Mittwoch, 12. Juli 2017

und auf hoher See


"Das Eine sollten Sie wissen, Herr Z.:

Vor Gericht und auf hoher See

sind Sie in Gottes Hand!"





Nie werde ich diese Worte meines Anwalts damals vergessen.
Er musste es wissen - er war bis kurz vorher selbst Richter gewesen.

Damals dachte ich, wie kann das sein?!
Klar, in den U.S.of A. entscheidet nur die Geldbörse (und damit die Preisklasse der Anwälte)
über Sieg oder Niederlage vor Gericht - aber hier, in D, bei uns?

Da musste es doch gründlich zugehen, gerecht, präzise?
Falsch.
Ganz falsch.
In Wirklichkeit hängt der Ausgang eines beliebigen Verfahrens von dermaßen vielen Parametern ab, die absolut NICHTS mit der Sache selbst zu tun haben, dass es Einem graust.

Zum ersten Mal stand ich in einem Amtgericht mit etwa 10 Jahren.
Familiengericht, Sorgerechtsstreit.

Ich sah mit an, wie mein Vater dem Anwalt meiner Mutter vollausgeholt eine Ohrfeige verpasste, dass dieser zu Boden ging und im Fallen sich am Jacket meines Vaters festhaltend
dieses komplett den Ärmel entlang aufriss.

Der Richter schloss sich panisch in seinem Richterzimmer ein
und alarmierte den Sicherheitsdienst.
Großes Kino.

Beim zweiten Mal bekam ich wegen eines Verkehrsunfalls ein Schreiben,
das mich fast 400km entfernt zur Verhandlung bestellte.

Als ich dort mit einiger Mühe organisiert eintraf, wunderte sich die Richterin
über meine Anwesenheit.
Es hätten doch auch die Anwälte gereicht.
Meine Anwesenheit sei gar nicht erforderlich.

Die Vorladung konnte sie nicht erklären.
Ich verlor.

Das dritte Mal war dann mega Kino.
Ein Blockbuster des Jahrzehnts, sie kennen ihn.
Er residiert rechts in der Leiste bei den "pages".

Etliche Richterzimmeranhörungen.
Eine öffentliche, erniedrigende Verhandlung mit viel Presse.
Jahrelang danach nachts Panikanfälle.

Das vierte Mal war gestern.
Diesmal zum Glück nur als Zeuge.
Für meine Vermieterin.



Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich gerne mal sonntags mit meinem Vermieter
auf der Kutsche ausfuhr. Die Pferde brauchten Bewegung, der Platz neben dem "Schwager"
war manches Mal frei.
Also fragte ich und er nahm mich oft mit.
Tolle Fotos und kleine Videos sind dabei entstanden.

Die Fahrten mit ihm hatten etwas von historischer Stadtführung.
Keine 100m Fahrstrecke, wo er nicht  etwas zu erzählen hatte:
Von der Geschichte der Ställe, der Häuser, der Orte und der Weinberge,
an denen wir vorbeizogen.

Was wann an wen vererbt worden und bei dessen Scheidung dann an die Ex-Frau gegangen sei.
Weshalb das Mietshaus da drüben seit 7 Jahren leer stünde.

Wann der Pächter der Wirtschaft da drüben altershalber aufgegeben habe.
Aber leider säuft der Sohn und macht den Betrieb deshalb nicht weiter.
Und so weiter.
Ich hätte dem Mann noch JAHRE zuhören können.

Altershalber war es bald nicht mehr möglich gewesen, die Pferde allein auszufahren und zu versorgen.
Irgendwann kamen zwei verkrachte Existenzen auf die Koppel.
Ein Ehepaar. Kundig in Pferdepflege, ausfahren usw.
Sie waren sehr freundlich.
Sie kümmerten sich jeden Samstag und Sonntag, kamen kilometerweit hergefahren.

Allerdings waren sie auch sehr merkwürdig.
SIE war stets mit den Pferden unterwegs.
ER stand am Zaun.
Immer.
Stundenlang.
Bei Wind und Wetter.
Neben seinem Auto.

Nie nahm er ein Angebot auf einen Kaffee wahr.
Oder sich zu uns zu setzen.
Er hätte leicht heimfahren können, ca. 45 min.
Aber er blieb lieber 4 Stunden an der Straße stehen.

