Montag, 31. Juli 2017

friends of mine


Vorletzte Woche war die "Krebs"-Woche:
Dreimal erfuhr ich, dass im Bekannten- und Verwandtenkreis die Diagnose "Krebs" eingeschlagen hatte.

Kommt mir das nur so vor, oder hat diese Diagnose massiv zugenommen?!
Wenn ich in die beruflichen Leistungsstatistiken in meinem Job schaue, muss ich sagen:
Ja, hat sie.
Ist das, weil es häufiger vorkommt als früher?
Oder lediglich, weil die Diagnostik besser wurde?

Als mich die WhatsApp-Nachricht von B. erreicht, freue ich mich nur sehr kurz - erst einmal, weil ich nach Monaten wieder einmal von ihr höre.
Aber ich weiß auch:
Sie schreibt aufgrund Zeitmangels NUR, wenn es wirklich wichtig ist.
Und "wirklich wichtig", das heißt nach dreißig Jahren, die wir uns jetzt kennen:
Es geht mehr und mehr um Katastrophen.

So auch diesmal.
Ob ich vielleicht demnächst mal die Zeit hätte, ihren Vater anzurufen.
Den Vater meiner ersten richtigen Freundin.
Ihm ginge es nicht gut.
Speiseröhrenkrebs. Und evtl. Metastasen in der Leber.
Operation eher unwahrscheinlich, gleich aus mehreren gesundheitlichen Gründen.
Zum Einen trauen sich die Ärzte dort nicht hin, zum Anderen ist sein Herz nicht das Beste.

Als ich ihn kennenlernte, kam er mir damals sehr erwachsen und alt vor,
der klassische Vater der Freundin halt.
Rechne ich aber nach, staune ich ungläubig:
Er war damals fünf Jahre jünger, als ich es heute bin.
Kann das denn sein, ffs?!

Meine Antwort an sie kommt schnell und ohne groß zu überlegen:
Nix Telefon. Ich fahre hin.
Und hole B. vorher daheim ab - wir fahren zusammen zu ihrem Vater.
Ihre Reaktion ist überschwänglich und klingt sehr erleichtert,
wie ein unausgesprochener Wunsch.

Als ich samstags mittags dort eintreffe, stelle ich fest, wie stark die Jahre
B. gezeichnet haben.
Sehr viele schlaflose Nächte, RedBull-Missbrauch und Sorgen um einen
überfinanzierten, verrotteten und fehlgeplanten Großbau haben ihr Relief gezeichnet.
Nun kommt die Sorge um den Vater hinzu.
Und trotzdem: Eine der schönsten Frauen, denen ich begegnet bin.

Das Haus, welches als Notlösung gedacht war, ist wundervoll eingerichtet.
Ihr Mann ist wundervoll, ihr Sohn ebenso.
Sonnenscheine.
Man spürt, wie sie die Liebe dieser Menschen einatmet und davon lebt.



Ich packe sie ins Auto und wir fahren noch ein paar Orte weiter.
Alle Straßen unterwegs im Westerwald kommen mir vor, als wäre ich noch nie
in meinem ganzen Leben dort gewesen.
(Dabei müsste ich sie kennen.
Mein Vater wohnte nur einen Ort weiter.)

Als wir vorfahren und die Haustür aufgeht, ist die Freude groß - mit MIR hat
hier heute niemand gerechnet.

Es müssen viele Jahre her sein seit dem letzten Mal.
Als ihr Vater aus dem Garten ins Haus hinzukommt, erschrecke ich erst ein bisschen.
Er hat sehr abgenommen und wirkt tatsächlich wie ein Schmerzpatient.

Doch langsam taut er auf, beim Sprechen hält er sich die Halsfalte mit
zwei Fingern fest - sicher entzündliche Schmerzen, ursächlich vom Tumor weiter unten.
Doch bald sind wir in Fachsimpeleien unterwegs und die gute Stimmung lang vergangener Jahre glimmt erneut auf.

Als wir abends essen gehen (chinesisch-mongolisch), ist der Mann wieder mit Leben gefüllt und isst vom Buffet sehr zur Freude von Ehefrau und Tochter mehr als zwei Teller, die ihn sichtlich zu Kräften bringen. Ich bin etwas erleichtert.

