Behind barred windows complete



[ Nun ja.
Das liest zwar eh kein Mensch nochmal komplett,
aber falls doch, soll derjenige sich wenigstens nicht 'nen Wolf suchen müssen
durch den halben ZauberBlog.
Daher - alle Teile chronologisch sortiert.
Leserfreudlich angepasst sozusagen.
Enjoy. ]


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PART 0

Es ist soweit, es kann jetzt raus. Glaube ich.

Ich denke, vierzehn Jahre nicht über die entscheidende Phase meines Lebens gesprochen oder detailliert nachgedacht zu haben, reicht. 


Die Eintragungen sind seit Jahren gelöscht, die Tilgungsreifen eingetreten, die Strafen lange abgelaufen und verloschen.
"Sauber" bin ich schon seit Langem wieder.
Beim Zaubermann lief es nicht immer gradlinig. Und nicht gesetztestreu. 
Und dafür hat er die Rechnung bekommen.
Eine dicke.

Vielleicht keine, von der man sagen könnte, sie wäre "angemessen" gewesen.

So sehe ich das bis heute nämlich noch nicht.

Sie war eher ein bisschen wie "mit Kanonen auf Spatzen schießen" in meinen Augen, aber so ist das nun mal - wir leben in einem Staat, in dem sie nur DANN mit Samthandschuhen angefasst werden, wenn sie richtig große Dinger gedreht haben.


Jedenfalls - ich habe etwas mit Boris Becker gemeinsam, wenn man so will.
Aber DER war zu keinem Zeitpunkt eingesperrt - ein immenser Unterschied, Ladies and Gentlemen.

Es waren ja auch nur dreieinhalb Wochen. Und auch "nur" U-Haft.

Das mag Ihnen jetzt lächerlich erscheinen.
Das hätte es mir auch.
Vorher.

Aber ich sage Ihnen: 
Wenn sie eingesperrt sind und ihre Wochen in Gesellschaft der tiefsten denkbaren sozialen Stufe der Menschheit verbringen, während da draußen, außerhalb der Gitter, ihr gesamtes bisheriges Leben zerbröselt und untergeht und sie können NICHTS dagegen tun - dann lernen Sie sich kennen.

Auf eine Art und Weise, die Sie womöglich lieber hatten vermeiden wollen.
Da drinnen können Sie sich nicht vor sich selbst verstecken. Das geht nicht.

Aber es gab auch durchaus skurile Momente und -ich kann es nicht anders sagen- schöne Erfahrungen. Trotz der strukturellen und latenten Gewalt und dem "Haftschrecken", wie es so schön im Strafrecht heißt.

Vielleicht werde ich gar nicht viel schreiben über die eigentlichen Gründe.
Vielleicht belasse ich es bei Beschreibungen über meine Umwelt, das Erlebte, Gesehene.

Ich weiß noch nicht.

Aber ich fang dann mal an. In Kürze.





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PART 1





Als die Maschine zum Landeanflug ansetzt, beginnt sich so ein mulmiges Gefühl im Bauch auszubreiten.
Und als wir 10 Minuten nach der Landung immer noch in der parking position stehen, ohne dass sich die Türen öffnen, dämmert mir so ganz langsam, dass ich der Grund sein könnte.

Unter den Fluggästen breitet sich Unmut aus.
Sie stehen mit ihren Handgepäck am und ihren Jacken überm Arm verrenkt im Gang und warten auf das deboarding, als die Durchsage des Kapitäns durch die Lautsprecher tönt.
Alle sollen ihre Ausweise beim Verlassen des Fluzeugs bereithalten, die Flughafenpolizei würde eine Personenkontrolle durchführen.

Spätestens jetzt hatte mir Alles klar sein müssen, aber das Witzige ist, dass in jenen Momenten oft ein Mechanismus einsetzt, den Sie so oft beobachten können bei Tätern:

Verdrängung.

Es kann nicht sein, die meinen nicht mich, sie wollen jemand Anderes, es ist bestimmt irgendein harmloser Grund dahinter, alles wird sich aufklären.

Meine Freundin verlässt das Flugzeug als Erste, ich als Zweiter, ihr Bruder als Dritter.