Irgendwann wurde es merkwürdig.
Das Ehepaar begann, sich mit den Pferdeeigentümern zu verkrachen.
Die Konflikte wurden immer konstruierter - und vermehrt auch in unsere Richtung
als eigentlich völlig unbeteiligte Mieter gestreut.

Mein Vermieter hatte bereits auf unseren Kutschfahrten ein ungutes Gefühl gehabt.
Die Beiden seien berüchtigt, im Reit- und Fahrverein wolle niemand mehr etwas zu tun haben
mit ihnen.
Aber vielleicht hätten sie noch eine Chance verdient, hier, bei uns.
Eine böse Fehleinschätzung.

Es dauerte nach seinem Tod nicht lange, da eskalierte die Lage und unsere
Vermieterin sah sich genötigt, die Pferde an einen anderen Standort abzugeben,
um das Ehepaar nicht länger auf dem Hof zu haben.

Allerdings fehlten plötzlich in den Impfbüchern der Pferde die Abstammungspapiere
(die normalerweise nur der Eigentümer haben kann).

Diese Impfbücher waren mit den Papieren dem Ehepaar ausgeliehen worden,
da dieses die Impfung der Pferde als Service mit ausgeführt haben wollte.
Bei der Rückgabe fehlten die Papiere in den Impfbüchern, und auch die
Impfbücher selbst mussten erst mit massivem Druck zurückgeholt werden.

Als unsere Vermieterin dem Ehepaar auf Herausgabe der Papiere bestand,
wurde sie ihr verweigert.
Begründung: Der verstorbene Mann habe der Familie eins auswischen wollen
und ihnen, dem Ehepaar, die Pferde geschenkt.

(Wenn Sie jetzt denken, das sei doch juristisch schnell erledigt:
Schenkung => Vertrag
=>Vertragsform = Schriftform
=> kein schriftlicher Vertrag vorliegend => keine Schenkung
- dann liegen Sie falsch!
Unter Pferdeinhabern gilt im Verkauf und Eigentumsübertrag
noch altes Recht: Gesprochenes Wort + Handschlag)

Man könnte auch böse formulieren:
Wenn Sie sich fremdes Eigentum widerrechtlich aneignen wollen
und keine schriftlichen Verträge vorlegen müssen wollen,
dann ist ihr bestmögliches Betätigungsfeld - die Reitszene.

Und darum ging es vor Gericht.
Und mit mir als einem der Zeugen.

Das Gerichtsnebengebäude war wenig einladend und unscheinbar.
Fast hätte ich die falsche Adresse angefahren.



Die Wartestühle unbequem, die Luft stickig.
Der Richter ein halber Bubi.
Die Schöffin-Azubiene neben ihm ein Mädel.

Die Anwältin der Vermieterin eine graue introvertierte Maus,
der gegnerische Anwalt ein schwäbischer Bauer.
Ich trage als Einziger Anzug.
Da spiegelt die Saalnummer sogar das Kräfteverhältnis korrekt wider, denke ich mir.

Der Richter ist nicht mal im Entferntesten in den Fall eingelesen.
Wild blättert er hin und her.
Wer denn heute überhaupt alles HIER sei?
Wer denn ICH sei?

Ich sage, Sie haben mir Post geschickt, da stand drin, ich soll kommen,
ansonsten bis zu 6 Wochen Haft und bis tausend Euro Geldstrafe.



Er guckt verwirrt.

Auch die Anwältin der Vermieterin wusste nichts von meiner Anwesenheit.
Und dann guckt der Richter neben mir die Schwiegertochter an und fragt, ob SIE
die FRAU Z. sei.

Ich winke erneut und sage, ICH bin HIER und der HERR Z.
Und zwar immer noch als ZEUGE.
Aha?
Na.
Dann solle ich mich mal vorstellen, mit vollständigem Namen.

Ich seufze, zähle alle Vornamen plus Nachnamen auf,
großes Gelächter im Saal.
Ich grinse und sage, die Reaktion des Publikums sei die Gleiche wie damals
auf dem Standesamt und ich freute mich, wenn ich zu Ihrer Erheiterung beitragen konnte.

