Dienstag, 27. Juni 2017

Salz


"Was für ein Jahrgang bist Du nochmal?"

fragt mich die fast* junge Frau unvermittelt am Telefon.

Kurz stockt mein Atem.
Heute habe ich mir von ihr schon verhältnismäßig viel um die Ohren hauen lassen müssen.

Und gemessen an unseren sonstigen Klärungsdialogen war heute auch
die Härte Ihrer Aufschläge Nadal-mäßig. Und die ihrer Abschlussbälle auch.










Dabei hatte ich die Frage nach meinem Jahrgang geradezu provoziert:

Wer von seiner Ausbildungszeit erzählt und erwähnt, dass bei ihm im Jahrgang
"zum ersten Mal Mädels aus dem wilden Osten" mit dabei waren, der provoziert ja
am andere Ende des Telefons geradezu mathematische Jahresadditionen.

Das Telefonat an sich zu führen war gut investierte Zeit,
dazu von mir taktisch nicht unclever:
Die Stunde WhatsApp, die ihm vorausgegangen war, musste wohl
unter "unentspannt" verbucht werden. Es gab halt Dinge zu klären.

Aber ich hab immer noch eine Stimme wie Elmar Gunsch.
Von der ich weiß: Die könnte heute noch ziehen bei ihr.
Also: Ein Telefonat könnte den Abend noch richtig gut werden lassen, Zauberclown.

Und so telefonieren wir.
Und es gibt sie wieder, die Phasen, in denen sie lacht.

Ihr Lachen hat etwas Herzerwärmendes.
Obwohl ihre Stimme mir bisweilen etwas betont gleichmütig klingt.
Und eigentlich vergeht kein Tag, an dem sie mich nicht mit irgendetwas verwirrt.

Aber es gibt sie - diese Phasen, in denen wir seelische Phasengleichheit erreichen.
Ein Eiskunstpaarlauf der Seelen.
Es könnte sie ruhig öfter geben - diese Phasen üben Heilwirkung aus auf mich.

Und dann diese Geschichte mit dem Salz.
An die werde ich mein Leben lang denken.
Und sollte ich mal Enkel haben, dann werden die sie erzählt bekommen.
So lange, bis sie schreiend mit beiden Händen auf den Ohren hinaus laufen.

Als wir davon sprechen, wie jeder von uns so mit seinen Geistern kämpft.
Und die Zeit dieser Geister meistens spät abends kommt.
Oder nachts.

Wenn man sich nicht mit "mal eben nach draußen gehen" ins Tageslicht retten kann.
In den wärmenden Schutz einer gütigen Sonne.
Nein, der dunklen Gedanken Zeit ist die Dunkelheit.

Und wie ich dann per WhatsApp herumalbere, dass doch Salz
ein total probates Mittel sei gegen Geister - die hätten nämlich Angst vor Salz.
Weshalb man stets Salz im Haus haben solle.

Und als unser Gespräch und unser Kontakt lange beendet ist,
und ich nachts im Bett liege, und mir denke:


Schick ihr doch per Amaz0n eine kleine Auswahl Geschenk-Salze.

Verschiedene Salze. Zum Bekämpfen verschiedener Geister.


Wie ich die kleine Grußkarte ausfülle und mit einem Lächeln im Gesicht die Order aufgebe.
Nicht wissend, dass sie im gleichen Moment daheim ebenfalls ein Päckchen packt.
Ebenfalls mit Salz gefüllt.
Gegen meine Geister.

Unsere Gesichter, als uns klar wird, dass wir im gleichen Moment
den gleichen Gedanken hatten.
Für den Anderen.
Eine Sternstunde des Eiskunstpaarlaufs.

"Ich bin Jahrgang siebzig", sage ich, nach einem die Stimme stabilisierenden, tiefen Einatmen,
welches mir nicht leicht fällt, weil die Bronchien auf tiefes Einatmen immer noch heftig reagieren.

Sie nimmt die Antwort wie selbstverständlich auf.
"Wenigstens habe ich keine '6' vorne stehen" schiebe ich noch etwas verunsichert nach, und betrachtet man es bei Lichte, habe ich mit dem dummen Nachsatz eigentlich schon alles wieder versaut.

"Ach. Das ist okay" sagt sie.
Und mir fällt ein Fels vom Herzen, dessen markerschütterndes Poltern
die Abhänge meiner Seele hinab ins Dunkel ich nur durch Drücken der "Stumm"-Taste
auf dem Handy zu unterdrücken vermag.

*dafür kriege ich noch was zu hören, for sure.

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Das freut mich.
      Und sorry nochmal für die Pizza Hawai ohne Ananas, dafür mit Zwiebeln und Ei^^.

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    2. Ja, das war die merkwürdigste Hawaii meines Lebens aber das macht sie nicht schlechter :-)

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