Donnerstag, 2. März 2017

einmal München und zurück



(Mein Verhältnis zu München ist zwiespältig.
Ich habe schöne Erinnerungen daran, diese aber nur mit Menschen,
die dorthin gewissermaßen exportiert wurden.
Keine echten Münchener.

Ok, das letzte Mal dort war ich aufm Squashcourt
zu Hackfleisch weiterverarbeitet worden.
Vom Captn.
Unter völliger Umgehung der Kühlkette.
Egal.
Dafür hatte ich die schönere Joggingstrecke aufm Laufband.)



Dienstag.
Früh morgens auf der A8.
Ich fluche seit 25 Minuten.
Was umso anerkennenswerter ist, da ich erst seit 27 Minuten überhaupt im Auto sitze.

Krank hätte ich mich melden sollen.
Ging aber schlecht, ich hab schon vor 2 Wochen krankblau gemacht.
Oder eine Autopanne vortäuschen.
Hauptsache, nicht auf diese DRECKS-Tagung.

Ich kann mich nicht mal mit Zimtmädchens großen Möpsen auf dem Beifahrersitz ablenken.
Denn die sitzt gar nicht neben mir.
Die musste diesmal allein anreisen.
Weil noch Sonderaufgaben vor Ort.

Tanken hätte ich sollen, daheim.
Aber die Gattin war besorgt, mich nochmal aus dem Haus zu lassen, spätabends.
Hat sie manchmal.
Ok, auf den 600 Metern bis zur Tanke hätte mir ja auch allerhand zustoßen können.
Innerorts.

Statt dessen solle ich kurz vor dem Albaufstieg rechts raus fahren.
Die Tanke an der A8 nehme sie auch immer, die sei außerdem überdacht.

Ich fahre also Tank und Rast Gruibingen rechts raus.
Der Tipp der Gattin war super, T+R Gruibingen ist tatsächlich überdacht.
Was allerdings einen Scheißdreck hilft, wenn dank Sturm der Regen fast wagrecht hereinprasselt.

Aufgeräumter Stimmung und frohen Gemütes ramme ich den Rüssel ins Loch wie Rocco Sifredi.
Sehe mich um, während meine Haare den zweiten Waschgang für heute bekommen und Rocco Rüssel die Dieselmuschi auffüllt.

Toller Service für Urlaubsreise-geplagte Frauen wird hier geboten, denke ich mir:
Da steht ein Container, wo man den nervigen Ehemann loswerden kann.
Und gleich daneben der Hinweis, dass man anschließend ins Ausland nach Österreich gut vorbereitet flüchten kann.



In der Tanke noch schnell zahlen, cross-selling-Ansätze des 450-EUR-Job-Kassierers abwimmeln
("Heute haben wir die Schnellwäsche im Angebot!" - "Hab ich gemerkt, die Säule 12 ist nicht überdacht!")

Zurück ins Auto und mit Vollgas die verlorenen 6 Minuten wieder reinholen.
Das Telefon klingelt.
Eine meiner Agenturen ringt um Worte.

Psychische Probleme habe sie ja schon länger gehabt, die Frau seines Kunden.
Zum Schluss auch begleitet von Alkoholmissbrauch und Psychotherapie wegen Suizidgefahr.
Leider habe sie es am Wochenende fast geschafft, sich das Leben zu nehmen und im Schlafzimmer eingeschlossen.

Als der Mann außen ums Haus rumrennt, sieht er noch durch das Fenster, wie sie sich die Pulsadern aufzuritzen versucht.
Natürlich dreht er fast durch und wählt auf dem Handy das Erste, was ihm einfällt: Die 112.

Die Frau kann gerade noch gerettet werden, aber natürlich hat die Aktion jetzt ein finanzielles Nachspiel:
Die Rechnung für den Großeinsatz war ziemlich gesalzen.

Nun muss ICH mich mit der Frage auseinandersetzen, ob WIR die ganze Nummer bezahlen - das Ehepaar ist bei uns versichert.
Schwierig.

So pervers das klingt: Meine Laune bessert sich nach diesem Telefonat.
Was habe ICH schon für ein RECHT, heute schlechte Laune zu haben?
Mit einer lieben, gesunden Frau, einem festen Job, einem warmen, tollen Auto unterm Hintern?
Sorgen haben ANDERE.

Eintreffen am Hotel.
Es sind schon viele Kollegen da, aber unten in der Tiefgarage ist noch Platz für meine Bessy.
Ich atme auf.

Der check-in läuft zügig, auch super. Ich fange an, zu entspannen.
Der Aufzug bringt mich in den 2. Stock.
Mein Zimmer ist riesig.
Hier könnte man Orgien feiern.
Und der Ledersessel samt Hocker neben meinem Bett bringt mich auf ....kreative Ideen.



