Donnerstag, 1. Juni 2017

Benny

[ Jetzt motzten Sie bloß nicht,
weil's so viel Text ist heute.

Sie hatten die letzten Tage dbzgl. Entspannung,
da war es doch klar, dass bald der rebound kommt.

Eine lange, traurige story.
Kein happy end.

Wenn Sie so was heute nicht brauchen können,
lassen Sie's lieber.
Und kommen morgen wieder her. ]



Als ich Benny und seine damalige Freundin das erste Mal sah, standen wir auf einem Badmintoncourt.
Und neben mir Pedro.

Ein komisches Paar waren die zwei - er ein schlanker, hochgeschossener Handballer,
sie eine für ihr Alter überraschend hüftenfreie Kumpel-Frau mit vollständiger Ablehnung jedweder Künstlichkeit in Haren und Gesicht.

Sie war in der Folge nicht mehr häufig mit an Bord, aber Badminton-Doppel mit Benny im eigenen Team waren stets ein sicherer Sieg - seiner Länge und seiner Atlethik war auch mit noch so viel Technik und Erfahrung nichts entgegenzusetzen.
Ich habe nie auch nur ein einziges Spiel gegen ihn gewonnen^^.

Irgendwann war die Freundin weg und dann begann eine etwas schlingerhafte Jobkarriere bei Benny.
Vom Autoverkäufer bis zum Techniker bis zum Mädchen für Alles war ...Alles dabei.^^
Egal, ob er Anzug trug oder im Blaumann unter technischen Maschinen lag,
er war stets auf der Suche nach etwas Anderem.

Die entscheidende Kurve verpasste er kurz vor Pedros Hochzeit.
Da lernte er eine Frau aus dem Ostblock kennen (ich weiß nicht mehr genau woher),
aber ich sah sie und dachte in der nächsten Sekunde: Weia, Benny.

Ausdruckslose, kalte Hai-Augen, nahezu farblos.
Lange, geflochtene Rasterzöpfe. Rot und rosa gefärbt.
Nahezu vollständig entfernte Augenbrauen, streng nachgezogen mit dem Liner.
Nase, Ohren, Lippen, alles gepierced oder gesteckert.

In ihrer Handtasche hätten Sie einen VW Polo parken können.
Grellbunte Kunstnägel, die man so in Stil und Anmut entweder beim LIDL an der Kassiererin sieht.
Oder an Nutten.

Ich tippte auf Letzteres, auch ihrer wenig authentischen, distanzierten, geschäftlich wirkenden Art Allen gegenüber.

Als ich mit der Hochzeits-Kamera bei Pedro vorbeikam, fragte ich ihn kurz, seit wann die beiden zusammen seien.
Pedro sagte, seit etwa 6 Monaten.

Ich stutzte, drehte mich nochmal zu den Beiden um und taxierte ihren Babybauch
etwa auf den fünften Monat.
Volltreffer, Benny.

*****

Exakt 5 Jahre später:

*****

Pedro und ich liegen morgens im Solebecken des örtlichen Wellnessbades
und gehen der dortigen Hauptfreude von Ü40-Männern nach:

Nämlich sich im Blubberbecken die Eier von unten hartsprudeln zu lassen, während wir
der neuen Saunabesucherin - eine schokobraune junge Thailänderin mit langen Haaren, spitzen Brustwarzen und äußerst geeigneter Lippenform- beim Abtrocknen ihrer lockigen Mähne zusehen.

Plötzlich fallen auf der Liegewiese ein paar der Deko-Kegel um - und da muss ich an Benny denken.
Der hatte zuletzt auf Kegelbahnen gearbeitet.
Erst als Techniker, dann als Betriebsleiter.

Ich frage Pedro, was der denn jetzt gerade mache und Pedros Miene verfinstert sich.
Der letzte mir bekannte Job von ihm war Techniker gewesen.
Er war so gut und wertvoll für die Kegelbahn, dass er dort zum Betriebsleiter wurde.

Nur sang ihm leider ein weitaus Gerissenerer als er ins Ohr, dass er doch im Nachbarort seine eigene Kegelbahn übernehmen könne. Und Bennys wenig ausgeprägten Instinkte, kaufmännischen Kenntnisse und offenbar auch die bereits gemachten Erfahrungen als Betriebsleiter verhinderten nicht, dass er den Braten nicht gleich roch.

Er legte sehr viel selbst Hand an die notwendigen zahlreichen Reparaturen und startete mit einer passablen Saison. Dass die Pacht viel zu hoch und der Erhaltungszustand der Anlagen weit unter dem abgesprochenen Wert waren, schluckte er runter.
Seine freie Zeit betrug null, aber er war begeisterter Vater seines Sohnes und verbrachte Zeit mit ihm, wann immer es ging.
Und es ging immer seltener.