Dann schickt er mich und einen anderen Zeugen raus.
Wir nehmen draußen Platz.
Nach 30 Sekunden (!) wird der Mann neben mir
über die Lautsprecher wieder in den Gerichtssal gerufen.

Kindergarten mit Besoldungsstufe R1.

Der erste Zeuge wird abgelehnt.
Erstaunlich, er hätte einiges zu erzählen.
Wie das Ehepaar meinem Vermieter ihm gegenüber den Tod gewünscht hätte, zum Beispiel.

Ich werde hereingerufen.
Ich nehme Platz.

Da sitze ich nun auf dem Zeugensitz, eingekeilt zwischen den Tischen
der Anklage und der Gegenseite.



Der Richter übergibt die Fragen an seine Azubiene. Ja, tatsächlich.
Die ist unerfahren, aber ich helfe ihr.

Da man sich die Protokollierung hinterher sparen will, diktiert der Richter LIVE in sein Diktiergerät.
Was bedeutet:
Ich muss an jedem Komma anhalten und meinen Satz unterbrechen!

Die eigene Anwältin macht Fehler in der Fragestellung,
der gegnerische Anwalt macht Fehler in der Fragestellung.
Ich muss den Richter dezent darauf hinweisen, dass ich kaum hier bin,
um Spekulationen abzugeben.
Er stimmt zu und mahnt zur korrekten Fragestellung.

Der generische Anwalt will dicke Eier zeigen.
Ob ich denn überhaupt was von Pferden verstünde, wo ich doch angeblich
so oft mit dem Vermieter zusammengefahren sei.

Ich antworte nein, ich verstünde nichts von Pferden.
Aber ich verstünde auch nichts von Autos - und fahre sie trotzdem fast täglich seit 1990.

Er lädt nach.
Ob es denn Fotos von diesen angeblichen gemeinsamen Ausfahrten gebe.
Ich muss wieder grinsen.
"Fotos UND Videos. Sehr viele.
Ich sende Sie Ihnen gerne, aber soviel Platz hat ihr Postfach nicht."

Geraune im Saal, der Richter winkt ihm ab, er zieht den Schwanz ein, Thema erledigt.
Billiger Versuch eines Bauern, zum Scheitern verurteilt.


Zieh dir erstmal einen Anzug an, Stalljunge.

Dann werde ich vom Richter direkt etwas gefragt.
Ob mir der verstorbene Vermieter etwas zu seinem Verhältnis zu den Klägern gesagt hätte.
Ich antworte wahrheitsgemäß (siehe oben).

Der Kläger direkt neben mir zischt mir -mit hochrotem Kopf- zu,
dass ich bei meinen Lügen nicht rot würde, das sei eine Schande.

Ich drehe mich grinsend zu ihm und entgegene:

"Wenn rot werden hier ein Indiz für die Unwahrheit ist,
wird das heute nicht Ihr Tag."

Geraune im Saal.
Der Richter mahnt mich zur Raison, ich entschuldige mich.

Zwei Sätze später ist alles gelaufen.
Ich werde entlassen und nach der Notwendigkeit von Erstattungskosten gefragt,
wegen der Anreise.

Ich antworte wieder wahrheitsgemäß.
"Nein, ich brauche keine Kostenerstattung, Andere im Raum
brauchen das Geld mutmaßlich viel dringender."

Und bevor der rote Kopf platzt, schließe ich grinsend die Tür zum Gerichtssaal,
fahre heim und mache mir erstmal einen Kaffee.

Einen starken.



Kommentare:

  1. Sehr unterhaltsam. Das gefällt mir.

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    1. 1 Gramm Lob von Dr. Schwein wiegt mir 1.000 Tonnen Häme Anderer auf!

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  2. Ja. Wirklich unterhaltsam.

    Wie ist es denn ausgegangen???

    Wenn die Gäule tatsächlich verschenkt worden wären, dann ergibts ja keinen Sinn die Impfbücher zurückzugeben. Mit den fraglichen Abstammungspapieren steht doch jetzt bestimmt ein anderes Pferd auf der Weide! Oder haben die behauptet, es habe jetzt nieeeeee Papiere gegeben?
    Mann, Mann, Mann. Es ist echt unglaublich.

