, dass uns die moralische kraft und die soziale Notwendigkeit schlichtweg FEHLT, diese Missstände beheben zu können/wollen.
      (Allerdings denke ICH noch was Anderes.)

      Dass die Natur "hustet", werden wir glaube ich ziemlich wahrscheinlich noch erleben.
      Hoffentlich so, dass wir nicht daran zugrunde gehen.
      Ach, obwohl.

      Andere dürfen nicht zu schaden kommen, sagst Du?
      ALLE Anderen? Auch die ganz, ganz Bösen nicht? Ein hoher Preis!

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  2. Besitz an sich ist nichts schlechtes, es kommt nur darauf an, was genau man besitzt. Sehr gut, aber kaum noch vorhanden, ist geistiger Besitz. Ich bewundere Menschen, die über ein großes Allgemeinwissen verfügen, die nicht gleich Handy und Gugel oder Wikipedia brauchen, wenn sie was gefragt werden. Die subtile Anspielungen (aufgrund ihrer weitreichenden Allgemeinbildung) sofort verstehen. Aber diese Art Mensch stirbt wohl aus. Oder verschwindet.

    Wissen kann man nicht sehen, kann man nicht nach außen tragen wie eine Rolex, einen Porsche, das letzte Ed-Hardy-Hemd. In der heutigen Zeit ist es leider so, dass "man zeigt, was man hat". Und da geht es eben um Quantität, nicht um Qualität. Kinder bekommen es durch Fernsehen oder die Eltern "eingeimpft" und vorgespielt. Und Kinder, das wissen wir, kopieren ja lediglich, was sie vorgelebt bekommen. Heutzutage, mit dem Zwang, dass beide Eltern arbeiten gehen müssen, um sich ein klein wenig bescheidenen Wohlstand aufzubauen (wobei sich hier schon wieder die Frage stellt: Was genau bezeichne und benötige ich als Wohlstand?), werden Kinder nicht selten vor dem Fernseher geparkt und erfahren von dort ihre "Bildung". Und die besteht, man schaue nur mal deutsches Kinderprogramm auf Nickelodeon, KiKa, Toggo und wie sie alle heißen, größtenteils aus Werbung. So werden die Kleinen schon von Anfang auf Konsum konditioniert. Ja, es gibt Alternativen dazu, allerdings nicht im deutschsprachigen Raum. Die BBC hat mit Cebeebies ein Kinderprogramm, das gänzlich ohne Werbung auskommt und sogar mehr Bildung vermittelt. Wenig auf amerikanische Zeichentrickserien setzt. Aber eben in englisch.

    Ich kenne es aus der eigenen Familie: das neueste Handy muss es sein, selbst wenn das "Alte" gerade mal ein knappes Jahr alt ist. Es gibt keinen Werteerhalt mehr, kein Gefühl, etwas langfristig zu nutzen und zu besitzen. Ich frage mich ja, wie wir es schafften, heutzutage noch Gebäude aus dem 16. Jahrhundert zu besitzen? Wären damals die Leute ähnlich gepolt wie heute, all unsere Geschichtsbeweise, unsere kulturellen Erbschaften wären gerade mal maximal 50 Jahre alt. Eine Mona Lisa hätte 60 Jahre nach ihrer Erschaffung den Weg zum Sperrmüll gefunden, Spinette, Biedermeiermöbel, selbst Nierentische gäbe es nicht mehr. Und ebenso das Wissen darüber, wie man es herstellt. Obwohl, dieses Wissen geht jetzt schon verloren. Wie viele Wagenbauer gibt es noch? Wie viele Kürschner, Schneider, Schuhmacher? Natürlich unterliegt die menschliche Entwicklung einem steten Wandel, aber man fragt sich heutzutage nicht mehr: ist dieser Wandel auch wirklich gut und zukunftsfähig?

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    1. Sehr treffend, vor allem "es gibt keinen Werteerhalt mehr". Das ist auch meine Meinung.
      Und ich bin zum Beispiel fast jeden Tag damit konfrontiert, wie wenig Menschen sich ohne die Vitamine B, A, S und F, sprich ohne Chemie noch Essen zubereiten können. Ein Trauerspiel ...