Als der Polizeibeamte meinen Ausweis kontrolliert, schaut er mir lange und stechend in die Augen, dreht sich zu seinem Kollegen in zivil um, nickt diesem zu. Jener greift hinten in seine grüne Jeanshose, holt die blitzblank glänzenden Handschellen vor und das ist der Moment, ab dem sich alles wie in einem Hyperraumflug in meinem Kopf abspielt, ich nehme Alles wie in extremer Zeitlupe wahr, wie paralysiert, der ganze Körper unter Strom, gleichzeitig alle Glieder irrwitzig gelähmt.

Ich sehe, wie sie die Augen auf mich richten wie in einem Gruselfilm, Münder öffnen sich, Worte taumeln mir entgegen.
"Herr Zaubermann, ich nehme Sie vorläufig fest. Kommen Sie mit."


Hinter mir stehen 180 Fluggäste und sie könnten eine Stecknadel fallen hören, wäre da nicht der abendliche Betriebslärm eines Großstadtflughafens.

Während ich noch den unbequemen Rucksack anhabe, klicken hinter meinem Rücken die Handschellen und sie schleifen mich am Tragegriff meines Rucksacks neben sich her, quer über das Rollfeld, hinein in das Zollgebäude. 


Meine Freundin rennt mit ihrem Bruder hinter uns her und ist kurz davor, den Verstand zu verlieren, schreit immer wieder auf die Beamten ein, weint ihre Fragen in die Nacht hinaus.

Keiner wird ihr antworten.
Die Beamten unterbinden jede Kommunikation zwischen uns und ignorieren sie.

In den Räumen des Zolls sitzen andere Beamte, die mich mit bemitleidenden Blicken empfangen.
Ich werde an die lokalen Polizeieinheiten übergeben, es gibt Formulare auszutauschen.
In meinem Rucksack befindet sich eine große, schwere Venus-Statue, ein Mitbringsel aus dem Urlaub.
Aber mir ist natürlich klar, dass ich nicht wegen ihr hier sitze.

Übrigens, "sitze" ist nicht ganz treffend - diese Statue in meinem Rucksack hat einen spitz abstehenden Arm, der mich jetzt massiv in den Rücken drückt und mich zu einer weit nach vorne gebeugten Bückhaltung zwingt.
Ein Beamter hat ständig seine Faust in meinem Nacken um die Rucksacktrageschlaufe.

Ich hocke da wie ein Skispringer im Anlauf.
Als wenn ich so noch fliehen könnte.

Mein Kinn liegt fast auf meinen Knien, weil es mit der doofen Statue im Kreuz einfach nicht anders geht, aber das interessiert Keinen.
Es führt allerdings dazu, dass ich niemandem in die Augen sehen kann, weil mein Gesicht so weit unten ist.

Was mir durch den Kopf schießt in diesem Moment, ist:
Meine Fresse, wie gehen die erst mit denen um, die WIRKLICH was angestellt haben?

Sehr unentspannte, spürbar dienstgeile und daher wenig freundliche Kollegen übernehmen mich und drücken mich auf die Rücksitzbank eines Dienstwagens, der mich auf die Polizeiwache in der nächsten Stadt bringen soll.

Da ich immer noch gebückt sitze, wird es hinten im Auto -mit der Stirn am Vordersitz- nun wirklich schmerzhaft unbequem.
Ich frage, ob man mir den Rucksack abnehmen oder wenigstens ein bisschen seitlich herunterziehen kann.
Dass ich für die Frage nicht noch ausgelacht werde, ist alles, aber immerhin trage ich sichtlich
zur Erheiterung der Beamten bei.

"Sie wissen, warum Sie hier sind?"
Die Verdrängung funktioniert:
"Nein, aber Sie werden es mir hoffentlich gleich sagen?"

Irritierte Blicke gegenüber.
"Was sagen Ihnen die Namen x und y?"
Ich antworte:
"Hab ich schon mal gehört. Sind glaube ich Kunden von unserem Büro. Was hat das mit mir zu tun?"