Der Abschied vor dem Restaurant mündet noch in einen späten Abend zuhause
bei B. und ihrem Mann mit fantastischem Lambrusco und einem Gespräch zu dritt.
Welches ich sehr genieße.

Aber welches ich noch viel lieber zu ZWEIT allein mit B. geführt hätte.
Da B. und ich nur auf den kurzen Autostrecken allein reden konnten,
musste quasi alles im Gallopp besprochen werden.

Meine Gedanken über eine Neuorientierung im Leben, all inklusive.
Ihre Depression, die Daumenschrauben der Banken.
Meine Depression.
Geld, Kinder, verlorene Träume, wiedergefundene Hoffnungen.

Und zu meiner Überraschung zweifelt sie meine nur kurz zusammengerauften Beweggründe
nicht einmal eine einzige Sekunde an, hinterfragt sie nicht.
Es scheint fast, als hätte sie darauf gewartet.

Die Nachtruhe beginnt entsprechend spät und ist sehr kurz.
Das fremde Bett, die vielen Gedanken, die Musik vom Feuerwehrfest zwei Ortschaften weiter...

Andernmorgens bin ich -wie immer- der Erste, der wach ist und geduscht in der Küche steht.
Ich komme zum Glück sofort mit dem Siemens-Kaffeevollautomaten zurecht.

Mit der heißen Tasse in der Hand trete ich hinaus auf die Terasse.
Der riesige Garten.
Das Rascheln des Seegrases hinter mir.
Der Schatten des Sonnensegels.

Hier fühle ich mich sogar wohl.
Und gehustet hab ich hier so gut wie gar nicht.

Ganz leicht fällt mir der Abschied nach dem Frühstück nicht.



Kommentare:

  1. Ich denke schon, dass es mehr Krebs gibt als früher. Einerseits. Das hat etwas mit unserr Art zu leben zu tun. Andererseits ist aber auch halt die Diagnostik und Behandlung erheblich besser/mehr geworden bis hin zu Fehldiagnosen. Die teuren medizinischen Geräte müssen ja auch wirtschaftlich genutzt werden. Ich glaube aber auch, dass viele Menschen früher wohl um ihren Krebs wussten, aber kein Aufhebens davon gemacht haben, geschweige denn zum Arzt sind/konnten ...

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    1. Dem kann ich nur zustimmen.
      Und noch ein Punkt: Laut einem Fernsehbericht auf 3Sat vor einiger Zeit haben sich die Diagnosen von Krebs in den letzten Jahren zwar immens gehäuft, aber die Sterblichkeitsrate ist dieselbe geblieben. Das ist ein Grund für mich, die Vorsorgeuntersuchungen nicht zu machen, denn lieber weiß ich nicht, dass ich Krebs habe (das macht ja auch was mit dir und deiner Psyche), und sterbe so oder so.

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    2. Ich kann diese Einstellung ein Stück weit nachvollziehen. Seit eher zufällig entdeckt wurde, dass in meinem Kopf etwas ist, das da nicht hingehört und das sich bis heute auf 4 x 5 cm ausgewachsen hat, aber erst behandlungsbedürftig wird, wenn es weiter wächst (was es seit 6 Jahren nicht tut), frage ich mich schon auch... Hätte ich die ersten Jahre danach tatsächlich nicht.. unbeschwerter, freier gelebt OHNE diesem Wissen? Mit der Angst im Kopf "Was ist wenn? Was kommt dann? Was wird dann aus mir? Was wird vor allem aus den Kindern?"
      Die Diagnose ist inzwischen 15 Jahre her und inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Achte nicht mehr ängstlich auf jegliche Veränderung und interpretiere sie auch nicht mehr.

      Insgesamt macht mich diese Geschichte dennoch betroffen.. Warum sind es zumeist solcherart Diagnosen, die uns daran erinnern, wohin wir eigentlich wollten? Und wir uns erst dann die Zeit nehmen für uns und für Menschen, wo wir zuvor noch sagten und dachten: "Ja, später mal"?

      Die Reaktion, nicht zu telefonieren, sondern "einfach" hinzufahren, schätze ich wirklich sehr, sehr, sehr.

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    3. Auch ich finde es toll, dass Du einfach hingefahren bist statt zu telefonieren. Und gleich einen ganzen Tag mit B und deren Vater verbracht hast. Solcherlei Dinge haben einen beachtlichen Einfluss auf einen Alltag, der sonst mit dem Gedanken des Sterbens erfüllt ist, bringen sie doch Frische und Ablenkung und somit mehr Zufriedenheit, selbst wenn es vielleicht nur kurz anhält.

