Dienstag, 29. November 2016

Nicht ganz


Der Tag beginnt, in dem ich morgens müder aufwache als beim zu-Bett-Gehen und
kaum aus dem Bett komme.
Und gleich mal die selbe Frage im Kopf wie gestern.
Und Vorgestern.
Sie lautet: "Wozu eigentlich?"

Auf dem Weg zur Küche (Kaffeemaschine anschalten) fällt mir auf, wie langsam ich in letzter Zeit bin. Wirklich langsam.
Nicht im Sinne von gemütlich.
Eher...hinauszögernd langsam.

Zu sagen, dass ich im Moment nicht ganz alles auf die Kette kriege und dass ich
nicht ganz behaupten kann, die Kontrolle über mein Leben zu haben, trifft es nicht.

Es wäre vielmehr ein blanker Euphemismus, gerechtfertigt durch gar nichts,
die feine Linie zwischen wohlwollendem "wird schon wieder"-Schulterklopfen und glatter Werbelüge
dabei grenzübertretend.

Es hat sich angekündigt. Das tut es immer.
Seit so etwa zwei Wochen.

Und es fing wie so oft damit an, dass mir bestimmte Orthographiefehler in meinem Getippten auffielen (ein Symtom, auf das eine homöopathisch angehauchte Ärztin mich mal sensibilisiert hat, plus Eigenbeobachtung).

Nämlich, in dem sich stark emotionale Gedanken bei mir derart schnell und wirr buffern, dass ich nicht hinterherkomme, sie zu bewerten, zu filtern, zu relativieren, in nicht-offensive Worte und Sätze zu verpacken und dann noch -meine anti-Königsdisziplin- an den Richtigen in der richtigen Form zu adressieren.

Was sich dann so auswrikt, dass ich anfagne, Buchstbaen miteinadner zu vertaucshen und auszulassn - und das, obwohl chi dre felsenfetsen Meinugn bin, alles rihctig getipt zu haben (das war jetzt ein Beispiel).
Die Haare könnt' ich mir manchmal raufen, sehe ich mir WhatsApp-Chats von mir selbst an.
3 Sekunden NACH dem Senden erst, leider.
(Und das MIR als 15-Punkte-Deutsch-LK'ler.)

Texte wie der da oben sind mir nicht ganz unbekannte Vorboten.

Vorboten einer bevorstehenden Dissoziation,
sich langsam aufbauend,
Treibstoff aus unguten Gedanken und aus Tränen durchwachter Nächte voller Selbstzweifel einlagernd,
wartend auf einen günstigen Moment,
auf ein falsches Wort,
ein Missverständnis vielleicht,
um den Funken irgendeiner strohtrockenen Gehirnsynapse zu nutzen,
den Flächenbrand zu entfachen,
der mich dann gefühlt an die Grenze einer Autismuserfahrung bringt.
Wo ich niemanden um mich herum mehr verstehe und meine Umgebung auf mich wirkt wie Aliens, die mich entführt haben.
Und die mich ziemlich ankotzen.

Und wo ich dann zusehen kann, wie ich diesen Scheiß wieder nicht ganz gelöscht kriege.
Bis zum nächsten Mal.

Es ist so mühsam und ermüdend, sich dann zusammenreißen zu müssen.
Um eben nicht hinter jedem Satz eine gehässige Anspielung zu erkennen,
eine Kritik an meinem Verhalten oder an meinem Unterlassen.

Es erfordert an manchem Tag nahezu die gesamte Kraft, sich für eine scheißnormale Konversation zusammenzureißen.
Hinter einer simplen privaten Terminverschiebung eben nicht das zu vermuten, was der Gollum auf meiner Schulter mir unhörbar für Andere in mein Ohr flüstert.

Und in WhatsApp so zu tun, als könnte ich mich mit Anderen über deren schöne Erlebnisse freuen.
Im Gegenteil, es zieht mich noch weiter runter.
Ich will es nicht hören, was Andere haben.



Irgendwie hatte ich mir dieses "Leben"-Dingsda nicht ganz so schwierig vorgestellt.