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    2. "o tempora, o mores",
      das, werter Herr Pathologe, pflegt unser halbwüchsiger Sohn grinsend zu dergleichen Diskussionen/Gesprächen Erwachsener stets zu sagen ;)
      Tatsächlich erlebe ich für meinen Teil die nachwachsende Generation beileibe nicht so werteverfallend wie von Ihnen beschrieben. Ganz im Gegenteil, ich bin guter Dinge und blicke optimistisch in die Zukunft :)


      Ein herzlicher Gruß
      G.

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    3. @ Dr.P.:
      Volle Zustimmung. Das mit den Gebäuden frage ich mich auch immer staunend, wenn ich den Kölner Dom oder ähnlich Spektakuläres ansehe...wir könnten und WOLLTEN solche Qualität heute gar nicht mehr herstellen.
      Egal, was wir derzeit hier anstellen´: Es ist nicht darauf ausgelegt, dass irgendetwas davon länger bleibt, als für seinen Konsumzeitraum notwendig.
      Telefone sind heute ohne updates im Handumdrehen funktions- und wertlos.

      Wenn wir morgen von der Erdkugel verschwinden, findet man in 500 Jahren bestenfalls noch DAS, was VOR 500 Jahren auch schon da war. Absolut irre.

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    4. @ AnnJ:
      Das mit dem Essen ist in der Tat eines der besseren Beispiele.
      Auch so ein Phänomen: Kochsendungen haben Kochen ersetzt.

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    5. @G:
      Ich hatte eigentlich nicht die junge Generation als im Werteverfall begriffen beschrieben, sondern das, was WIR ihr lassen.

      (Und wenn Sie DAS HIER in Summe als "pessimistisch" empfunden haben, muss Ihnen der morgige post vorkommen wie der Vorhof zur Hölle^^.)

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  3. Stil_l_leserin
    Ich bin ein Vertreter der 3. Kategorie (es handelt sich um eine Fehlentwicklung und die Gründe sind wenige, aber sichtbar).
    -züchte ein Volk von Blödzeitungsmedienkonsumenten schon von früher Kindheit an heran
    -gib ihm prekäre Beschäftigungsverhältnisse jeglicher Art (s. a. Ursache/Wirkung )
    und Spiele, Fratzenbuch, Social Media
    und die Politik kann sich mit verschränkten Armen zurücklehnen und zusehen, wie sich der Rest von allein erledigt.

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    1. Frau Stillleserin?
      Ich glaube, morgen ist hier ein Blogtag ganz nach Ihrem Geschmack^^.

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  4. ich gebe zu, dass ich definitiv bestechlich bin. Aber das ist nicht an einem Geldbetrag festzumachen. Manchmal reicht eine Einladung zu einem Eis oder so. Es gibt aber auch Dinge, wofür der Auftraggeber extrem, also wirklich extrem, tief in die Tasche greifen müsste.
    Und wenn es um das Wohl der Menschen geht die mir am Nächsten stehen kenne ich auch keine Skrupel.

    Fehlentwicklung hin oder her .... der Mensch hat sich nun mal so entwickelt, dass er immer im Bestreben ist, seine Schäfchen ins Trockne zu bringen.

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    1. Das klang gerade wunderbar weiblich ;-)...was Süßes reicht manchmal schon :-D.

      Das mit den Skrupeln kenne ich. Nicht. Nichts beseitigt Skrupel und Mitgefühl bei mir so sehr und gründlich wie Ungerechtigkeit gegenüber jenen, die ich liebe.

      @ Fehlentwicklungen: Ein guter Ansatz! Aber...wer genau bringt da seine Schäfchen ins Trockene? Und wie tut er das?
      Die Antwort kann spannend sein. Je nachdem, was man sich zu glauben traut.

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  5. Da fällt mir nur eines ein. Das Buch "Haben oder Sein" von Erich Fromm.

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