      Ansonsten kann ich nur sagen: Krebs ist ein Arschloch!!!

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    4. @AnnJ:
      Ich denke auch, dass es eine Mischung ist aus besserer (wirtschaftlich auch interessanterer) Diagnostik als auch unsere Lebensweise. Sieht man sich zum Besipiel an, was laut EU-Definition so alles als "Lwbwnsmittel" durchgeht, kommt man vereinfacht gesagt zu folgendem Leitsatz:
      "Alles, was nicht in mindestens 15 Lngzeitstudien nachgewiesenermaßen binnen kurzer Zeit zum Tod führt und deutlich als Nicht-Lebensmittel ausgewiesen wurde, ist erstmal ein Lebensmittel."

      Und leider hilft da auch nicht immer allein der gesunde Menschenverstand im Rahmen der Ernährungsplanung.

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    5. Jep, so isses. Genau deshalb tue ich, was ich tue! :-)

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    6. @flyhigher:
      Davor kann ich nur warnen: Erstens bleibt Krebs nicht weg, wenn man die Augen zumacht, man nimmt sich aber evtl. dadurch selbst die Möglichkeit auf eine Therapie, die nicht gleich mit Kanonen auf den Organismus draufhalten muss.

      Zum Anderen lässt die Sterblichkeit nahezu ALLER bekannten Krankheiten nach - aufgrund des medizinischen Fortschrittes. Heißt: Es wird viel mehr Krebs erkannt und rechtzeitig diagnostiziert, allerdings ist viel davon auch besser therapierbar. Auch solche Formen, die vor 20 Jahren noch ein sicheres Todesurteil gewesen wären.

      Ich glaube, die -völlig zutreffende- Aussage "ich sterbe so oder so" überdenkt man, sobald der Nachbar an Krebs zugrunde gegangen ist, hauptsächlich wegen nicht erfolgter Vorsorgeuntersuchungen.
      Wo ich Dir uneingeschränkt Recht gebe, ist bei der klassischen Mammographie: Die Trefferquoten sollen nach neueren Erkenntnissen weit unter 50% liegen. Das ist also Blödsinn.

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    7. @Helma:
      Bedenke, dass es auch theoretisch diese "Wahl" nie hat geben können, ein Wissen zugunsten eines unbeschwerteren Lebensverlaufes nicht zu besitzen: Nur, wenn Du die Gewissheit hättest haben können, dass Dein Ding im Kopf nicht weiterwächst, wäre seine Nichtkenntnis wirklich empfehlenswert gewesen. Das aber hat niemand zu diesem Zeitpunkt prognostizieren können und dürfen.

      Weshalb uns erst solche Erlebnisse auf die Kürze des Lebens und das wirklich Wichtige stoßen?
      Weil wir Menschen sind. Es liegt in unserer Natur, an erlebtem Schmerz am Intensivsten zu lernen.

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    8. @ Nickel:
      Ich habe niemandem erzählt, dass ich erst letztens geträumt habe, von mir im schwarzen Anzug, vor seinem offenen Grab, um uns herum seine Familie, die Kinder, die Enkel...manchmal mache ich mir selber Angst.

      Dass es ein ganzer Tag plus eine Übernachtung dort wurde, lag schon an der Anreise (drei Stunden), zudem am Lambrusco^^. Blöd wurde es dort erst, als meine Ex mit ihren mittlerweile zwei Jungs auftauchte. Das wird ein eigener post, sobald ich mich wieder beruhigt habe^^.

      Krebs ist ein Arsch, ja - aber man muss sich vor Augen halten, dass durchaus auch unsere massiv gestiegene Lebenserwartung mit ein Grund ist für die zahlreichen Krebsdiagnosen. Ein Krebsforscher sagte einmal, wenn wir alle erst 120 Jahre alt werden, liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Krebserkrankung fast bei 1.

      Wenn Du also Krebs unbedingt vermeiden willst:
      Live fast, die young^^.

