Sonntag, 9. April 2017

Von Kellerfeen und Grubenmonstern ( part II )


Da mein Gedankenkarussell schon nach dem ersten Brief rotiert wie ein Pulsar,
öffne ich den zweiten (er ist vorher abgeschickt worden) erst gar nicht.

Ich sitze auf meiner Bücherumzugskiste im Keller zwischen dutzenden Fotoalben und Leitzordnern.
Und überlege rasend schnell alles durch, was mir noch einfällt - kann das wirklich sein?
Kann das, was mir da gerade von Katze, meiner Halbschwester, in ihrem Brief angedeutet wurde, wirklich sein?

So gut ich die Erinnerungen an "früher" versteckt und weggeschlossen habe, jetzt müssen sie her.
Ganz schnell wieder her.

So laufe ich gedanklich mit dem Brecheisen in der Hand zu der Eisentür mit der riesigen Kette davor,
die ganz hinten am Ende des Stollens die alten Teile der Grube absperrt.
Wo die Monster wohnen und die Feen schon früh ausgezogen waren.

Der Wut und Entschlossenheit der Schläge hält sie nicht lange stand und springt mit einem entsetzlichen Quietschen auf.
Ich betrete den kaum erleuchteten Gang und wandere.

Wandere zurück in die Kindheit, die schnell und plötzlich geendet hatte.
Puzzleteile fügen sich plötzlich zusammen.
Zusammen zu etwas, was auf einmal eine Erläuterung erfährt, unterstellt man
erst einmal einen ganz bestimmten Kontext, in dem sie passiert sind.

Dieses plötzlich Verschwinden von Katze, die kurz bei uns gewohnt hatte, auf der alten Mühle.
Weit ab von allen Nachbarn.
Wieso mein Vater nur immer so allein draußen hatte leben wollen?

Das irgendwann fluchtartige Verlassen meiner Mutter mit mir an der Hand, kaum dass wir dort weg hin in ein normales Wohngebiet gezogen waren.
Hin zu ihrer Stieftochter und ihrem Mann, wo wir eine zeitlang unterkamen, jenseits der Landesgrenze.

Der Hass auf meinen Vater, der aus all ihren Worten stach, den ich nicht richtig verstand, als ich mich als Zehnjhähriger dort einmal nachts nach dem Aufwachen die Treppenstufen hinabgeschlichen und den Erwachsenen im Wohnzimmer durch den Türspalt zugelauscht hatte.

Diese komplette Distanzierung der Familie, als es beim Scheidungsprozess
um die Anhörungen ging, wer jetzt das Sorgerecht für mich bekommen sollte.
Was für  Dinge da vorgetragen worden sein sollen.
Und Keines von seinen anderen Kindern stand auf seiner Seite?
Keines, außer mir? Das hatte ich nie kapiert.

Diese mir völlig unverständliche Vorliebe, die mein Vater für zierliche Frauen gehabt hatte,
vorzugsweise Asiatinnen.

Sein jahrelanges Anlegen von hunderten von Leitzordnern, gefüllt mit Fotos und Fotokopien,
nur von ihm, mir, meiner Stiefmutter.
Kein einziges Foto meiner Mutter, kein einziges Foto meines Halbbruders,
kein einziges Foto meiner Halbschwester - wieso?

Und dann diese merkwürdige Aussage meines Vaters, die im Nachhinein wie eine vorgezogene Schutzbehauptung eines Täters wirkt, wie ein billiges "das-kann-mir-ja-Keiner-widerlegen-es-war-ja-Keiner-dabei"-Argument.
Ohne dass ich gefragt hatte ausgesprochen und wiederholt vorgebetet, womöglich proaktiv in der Befürchtung, ich könne eines Tages eventuell doch die Wahrheit herausbekommen:


"Die Katze hat sich nicht mit Deiner Mutter vertragen!
Sie war eifersüchtig - das passiert schon mal,
dass sich Töchter in ihren eigenen Vater verlieben!
Deshalb konnte sie nicht bei uns bleiben!"