Der Shuttlebus bringt uns zum Kongresszentrum der Stadt.
Ich sitze neben meinem Ex-Vorgesetzten.
Ein relaxtes, freundliches Gespräch entwickelt sich.
Er wirkt sehr entspannt.
Das verstehe ich.
Mit einer Garantie von achtzehn Riesen (im Monat) hätte ich auch lachend die Vorgesetztenrolle an meine Nachfolgerin abgegeben, egal für welchen Anschlussjob.

Im Foyer des Kongresszentrums schreiben wir uns in die Meldelisten ein.
Zimtmädchen hilft am Nachbar-check-in-counter und sieht.zum.An.beißen.aus.
'Heute mal curls in die blonden Haare gedreht.
Und die roten Stilettos auf die Hufe geschraubt, mmrrrhhhhhh.

Es gibt Steh-Büffet-Essen.
Eineinhalb Stunden lang stehen.
Eine absolute Unsitte, was da in der Branche Einzug gehalten hat.
Muss dringend sehen, dass ich woanders hin komme.
In einen Laden, der noch Geld und Stil hat.

Die junge Kollegin mit den Riesenmöpsen, die ich bis vorletztes Jahr mit eingelernt hatte, kommt strahlend auf mich zu.
Seit 2016 bin ich nicht mehr für ihr Gebiet zuständig.
Es kommt mir vor wie Ewigkeiten.
Wir haben viel austauschen (Körperflüssigkeiten leider nicht inkludiert).
Ältere Kollegen stellen sich ungefragt zu uns, bald verlassen wir den Stehtisch.
Höflichkeitsfloskeln gehen mir immer mehr ab in dem Laden.

Unsere Bank hat einen eigenen Infostand.
Wenn ich sehe, wer dort dahinter steht, vergeht es mir schon, aber:
Sie haben eine digitale Carrerabahn aufgebaut.
Sorry, da kann ich nicht vorbei.

Die Möpse und ich fahren ein Rennen, gegeneinander und gegen einen Autopilot-Rennwagen.
Ich gewinne.
Ok, der Autopilot-Flitzer war auf "safe-drive" eingestellt.
Und der andere Gegner ein Mädchen.
Das zählt nicht richtig.
Aber eine von den 10 Carrerabahnen, die verlost werden, bekomme ich heute nicht ab.

15 Minuten, bevor die Veranstaltung beginnt, stehe ich an den (geschlossenen) Saaltüren.
Die pole position innezuhaben ist immanent wichtig auf solchen events!
Das sichert einen Platz in der letzten Reihe.
Und Sie AHNEN nicht, wie WICHITG auf solchen Events ein Platz in der letzten Reihe ist!
Er sichert unbeobachtetes Surfen auf dem Handy.
Und den gedeckten Rückzug aufs Klo nach hinten raus, wenn's mal wieder länger dauert.

Der neue Chef beginnt mit seiner Rede.
Er erinnert mich VOLL an Robert Palmer.
Humor bringt er mit.
Den wird er noch brauchen.

Und eine neue Vokabel bringt er auch mit:
Monatelange Rückstände in der Sachbearbeitung bei uns zum Beispiel.
Die heißen jetzt nicht mehr Arbeitsrückstände.
Sondern ArbeitsVORRÄTE.

Auf so eine bigotte Euphemismuskacke muss man erst mal kommen!
Sehe auf die Uhr am Handgelenk:
Noch 4 Stunden bis zum Alkoholausschank.

Was mich wirklich, wirklich perplex macht:
Auf den freien Platz neben mir hat sich GIANNA gesetzt.
Gianna!
Der Saal war noch zu 1/3 frei, aber sie setzt sich ausgerechnet neben mich.
Das war nicht zu erwarten gewesen.

Wir reden, scherzen, lachen miteinander.
Die Vergangenheit scheint endgültig besiegt.
Wir flüstern uns gegenseitig Dinge ins Ohr.
Dabei fällt mir auf, wie unglaublich gut sie doch riecht.

Ich frage, ob ich noch einmal nachschnuppern darf.
Sie streckt den Hals frei.
Kurze Nasenzüge.

Ich tippe auf Wood Sage & Sea Salt.
Sie lacht und schlägt mir auf die Schulter.
Nein, das sei selbst-ver-ständ-lich ALIEN !!
Es passe so gut zu ihr.

Ich zwinkere ihr zu, dass ich ihr da keinesfalls widersprechen möchte.
Und fange mir den nächsten Klaps auf die Schulter ein.