Kommentare:

  1. Und genau diese Situationen bringen mich dazu, an allem zu zweifeln, was in meinem Leben in irgendeiner Form Bestand hat. Mich zu fragen, ob ich dieses Leben überhaupt noch will, oder ob ich alles umkrempeln soll - Beziehung, Job, Lebensmittelpunkt. Meist zieht das einen Gang zum Psychologen meines Vertrauens nach sich. Und immer ist die Ursache recht schnell erkannt. Und sobald die Ursache bekannt ist, kann ich wieder atmen, und mich und die anderen um mich wieder leben lassen. Weil ich mit der Kenntnis der Ursache arbeiten kann. Denn meine Lebenssituation ist hervorragend. No need for a change.
    Vielleicht kommt aber der Punkt, wo das Bedürfnis nach Veränderung so groß wird, dass ich es Durchziehen muss. Mich von allem Lösen muss. Und Tabula rasa mein einzig richtiger Weg scheint. Dann muss es wohl auch so sein. (fly)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. "Psychologe meines Vertrauens" - so was brauch' ich glaube ich auch.^^
      Und freilich ist es "schön", die "Ursache bekannt" zu machen - ich frage mich hin und wieder aber, warum daraus bitte immer irgendwie ARBEIT für mich resultieren soll?
      Kann denn nicht einfach auch mal was LAUFEN?
      OHNE, dass ich mich innerlich immer wieder anschieben muss?

      Löschen
  2. An Dir mag ich, dass Du so viele Seiten zeigst.

    AntwortenLöschen
  3. Das Leben IST schwierig (zumindest für einen denkenden Menschen). Aber es ist auch schön, vielleicht gerade weil es diese schwierigen Momente gibt. Du scheinst Dich selbst gut zu kennen, was ja schon einmal eine wichtige Voraussetzung dafür ist, aus dieser Situation wieder "herauszukommen". Vielleicht musst Du Dir jetzt diese Zeit nehmen, um Deinen Weg zu erkennen und/oder Deinen Weg zu ändern.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. SCHÖNES DING, dieser erste Satz!
      Nach der Möglichkeit, ETWAS weniger zu "denken", suche ich noch.

      Aber an einer Stelle möchte ich widersprechen: Vermöchte mir die Fähigkeit zur Selbstkenntnis/Selbstreflexion dabei, wieder "herauszukommen", dann gäbe es diesen Artikel da oben nicht.

      Löschen
    2. ja, das verstehe und kenne ich. Ich weiß auch, warum ich so fühle, wie ich fühle und es hilft mir rein gar nichts. Aber man kann ja mal träumen bzw. hoffen ;-)
      Weniger denken geht auch nicht...und will man das? Ach, es ist verzwickt. Und - schwierig.

      Löschen
    3. Wenn ich jetzt noch eine Prise Hedonismus (an den GUTEN Tagen) beimixen darf ins Leben, dann sind wir absolut d'accord :-).

      Löschen
  4. Das, was Sie hier beschreiben, ist mir in Teilen nicht fremd. Tritt immer mal wieder auf und ich nenne es inzwischen liebevoll meine "kleine Quartalsspinnerei". Wollte hierzu eigentlich nichts kommentieren, weil mir Themen wie diese mittlerweile zu dünnes Eis sind, allerdings kam mir auf FB gerade ein Post zum Thema Dissoziation unter, bei dem ich an Sie denken musste:

    "Gestern Abend sprachen wir in der Psychotherapieausbildung darüber, dass C.G. Jung davon ausging, dass wir Menschen dazu neigen, persönliche Anteile von uns, die vielleicht im Widerspruch zu anderen Aspekten unseres Selbst stehen, abzuspalten - d.h. dass wir uns von ihnen dissoziieren. Wenn wir uns aber als integrierte, sich-verwirklichende Persönlichkeit erleben wollen, ist es zentral, dass wir uns genau diese starken Dissonanzen /Pole in uns bewusst machen. Der abgespaltene Anteil enthält oft eine sehr wichtige Botschaft für uns. Vielleicht spüren wir Ihn erst in der Krise - durch ein heftiges emotionales Signal. Wir wissen: so geht es nicht mehr weiter. Gerade dann macht es Sinn sich genau diesen Anteil noch einmal besonders genau anzuschauen. Warum haben wir ihn ausgegrenzt? Ist diese Seite in uns früher unerwünscht gewesen? Gibt es einen Konflikt der dahinter steht? Oder macht uns diese Seite in uns Angst- weil sie so ganz anders ist, als wir meinen zu sein?"