Die nächstjährige Saison war eine Katastrophe - das schlechte Wetter und der kühle Sommer hielten die Besucher fern und andauernd ging irgendentwas Teures kaputt.
Mal die Kugelbahnanlage, mal eine Kühlanlage, mal etwas Anderes.
Die Banken machten zu, die Kreditlinie war überzogen.

Benny lieh sich Geld von seinem Vater.
Der gab, begann aber mit warnenden Bemerkungen, die Benny nicht hören wollte.

Zu den geschäftlichen und finanziellen Problemen kamen private.
Als das Geld knapper wurde und die Zeit daheim rarer, begann seine Ostblockfreundin sich abzusondern.

Irgendwann waren die Drogen- und Rotlichtkontakte der Ostfrau nicht mehr zu verheimlichen, sie begann das Kind zu vernachlässigen, Benny fing auch das auf und sprang ein, wo immer er konnte, als sie sich irgendwann von ihm trennte.

Der Betrieb begann weiter Talfahrt aufzunehmen.
Die Banken stellten besorgt Fragen.
Der Vater hatte seine gesamten Reserven bereits aufgelöst.
Nun sprang Pedro als Letzter mit einem Privatkredit ein (er tickt da ähnlich wie ich).

Als Benny in dieser Lage im Maschinenraum seiner Kegelanlage zum Reparieren liegt, klingelt sein Handy.
Die Polizei ist dran.
Er solle sofort herkommen und seinen Sohn abholen.
Benny lässt alles stehen und liegen und fährt hin.

Als er mitten in der Stadt eintrifft, empfangen ihn die Gesichter entsetzter Passanten auf der Straße.
Er blickt das mehrstöckige Gebäude hinauf.
Aus seinem Fenster tritt schwarzer Rauch.

Die Ost-Exfreundin sitzt auf dem Rücksitz der Polizei, in Handschellen, verwahrlost.
Sie hat im Drogenrausch die Wohnung angezündet, mit sich und dem Kind drin.

Als sie gerettet wird, versucht sie vor den Augen der Passanten ihr Kind vor die heranfahrenden Autos zu schubsen und zu töten.
Es kann wie durch ein Wunder verhindert werden.

Benny kann seine Eltern einspannen, bei der Betreuung seines Sohnes zu helfen.
Er pendelt zwischen Kegelbahn und Kindsbetreuung 24/7.
Trotzdem schafft er es, eine neue Frau kennenzulernen, die selbst keine Kinder bekommen kann und seine Altlast akzeptiert.

Die nächste Saison läuft wieder nicht gut.
Banken und Vater sind ausgereizt.
Pedro springt nochmals ein, mit einem gewaltigen, zweiten Privatkredit.
Der Vater unterschreibt diesmal mit für die Haftung.

Zum Sorgerechtsprozess wegen des Sohnes erscheint die Ostfrau in kaum wiedererkennbarem Zustand der Verwahrlosung.
Ihr fehlen sämtliche Frontzähne, das Gesicht ist grün und blau, sie wirkt berauscht.
Der Richter macht kurzen Prozess.
Benny erzieht nun allein.
Seine neue Freundin unterstützt ihn.

In dieser Saison bricht ihm ein weiterer Reparaturschaden finanziell das Genick - er hat die Wahl zwischen Kühlmaschine reparieren lassen - oder Pacht zahlen.
Er entscheidet sich gegen Letzteres, ein weiterer Monat Zahlungsausfall und dann klebt eines morgens der Kuckuck auf der Eingangstür.
Der Verpächter hat Pfandrechte geltend gemacht.

Benny ist gereizt, mental am Ende, macht Fehler, auch privat.
Er geht nicht gut mit seiner Freundin um, zieht sich zurück, verschließt sich, schreit herum.

Zwischendurch verhandelt er mit seinen beiden Mitarbeitern über die Vertragsauflösungen und ausstehende Zahlungen, kappt die Nachschubleitungen von den Lieferanten und kümmert sich sogar um Anschlussjobs für seine Mannschaft bei seinem alten Chef.

In diesem Moment erfährt seine Freundin, dass sie schwanger ist von ihm.
Medizinisch ein Ding der Unmöglichkeit bei ihr, sagten alle Ärzte,  aber:
Volltreffer again, Benny.

Ein Anruf seines alten Chefs ereilt ihn.
Sicher will er sich wegen der frei gewordenen Mitarbeiter erkundigen, denkt sich Benny.
Der Chef bittet um ein Treffen.
Schnell.

