Samstag, 8. April 2017

Von Kellerfeen und Grubenmonstern ( part I )


Anlässlich der Aufräumaktion im Keller (die mit zunehmender Dauer mehr und mehr
den Charakter einer Radikalexstirpation annahm) mussten auch die ganzen
technischen Gerätschaften plus die Kabelkiste (aka "der heilige Gral") neu sortiert werden.

Und jetzt kommt eine Verkettung von Umständen, die Jeder kennt, der einen Keller hat:

Die Kabelkiste und die museumsreife Aggregation von Mäusen, Tastaturen,
headsets u.v.a.m. musste geordnet werden

==> dazu musste ein Regal montiert und an diese Stelle positioniert werden (Metall, Schwerlast!)
==>  dazu musste der feuerfeste Aktenschrank um 15 cm nach rechts verschoben werden
          (und das ohne Bagger!), da das Regal sonst nicht in die Ecke gepasst hätte
==> dazu musste  der Aktenschrank erstmal komplett ausgeräumt werden (zu schwer sonst)
==> dazu musste beim Ausräumen gleich entsorgt und sortiert werden
==> dazu musste erst mal Alles an- und durchgeguckt werden

Nur falls sich jemand fragt, wieso man plötzlich alte Fotoalben in der Hand hat,
wenn man eigentlich nur seine Kabel sortieren wollte.^^

Was fiel mir nicht alles wieder in die Hände, ein Reigen der Kellerfeen,
tanzend in Erinnerungen herumwirbelnd, dabei alte Lieder schöner Erinnerungen singend:

Das alte Ledertäschchen mit Portemonnaie, wo noch Pfennigstücke im Münzfach schliefen.



Der "35-Stunden-Woche"-Kugelschreiber der IG METALL, anlässlich der Betriebsratswahl '87
(der Bohli wäre stolz auf mich!^^).




Die Eintrittskarte zum Sexmuseum in Amsterdam (da war ich mal??)



Der Antwortbrief von Curtis, den ich in der JVA kennengelernt hatte.
Und dem ich fest versprochen hatte, zu schreiben.



Die Maiden-Konzertkarte der "Dance of Death" World tour (ich hatte IMMER Pech
mit meinen Maiden-Tourbesuchen).



Und dann fallen da plötzlich noch 2 Briefe aus der alten Büromappe auf den Boden.
Ausgerechnet diese beiden.

Sie hatten zwischen niemals angefangenen und schon gar nicht beendeten IQ- und Persönlichkeitstests gesteckt.
Und zwischen rauskopierten Psycho-Ratgebern und Astrologiequatsch aus Frauenzeitschriften.

( Sie sehen, ich war schon früher merkwürdig.)

Interessant: Beide Briefe sind ungeöffnet.
Ein Blick auf den Poststempel: Sie sind seit über 16 Jahren ungeöffnet.

Ich drehe den Umschlag um - Absender: Hmm. Sagt mir nichts.
"A. Louis", wer soll das sein?



Nochmal zurück zur Vorderseite.
Der Poststempel datiert auf das Frühjahr 2001, da war doch was...

Und schlagartig verschwinden die tanzenden Kellerfeen und mit ihnen die schwelgenden Erinnerungsgesänge, verschreckt vom dumpfen Grollen des alten Grubenmonsters,
welches soeben geweckt wurde.

"Louis"
Verdammt.

So hatte doch der Freund (oder Mann?) meiner Halbschwester geheißen!?
Die ich seit meinem 11. Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte?
Und an die ich mich kaum erinnerte?

"A."
Shit. So fängt ihr Vorname an. Ich hatte sie immer nur "Katze" genannt.

2001, jetzt passt es zusammen. Da war unser Vater gestorben.
Davon hatte mir der Notar nach Monaten mitgeteilt.
Weil es keinerlei Kontakt zur Restfamilie gegeben hatte.
Und sie hatte meine damalige Adresse sicher aus der Testamentseröffnung.

Richtig. Genau.
So muss es gewesen sein.

Was soll's, denke ich mir.

          Deine Kindheitserlebnisse liegen fünfunddreißig Jahre zurück,
          der Vater ist seit über fünfzehn Jahren tot.

          Niemand mehr auf der Welt denkt noch an diesen Brief hier.
          Dann kannst Du ihn doch auch aufmachen und lesen, oder?

Unter dem grollenden Stampfen des Grubenmonsters in der Hölle unter mir
gleiten meine Finger durch das Kuvert, begleitet von seinem Rufen und Jaulen,
lauter und klagender als je zuvor.

Und während meine Augen über die in sauberstem Times New Roman (11pt.) gedruckten Zeilen (Zeilenabstand 1,5) fliegen, einmal, zweimal, dreimal, weicht jegliche Kraft aus meinen Knien und ich setze mich in Zeitlupe auf einen meiner Bücherkartons, während das Monster noch ein paar Mal von unten an die Decke seines Kerkers schlägt und dann plötzlich verstummt.

Ich sehe auf den aufgerissenen Briefumschlag und denke:

          DAS hättest Du mal besser bleiben gelassen.


*** Fortsetzung folgt ***

Kommentare:

  1. Huch...Dieser Brief! Da bin ich echt gespannt. Ungeöffnete Briefe würde es bei mir nicht geben. Entweder die landen sofort im Müll oder ich kann es nicht aushalten, sie zu öffnen.

    Ich musste vorher über den Kuli sehr lachen. 1.9.8.7. Mann, ist das lang her! Das war ein interesssntes Jahr für mich ;-)

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    1. Das mit dem Öffnen hängt immer vom Kontext ab. Und vom Adressaten.

      Wenn ich bedenke, wie das Leben schon ohne die Kenntnis dieses Briefes zu "seiner Zeit" verlief, war es womöglich ganz gut, den nicht auch noch oben drauf gepackt zu haben.

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  2. Warum hattest Du denn mit diesem Konzert Pech? Im WWW finde ich dazu nichts.

    Und toll, dass du einen Kuli meines Geburtsjahres aufgehoben hast. Rührt mich. ;P

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    1. Immer, wenn ICH auf Maiden-Konzerte gehe, sind die irgendwie...mittelmäßig.
      Sowohl Sound als auch setlist als auch die Bandperformance betreffend.

      Außerdem erwische ich irgendwie immer die Konzerte von Maiden NICHT, wo ich die dazugehörigen Alben richtig gut fand, sondern stets die Anderen.
      Naja, ich hab ja noch alle Konzert-DVDs.^^

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