    Ich weiß nicht, ob Sie davon irgendwas anspricht - mich schon - falls nicht, vergessen Sie es einfach. ;) Lässt sich allerdings auch schön ein Bogen zu den im vorigen Post erwähnten Kompromissen (egal in welchem Lebensbereich) schlagen, die -zumindest in den hinterletzten Seelenkammern - langfristig nie ohne Folgen bleiben... und plötzlich ist man von Aliens umgeben und fragt sich, wo man den falschen Abzweig genommen hat...

    LG u. passen Sie auf sich auf!
    A.

    P.S: Unterschreibe das, was Helma schreibt. ;)


    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das mit der "Quartalsspinnerei" gefällt mir - ich nenne es bei mir ganz ähnlich^^.
      Was ich NICHT weiß, ist: Was ist der Normalzustand? Wann ist normalnull?
      Beurteile ich die Lage falsch, wenn nichts weh tut?
      Oder sehe ich dann einfach nur nicht hinreichend genau hin?

      Sehe ich die Lage nüchtern, aber schärfer, wenn es mir schlecht geht?
      Welchen Sinn hätte dann, scharf hinzusehen?

      Das mit dem "auf mich Aufpassen" bekomme ich in einer Häufigkeit als herzliche Empfehlung, dass es mich nachdenklich macht^^.

      Löschen
    2. "normal" gibt es nicht, lieber Rain. Niemand ist "normal". Bzw. alle und alles ist "normal"! Die Themen poppen immer wieder auf. Ich habe gelernt, dass ich nie "fertig" sein werde, sondern sich immer wieder die Themen stellen werden. Ich habe auch gelernt, dass es nicht Ziel ist, fertig zu werden. Ziel ist, wenn die Themen hochkommen (sie kleiden sich unterschiedlich, aber sie haben immer dieselbe Ursache), hinschauen, anschauen, wenn nötig bearbeiten, wieder weglegen. Und Ziel ist, diesen Prozess jedes Mal schneller hinzukriegen. Schneller zu merken, dass wieder etwas im Argen liegt, schneller die Ursachenfindung zu machen. Schneller wieder weglegen können. Die Phasen, wo es mir gut geht, und wo nichts aufpoppt, werden länger. Aber der Illusion, dass irgendwann auf ewig alles gut sein wird, gebe ich mich nicht mehr hin. Seit ich das so sehe, tue ich mir leichter. Rain, du bist locker gut genug! Die meisten Menschen merken nicht mal, dass etwas nicht stimmt. Du bist da viel weiter! Derjenige, der nicht mal merkt, dass etwas nicht stimmt, kann auch nix dagegen tun. Du hingegen kannst dagegen angehen, um dann für gewisse Zeit wieder Seelenfrieden zu finden. Das ist um 100 % mehr als die meisten Menschen haben! Und genau darum geht es!!!! (Das ist gleichzeitig die Antwort auf deine obige Antwort auf meinen Kommentar). (fly)

      Löschen
    3. Sie können Fragen stellen. Wer soll Ihnen denn sagen, was IHR Normalzustand ist? ;D Wenn Sie scharf hinschauen und sich gut beobachten, dann finden Sie das irgendwann selbst raus. Wobei es mich wundern würde, wenn Sie das nicht schon wüssten. ;) Und den Tipp mit der Chilischote finde ich großartig. Habe neulich kleine Mini-Chilischoten gesehen - quasi für die Hosenstasche. Sollten Sie immer bei sich tragen. Sicherheitshalber. Andere nehmen Bachblüten, Sie setzen auf Chili. ;)

      LG A.

      Löschen
    4. @ fly:
      Die Menschen, die nicht mitkriegen, wenn was schiefläuft, die beneide ich manchmal^^.

