Mittwoch, 7. Juni 2017

Vom Katastrophenprinzip


Westerwald, späte Achtziger.
Ich hab' mal wieder Pech: Ich verstehe nix von Physik und Mathe (ist in der Oberstufe eh fast das Gleiche), und in beiden Fächern hab ich den gleichen Lehrer: Herrn Stuhlfuß.

Also WENN es Einer schafft, einem das Thema NICHT zu erklären, dann er.
Zumindest aus meiner Sicht - die "Begabten" bei uns in der Klasse sehen das freilich anders.

Aber einmal, da weckt er doch mein Interesse.
So sehr, dass ich nach der letzten Stunde -die Stühle sind schon hochgestellt- nochmal zu ihm ans Pult trete.

Er habe vorhin den Begriff "Katastrophenprinzip" erwähnt.
Was darunter zu verstehen sei.

Er steht auf, geht zu einem der auf den Tisch gestellten Stühle und erklärt:

"Wenn ich jetzt hier von der Seite mit dem Finger gegen diesen Stuhl tippe, passiert - gar nichts. Denn der Stuhl ist in einem ruhenden, stabilen Zustand. So kann der minmale Impuls des Fingers nichts ausrichten. Befindet sich der Stuhl aber -sagen wir- in einer gekippten Ausgangslage (er hebt den Stuhl auf einer Seite an und balanciert ihn schräg aus), ist sein Zustand nicht stabil, nicht ruhend.

JETZT reicht der minimale Impuls durch meinen Finger aus, und er kippt.
Durch den kleinen Impuls des Fingers kommt er nun zu Fall und seine Energie, die er dabei auslöst, ist um ein Vielfaches größer als der kleine Impuls des Fingers - das versteht man unter dem Katastrophenprinzip".

Es gab einige Momente in meinem Leben, wo ich daran denken musste, und letztens war wieder so einer.
Wo ein kleiner Fingerzeig, ein kleiner Satz auf ein instabiles, nicht ruhendes System traf
und eine emotionale Dachlawine lostrat.



Ein Satz. Wie ein Baseballschläger.
Pure Physik.
Gewaltig.



Kommentare:

  1. 1.: Gut, dass es Sätze gibt, die dich aus dem Ruhezustand bringen, da sie dich offenbar dazu bringen, darüber nachzudenken, ob das, was ist, für dich in Ordnung ist, oder nicht.
    2.: Die Fähigkeit zur Selbstreflektion ist eine der wichtigsten Eigenschaften im Leben mE. Man kann erkennen, dass etwas ganz verquer läuft, und dagegen angehen, oder man darf erkennen, dass eh eigentlich alles so ist, wie es für einen gut ist.
    3.: Ach, ich denke, 1. und 2. sagt eh schon viel...

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    1. Ja, das tut es. Insgesamt muss ich aber feststellen: Etwas weniger KOPF wäre schon gut bei mir.
      Es macht Einen nicht zu einem glücklicheren Menschen...

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    2. Nicht der Kopf an sich ist das Problem. Grundsätzliches Abwägen ob es gut ist, oder nicht gut ist, ist schon drin. Aber nicht das Zerdenken. Es darf auch mal einfach was in Ordnung sein. Es darf auch mal einfach etwas nicht mehr in Ordnung kommen, weil es in der Vergangenheit liegt und eh nicht mehr änderbar ist, und man ist trotzdem ein ordentlicher und guter Mensch, weil man daraus gelernt hat, und es heute nicht mehr machen würde. Ich muss mich auch manchmal wieder von meinen Rückblenden in die Vergangenheit lösen, und mir dann halt auch sagen, dass es keine Rolle mehr spielt. Egal, ob ich mich falsch verhalten habe, oder ob mir etwas von anderen widerfahren ist. Das kann Kopf nämlich auch. Und mit einiger Übung gelingt das auch!

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    3. "Übung" hab ich lediglich im Gegenteil dessen. Im Destruktiven. Im Schadhaften.
      Ich kenne keinen einzigen rationalen Gedankengang, der mich je zu einem glücklicheren Menschen gemacht hätte. Mir ist absolut klar, warum Menschen den Rauschmitteln verfallen (Kopf aus) und weshalb Menschen die Lebenslust verlieren (Angst vor Rauschmitteln).
      Denn solange man sich an Rückblenden erinnert, so lange spielen sie auch noch eine Rolle.

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  2. Die ergreifendsten Momente im Leben sind die, in denen man das Gefühl hat, dass ein anderer Mensch einen begreift. Oder erkennt.
    Am liebsten, wenn es einem gerade schlecht geht. Aber: der andere muss noch lange nicht Recht haben, nur weil man selbst gerade empfänglich ist aufgrund verlorengegangenem roten Faden.

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    1. Ja, das stimmt. Alles.
      Good girl^^.

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