Irgendwie schaffen wir es alle bis zur Abendveranstaltung.
Eine Band, ein Hip-Hopper-DJ, eine kaffeebraune Sängerin.
Leicht albern.
Runde 8-Personen-Dinertische in weißen Deckengewand.
Mehrzeiliges Besteck.

Ich bekomme den Platz links neben meiner Chefin.
Huiii, heute abend mal besser ein bisschen auf die Bremse mitm Alk?
5 Minuten später sitzt aber Toto links neben mir.
Kollege.
Auch ein geborener Euskirchener, wie ich.
Also darauf erstmal ein Pils.
Oder zwei.
Danach erklären wir mit leicht schwerer Zunge der Chefin erstmal, wie man EUSKIRCHEN richtig ausspricht.

30 min. später haben Toto und ich die gesamte Aufmerksamkeit des Tisches und liegen uns lachend in den Armen.

Nach 60 Minuten sind die zwei Weißweinflaschen vor uns leer und ich komme nicht umhin, mich mit meiner Chefin über das äußerst elegante schulterfreie Abendkleid der blonden Sängerin da vorne auf der Bühne auszutauschen.
Wir sind uns auch gleich völlig einig, dass IHR dieses Kleid WEITAUS besser stehen würde.

Ich werde kreativ und lasse über den Vorschlag abstimmen, dass die Chefin jetzt zu JEDER Teamrunde dieses Kleid trägt (es ist ihre Größe!), wenn wir zu diesem Zeitpunkt mit der Gebietsdirektion unter den bundesweit ersten drei Plätzen sind (dann bekommt die Chefin Geld von ganz oben!).

Mein früherer Chef (also ihr Vorgänger) kommt an unseren Tisch.
Meine Chefin schlägt die Hand vors Gesicht und klagt ihm ihr leid.


Chefin:      "Die wollen, dass ich auf Team-meetings das Abendkleid von da vorne anziehe!"
Ex-Chef:    "Also zu MEINER Zeit damals wollten die immer nur, dass ich einen Kuchen mitbringe,
                     sofern wir unter den Top 10 sind!"


Chefin:        "Echt jetzt? Herr Zaubermann!! Geht auch KUCHEN statt Abendkleid??"
RZ:               "Es tut mir leid Frau Chefin, aber im Ernst: Es hatte seine Gründe, dass wir
                        Ihren Vorgänger nicht im Abendkleid sehen wollten, da musste halt Kuchen her.
                        Eine Notlösung, wenn man so will."


Chefin (mit geweiteten Augen):    "Die wollen ECHT, dass ich dieses Kleid anziehe, oder?!"
Ex-Chef:                                         "Sei doch froh, dass ihnen NOCH das ANziehen reicht!"


[ Flucht der Chefin und exit ex-Chef. ]


Toto braucht eine Trinkpause, die anderen Jungs schwächeln ebenfalls.
Beschließe, nicht mehr die 25 min auf den Bus zu warten sondern greife mir ein Taxi und bin als Erster am Hotel und unter der Dusche.

Eine Dusche mit Duschvorhang.
Der sich wie Frischhaltefolie um den Körper legt.
Als gäb's da bei mir was frischzuhalten.

Der nächste Tag besteht nur aus Aufwachen, Buffetfrühstück und Heimfahrt.
Die Kollegen verabschiede ich nicht groß.
Es lohnt nicht.

Die A8 hat mich wieder.
Und sie ist heute FREI.
Hänge mich hinten an zwei SQ5 dran und lasse die zwei mir den Weg freischaufeln.
Bis sie irgendwann am Horizont verschwinden.
Und ich den Rest der Strecke allein heimsegle.

Der Tagungsmarathon ist geschafft.
Adios, München.
Bis zum Herbst wieder.
Wenn ich Pech habe.


Kommentare:

  1. Es fehlt:
    - Das Zimtmädchenbild von hinten, der Haare und Stilettos wegen. (Vornerum hatten wir ja schon irgendwann für den 3-D-Starschnitt)

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    1. *seufz* ...ja...das fehlt MIR auch.......

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  2. Klasse Container. Meine besondere Freude ist, dass ich mir recht sicher bin, fürderhin nicht mehr Gefahr zu laufen, darin entsorgt zu werden.

    ... und ja - eigentlich geht's den meisten von uns recht gut. Aber es schielt sich leider leichter nach oben als nach unten. Da leidet dann gern mal die Dankbarkeit darüber, selbst ganz gepflegt glücklich zu sein.

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  3. ach was, München ist doch schön ;) da darf ich jeden Tag hinfahren, aber auch wieder weg .... hihi

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    1. Auf München trifft was mich betrifft auch der alte Spruch zu
      "Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern',
      und hüte mich, mit ihm zu brechen!"

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