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    1. "Ausgehen" -fürs Erste- tut das Ende Juli. Ohne erneuten Termin, das wird einfach per Post zugestellt.
      Die Richter heute wollen wohl auch keine Szenen mehr sehen im Verhandlungssaal.

      Die Pferde sind inzwischen woanders untergebracht, und genau genommen will die Klägerseite auch gar nicht die Pferde, sondern den Gegenwert der Pferde. Und den Gegenwert des Futters für die Pferde.
      (Ja, so hab ich auch geguckt.)

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    2. Ich hab jetzt gar nicht so geguckt, denn DAS hab ich mir denken können. Passt nämlich genau in mein (zugegeben nicht vorurteilsfreies) Bild.

      Mann, es gab doch mal Länder und Zeiten, da wurde Viehkauf auch mit Handschlag besiegelt. Da gabs für Viehdiebstahl aber auch die Todesstrafe.

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    3. Ich habe eine VERMUTUNG, wie das ausgeht - der gegnerische Anwalt fragte mich alles Ernstes im Zeugenstand "Können Sie ausschließen, dass Herr xy den Eheleuten yz die Pferde geschenkt hat?"
      Daraufhin schaute ich entgeistert den Richter an und fragte, ob ich zu Spekulationsaussagen hier sei, dieser verneinte und droppte die Frage des Anwalts.

      Aber sie zeigt, in welche Richtung es gehen wird:
      Es kann nicht bewiesen werden, es kann nicht das Gegenteil bewiesen werden, und WAS wird unsere widerliche, auf die Vermeidung von Revisionsverfahren getunte Kuscheljustiz in so einem Fall wohl machen?

      Sie wird zur Hälfte stattgeben und zur Hälfte ablehnen:
      "Der halbe geforderte Preis der Pferde ist zu bezahlen."
      Was wollen wir wetten?

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  3. Ein Krimi!
    Aber jetzt weiß ich natürlich, wie ich kostengünstig zu einem Pferd komme ;)

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    1. An Dich dachte ich beim Lesen auch - und folgerte dasselbe daraus ;)

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    2. Es freut mich, dass ich so krimin...KREATIVE Leserinnen regelmäßig hier im Blog begrüßen darf.

      Kann man sich denn nicht einfacher einen Mann mit Pferd (altdeutsch: Prinz) anlachen?

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    3. Männer, die auf einem Pferd reiten, haben es meistens nicht so mit den Frauen :-/

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    4. Ahhh, schlimme eigene Erfahrungswerte?^^

      Nur nicht tiefstapeln, Frau Annika - in Adelskreisen reitet fast Jeder,
      kein Interesse an Mann mit Schloss und ständig schöne Kleider tragen?

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    5. Annika, das ist doch Quatsch. Guck dir mal im TV die großen Turniere an, da reiten einige Männer mit und mWn sind davon einige verheiratet. Also schon vor der 2017er Ehefüralle-Reform.

      Und das mit den Adelskreisen und den Reitern... nun da kann ich einen Heteromann empfehlen (also wenn dich nicht stört, dass ich schon Sex mit ihm.... äääh, ich muss weg *flücht*

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    6. Annika: sollte es sich bei dem Herrn, den Frau Laterne Ihnen andre ... äh: empfehlen möchte, um ebenjenen handeln, von dem ich vermute dass er es ist, dann sollten Sie den Schwerpunkt wirklich auf den reitsportlichen Teil der Beziehung legen und sich für allfällige Reproduktionsgymnastik vielleicht besser unter den Stallburschen umsehen. Ich hörte von seinen kopulativen Qualitäten zwar unterhaltsames, aber eher Richtung Monty Python als Richtung Rosamunde Pilcher.

      Wenn Sie verstehen was ich meine ... 😇

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  4. Als Schöffe kann ich nur sagen - manchmal läuft es leider genau so ab. Kennst du noch das Königlich Bayrische Amtsgericht ? Daran erinnere ich mich immer wieder ;-)

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    1. Nein, das kannte ich nicht, aber ich gehe es sogleich youtuben^^. Danke!

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Ich freue mich über Ihren Kommentar, wenn er dies beherzigt, aber ich lösche ihn, wenn er sein Gastrecht missbraucht.

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