Das Treffen verläuft kurz und schmerzvoll.
Der in der Szene immer noch gut vernetzte Ex-Chef erzählt Benny, was hinter seinem Rücken vermutlich gelaufen ist:
Dass er ist nicht der Erste ist, der die Bahn zu überteuerten Konditionen aufgeschwatzt bekommt.
Dass es einen GRUND hat, dass es da schon etliche Vorpächter drauf gab.
Dass seine Ex-Mitarbeiter dem Verpächter regelmäßig Bericht erstattet hätten, wie weit es inzwischen bei ihm sei.
Und dass einer von den Beiden nächsten Monat den Betrieb übernehmen und neu eröffnen würde.

Benny dreht durch. Völlig durch.
Das Gespräch mit dem betreffenden Ex-Mitarbeiter verläuft kurz und laut,
der Verpächter steht mit der Polizei in der Tür und verlangt Zugang zu "seinen" Anlagen,
lässt die von Benny bezahlten Getränkelager beschlagnahmen und dann ist alles vorbei.

Benny kommt heim, schreit die Freundin an, diese teilt ihm mit,
dass sie sich trennt und das Kind allein großziehen wird.
Was man vielleicht nachvollziehen kann, bedenkt man, dass eine Frau, die nie mehr damit hatte rechnen können, Mutter geworden ist (mutmaßlich unwiederholbar) und Benny ...nun ja, genug andere Probleme hat und so ziemlich das Gegenteil dessen ist, was man sich für seine Tochter als Schwiegersohn wünscht.

Ein paar Abende später sitzt Pedro mit Benny auf ein Bier zusammen.
Er fragt einfach nur nach ihm. Wie es ihm geht.
Nicht des Geldes wegen, sondern des Menschen wegen.

Benny erzählt stumpfen Blickes von schlaflosen Nächten, der angeleierten Insolvenz, den
-leider, leider- als Privatperson unterschriebenen Schulden beim Verpächter (der clever genug war, ihn nicht als GmbH unterschreiben zu lassen), der Prüfung einer möglichen Privatinsolvenz, die Probleme eines alleinerziehenden Vaters, die verlorene schwangere Liebe...

"Und wenn das nicht klappt, mit der Privatinsolvenz?"
"Dann biege ich halt mal auf der Autobahn links ab."


*****


Das Blubbern unter uns hat aufgehört.
Wir sehen uns besorgt an, Pedro und ich.

"Glaubst Du echt, der macht so was?"
"Kann ich Dir nicht mit Sicherheit verneinen", antwortet Pedro.

"Dann siehst auch DU Dein Geld nie wieder..."
"Yapp!"

"War es viel?"
"Yapp."

"Wieviel, Pedro?"
"...willst Du das wirklich wissen?"

Und dann sagt er es mir und ich rutsche langsam kopfschüttelnd unter die Wasseroberfläche und halte dort so lange ich kann die Luft an.


Kommentare:

  1. Ich glaube, Benny hätte kein Geld gebraucht. Er hätte gebraucht dass ihn jemand uneigennützig und gut berät. Und er hätte gebraucht, dass er diesen Rat annehmen kann. Ich hoffe es gibt am Ende doch ein Happy End.

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    1. Er hatte nahezu bestmöglichen Rat: Seinen Ex-Chef und Pedro. Aber nichts stoppt einen jungen Mann, der unzufrieden ist und der "es schaffen will".

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  2. Puuuuuuuh. Starker Tobak.

    Solche Geschichten gibt es leider zu Hauf.
    Hier um die Ecke eine Gaststätte mit Inhabern, die vom kaufmännischen keine Ahnung haben. Und vor allem nicht davon, das es kaufmännisch manchmal sinnvoll ist, einen Auftrag abzulehnen....

    Dein Kumpel Pedro sieht die Sache wohl mittlerweile ziemlich gelassen. Dem dürfte aber klar sein, seine Kohle sieht er so oder so nicht wieder. Zumindest das meiste davon.

    Verborgen von Geld....ist so eine Sache. Ich hab schon verborgt, im Rahmen meiner Möglichkeiten....oft hab ich auch gedacht, ich seh davon nix wieder. Also dann nur Summen, die mich nicht reinreißen, wenn ich sie nicht wieder bekomme.

    Man will natürlich einem Freund oder Sohn helfen, ganz klar. Aber weder der Vater, noch Pedro haben Benny einen Gefallen getan. Denn wenn immer wieder neues Geld angefordert wird, ist doch klar, das was grundsätzlich nicht stimmt.

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