      "Das Ziel ist es, diesen Prozess jedes Mal ein bisschen schneller hinzukriegen."? Vielleicht ist es das wirklich. Kleine Ziele, viele Schritte.

      Löschen
    5. @ A.:
      Ja, kann ich!^^
      Und ich muss mich leider wiederholen: Ich kann nicht sicher sagen, was mein Zustand der "Normalbeurteilungsfähigkeit" ist. Ich kenne nur "tut weh" und "tut nicht weh".

      Dass BEIDES zusammen "normal" sein soll unter einem Dach sozusagen?
      Das wäre gewissermaßen eine Enttäuschung für mich, jemand Anderen würde diese Erkenntnis aber vielleicht beruhigen.

      Und hey, das mit dem CHILI muss ich echt mal testen!
      'Ist auch kalorienärmer als der Frauenweg (= Schokolade^^)

      Löschen
  5. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass Chilischoten recht nützlich sind in solchen Episoden.
    Wenn es zu schlimm ist, dann eine rohe Chilischote essen.
    Das Hirn nimmt die Schärfe als Schmerz wahr und dein Körper schüttet Endorphine aus.
    Do-it-yourself-Doping sozusagen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. DAS IST NICHT WAHR, DAS KANN NICHT SEIN !!!
      M O R P H I U M !!

      Es ist SCHÖN, von Dir zu lesen.
      Erst vor Kurzem war ich auf Deinem Blog (letzter Beitrag: 08.03.2013, der "STAR WARS E02"-post setzt schon fett Staub an) - und Deine Lampe hab ich auch erst Letztens wieder ausgepackt^^.

      Danke für den Chilischoten-Tipp. Echt jetzt.
      Ich bin ein totaler Fan von "Schmerz-überlagert-Schmerz".
      Weil: funzt.

      Löschen
    2. PS: Apropos "Dein Blog":
      Mein Kommentar vom 19.09.2016 wartet noch auf Freischaltung^^.

      Löschen
    3. PS 2: UND DER VOM 11.07.2013 auch noch !!

      Löschen
    4. "Mein Blog".. Na ja. das Ding ist, mittlerweile so verstaubt, dass selbst der Staub, der drauf liegt schon Fluchtgedanken wegen Langeweile hegt.
      Nicht, dass mir nichts zu schreiben passieren oder einfallen würde, aber wie es halt so ist. Die Arbeit, der Sozialisationszwang mit der Brut, die Brut an sich, der geheiratete Judas, usw.
      Die wenige Zeit am Rechner zuhause geht für ein paar Stunden WoW in der Woche drauf und um ab und an mal ein paar Blogs durchzuklicken.
      Ich sag mal so: Zu wenig Zeit für ein Blog und zuviel zu sagen für Twitter.
      Die Tragödie meines Lebens. ;)

      Löschen
    5. Letzteres kann ich GUT nachvollziehen. Man muss halt Prioritäten setzen...^^
      Und für WoW muss ich mir auch die Zeit stehlen, aber es ist es wert.
      Normalerweise fällt eine Entscheidung zwischen WoW und SoulBlog aber zugunsten des Letzteren aus :-).

      Löschen
  6. Leben ist im Bus Platz zu nehmen und der Fahrer tut etwas, was ich lange nicht gehört hab: Er pfeift ein Lied. Er pfeift Volare, er pfeift es laut und vernehmlich, er pfeift die Sonne in den Bus. Nächste Station:

    Hoffnung.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Worte eines Philosophen - fast bin ich an King Lube III. erinnert...was jetzt ein aufrichtiges Kompliment war ;-).
      Danke für den Bus! Und das VOLARE!

      Löschen

Hinterlassen Sie an dieser Stelle ruhig Ihre Gedanken - in dem Bewusstsein, dass Sie sich hier in meinem Wohnzimmer befinden und bei mir zu Gast sind.

Ich freue mich über Ihren Kommentar, wenn er dies beherzigt, aber ich lösche ihn, wenn er sein Gastrecht missbraucht.

Und sofern Sie auf Ihren Kommentar eine Antwort von mir haben möchten, erkenne ich das daran, dass er nicht anonym und ohne Namenszeichen abgegeben wurde.