Und dann lese ich noch mal den 16 Jahre alten Brief.



Kann das wirklich sein?
Tut sich da vor meinen Augen der Abgrund auf, nach dem es aussieht?
Hat mein Vater tatsächlich meine Halbschwester missbraucht?

Das Grubenmonster unter mir ist still.
Vielleicht schämt es sich.

Vielleicht hat sein Stampfen und Klopfen aber auch einfach nur seinen Zweck erfüllt.


Kommentare:

  1. Wie traurig, dass deine Halbschwester nie eine Antwort von dir erhalten hat. Ich stelle mir vor, wie schwer es ihr gefallen sein muss, dir davon zu schreiben.
    Es ist sicher sehr erschütternd für dich, das gelesen zu haben. Offenbar hat dieser Vater mehrere Kindheiten nachhaltig zerstört und zumindest eine Ehefrau in die Hölle und eine Tochter ins Elend geschickt.
    Mitfühlende Grüsse

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    1. Ja, es ist in gewisser Betrachtung wirklich traurig, aber anders als in meinem ersten Impuls gehe ich mittlerweile nicht mehr davon aus, dass es zu einer Antwort meinerseits kommt. Abgesehen von meinen ersten paar Lebenjahren mit Stützrädern seitlich dran sagt mir dieser Mensch nichts, ebensowenig wie mein Halbbruder.
      Und wenn man sich schon seine Familie bzw. Eltern nicht aussuchen kann, so wenigstens doch seine Schwiegereltern.

      Ich überlege immer noch, ob ich erschüttert war.
      Je länger ich drüber nachdenke, desto nein.
      Es war eher Neugierde, in wie weit diese neue Schilderung in meine wenigen Erinnerungspuzzlestücke reinpasst.
      Es passieren jeden Tag auf der Welt so unglaublich furchtbare Dinge in Familien, da wäre es fast ein Wunder gewesen, wenn ausgerechnet meine "Ansammlung von Verstrahlten"-family da eine Ausnahme gemacht hätte.
      Und ich hab mich schon immer schwer getan mit Monokausalitäten.

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  2. Und es bewahrheitet sich immer wieder. Best gehütetste Geheimnisse kommen doch irgendwann und irgendwie ans Tageslicht. Sie vervollständigen ein Bild, in dem immer irgendwie eine Lücke klaffte. Bei mir selbst hat sich vor kurzem so eine Lücke geschlossen. Es hat nur ganz kurz weh getan, weil ich die Geschichte rudimentär schon kannte, und nur kleine, aber wesentliche Details dazugefügt wurden, aus Sicht einer komplett außen stehenden Person. Dasselbe wünsche ich dir auch - es möge dein Bild vervollständigen, dich aber nicht über die Maßen beeinflussen. Es ist ihre Geschichte, und nicht deine. Deine reicht sicherlich ohnehin. Dich damit zu belasten, was dein Vater anderen angetan hat oder nicht getan hat, führt meiner Erfahrung nach zu unmäßigem Groll, der nur schwer wieder aufzulösen ist. Insbesondere, als du keine Bindung zur Person hast. Hast du die Briefe jetzt beim Kellerräumen gefunden, oder ist es schon was länger her?

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    1. Es fällt mir schwer, mir ein "mehr" an Groll auf meinen Vater vorzustellen, aber genau wie Du schreibst: Es ist halt ein weiteres Detail, ein zusätzliches Puzzlestück in einem ansonsten schon fertigen Bild.
      Beeinflussen wird es mich ganz sicher nicht.
      Und mit und ohne diese "Geschichte" bleibt das Eindruckslevel, das ich habe, auf seinem Niveau.

      Ich habe die Briefe tatsächlich jetzt erst gefunden im Keller.

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