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    9. Das ist vollkommen richtig.
      Jedoch hier schließt sich für mich der Kreis: Gerade weil die moderne Medizin und Technik vorangekommen ist, man x verschiedene Möglichkeiten hat, in einen Körper schauen zu können, ohne ihn zu öffnen, bekommt man heut viel mehr Dinge zu sehen (also auch als Mediziner), die einem zuvor eben immer verborgen blieben. Und alles, das von der bisherigen Kenntnis und damit der Norm abweicht, wird zunächst (logischerweise) als krankhaft empfunden und bezeichnet und vermutlich allein aufgrund dessen viel zu oft unnötigerweise behandelt, operiert und was weiß ich.
      Dementsprechend war ich schon froh, dass ich zu DDR-Zeiten nie geröntgt wurde (MRT und so gabs ja damals noch nicht, glaube ich), denn dann hätte man eben lediglich aufgrund der Tatsache, dass da was ist, was nicht hingehört, den Kopf geöffnet und es herausgenommen. Was - wie die Medizin wiederum heute weiß - vermutlich viel mehr Probleme ausgelöst hätte als ohne OP ("4 x 5 Zentimeter haben ein gewisses Volumen und dieses Volumen zu entfernen würde bedeuten, dass das Hirn aus seinem Gleichgewicht gerät und es Monate dauern könnte, bis alles wieder normal funktioniert." War damals eine Aussage vom Neurochirurgen. Insofern... Kann ich Flyhighers Einstellung nachvollziehen: Es ist auch eine Frage, an wen man gerät, wer einen behandelt, - und manchmal hätte man vielleicht noch gute 30 oder 50 Jahre mit etwas leben können, ohne dass man wusste, dass da was ist...
      Wie gesagt, ich kann diese Einstellung teilweise nachvollziehen - nicht vollumfänglich. Eben weil die Medizin auch etwas tun kann, bevor uns etwas völlig zerstört.

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    10. Was unsere Medizin angeht, hätte ich auch weitaus weniger Bedenken, wenn wir nicht der betriebswirtschaftlich ausgerichteten Pharma- und Gerätemedizinlobby ausgeliefert wären (was wir aber in Deutschland zweifelsohne sind).

      So aber ist tatsächlich eine gewisse Skepsis gegenüber Allem, was man uns diagnostizieren und therapieren will, angebracht.

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  2. ich habe sie bezüglich dieses eintrages per mail angeschrieben..vermute jedoch, dass diese nicht mehr aktuell ist. ist ihre "zaubermann mail" noch aktiv?

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    1. Ja, ist sie. Dort kommen auch Emails aus der Blogosphäre an, bisher zumindest immer.
      Aber bisher hab ich noch keine Würfelzuckernachricht^^.
      Alternativ gerne mal probieren unter romeomikezulu ätt yahoo de

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  3. ok danke...sie müssten dann jetzt post haben...

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  4. Die Eingangsfrage kann ich nicht wirklich beantworten. Ja, die Diagnostik ist feiner, engmaschiger und die Früherkennung wesentlich besser geworden. Andererseits wissen wir immer noch viel zu wenig darüber welchen Einfluß Umwelt, Genetik, Ernährung, Seele, etc. auf die Entstehung von Krebszellen haben.

    Ich für meinen Teil stelle einfach fest daß es ein Teil dieses vermaledeiten Erwachsen und, damit verbunden, älter werden ist daß sich gefühlt die Schreckensnachrichten häufen. Im letzten Monat alleine zwei in meiner Familie sowie mein bester Kumpel.

    Leider hilft es mir nicht weiter den Krebs als den "Arsch" der Geschichte untergejubelt zu bekommen. Krebs ist kein Arsch, Krebs ist schlicht und ergreifend eine Krankheit. Der eine besiegt den Krebs, der andere wird davon besiegt. Der Schmerz liegt in der Ohnmacht, dem nicht helfen können.

    Gespräche zu zweit meide ich momentan wie die Pest. Mir fehlt die Stärke dazu. Ich wünsche Dir, daß Dir selbst ein Gespräch im Galopp weiter geholfen hat.

    <3

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    1. Immerhin wissen wir genug, um sagen zu können: Ein paar der Dinge, die wir uns alle antun (lassen), sind wirklich, wirklich nicht gut mit Blick auf ihre Krebsförderlichkeit.

      Und ja, die "Einschläge kommen näher" mit dem Älterwerden.
      Jetzt wissen wir also, was unsere Eltern/Großeltern immer meinten.^^

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    2. Andererseits: Hunde, wollt Ihr ewig leben?

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