"Das können Sie sich sparen, Herr Zaubermann. Für Betrug und Urkundenfälschung kriegen Sie drei Jahre, das ist schonmal klar. Und es wäre wirklich besser für Sie, wenn Sie mit uns zusammenarbeiten."

"Ich habe keinen Schimmer, wovon Sie reden, aber ich helfe Ihnen, wenn ich kann, vorausgesetzt, ich darf endlich diesen verdammten Rucksack runternehmen, der tut höllisch weh."


Sehr irritierte Blicke gegenüber, die Kollegen im Auto schauen sich fragend an.

Ich werde den Rucksack noch die nächsten 3 Stunden aufbehalten dürfen.



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PART 2




Als wir in der völlig heruntergekommenen Polizeistation (wie Derrick-Film-Requisiten aus den 70ern) ankommen, ist es schon dunkel und ich bin schon einigermaßen am Arsch, bevor das Verhör überhaupt angefangen hat.

Ich habe 18 Stunden in den Knochen, einen 30°C Temperaturwechsel, bin seit mehr als 3 Stunden in Handschellen auf dem Rücken und die Venusstatue im Rucksack auf meinem Kreuz beginnt, meine Rippen zu assimilieren.

Irgendwo am Flughafen verloren meine Freundin und ihr Bruder mich und die Beamten.
Man hatte ihnen irgendwann eine Tür vor der Nase zugeschlagen.
Automatische Rolltore aus Stahl öffnen sich vor dem Dienstwagen und schließen sich hinter ihm.
Wir steigen aus.


Ich komme nun in einen Raum mit Schreibtisch und Stühlen und werde dort hingesetzt.

Dem Beamten auf den anderen Seite des Tisches missfällt, dass er mir nicht ins Gesicht sehen kann aufgrund meiner nach vorne gebückten Haltung.

Die insgesamt 5 Polizisten beginnen nacheinander einzusehen, dass sie mich nicht länger mit dem Rucksack samt Statue im Kreuz da so sitzen lassen können, wenn sie mich verhören wollen - aber wie bloß den Rucksack herunternehmen, ohne die Handschellen zu öffnen?
Es wird beratschlagt.


Irgendwann kommt einer zu mir und knurrt mich an, ich solle jetzt bloß keine Dummheiten machen, öffnet die Handschellen, zieht den Rucksack herunter, um mir die Handschellen dann VOR dem Körper gleich wieder anzulegen.

Schmerzjaulend richte ich mich nach Stunden das erste Mal in Zeitlupe auf.

Der Beamte gegenüber will endlich anfangen.

"Sooo, dann frage ich Sie jetzt: Haben Sie uns etwas zu sagen, Herr Z.?"

"Jepp. Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben? Mein letztes Getränk hatte ich außerhalb der EU."

 "Ja....sicher. Klaus, würdest DU bitte?"

Klaus zischt durch die Zähne. Er will nicht, dass ich echte Namen von ihnen zu hören bekomme. Ich halte meine Handschellen in Kopfhöhe und frage einfach mal doof nach :

"Sagen Sie...muss DAS HIER wirklich sein?"

"Ja, die behalten Sie an!"


Ich drehe mich langsam auf meinem Stuhl um und lächle den Mann mit aller Güte, zu der ich noch fähig bin, an:


"Ich sitze in einem Raum mit mehrfach verschlossenen Türen in einem bewachten Gebäude mit Videokameras.
Um mich herum stehen 4 bewaffnete Beamte und nachdem ich jetzt 3 Stunden mit Handschellen im Kreuz und Rucksack im Nacken gebückt gehockt bin, bin ich ein Musterfall in Sachen Fluchtunfähigkeit. Und da sagen Sie mir echt, DAS HIER müsste sein?"


Ja, es musste.

Das Verhör beginnt. Es geht etwa 2 Stunden, ich bin totmüde und erzähle eine Mischung aus Wahrheit und noch-nicht-alles-preisgeben. Es geht nicht um Taktik, aber diese Menschen hier vor mir sind echt ekelhaft zu mir.
Ich bekomme den Eindruck, ich hätte einen ganzen Kindergarten missbraucht, so wie die sich gebärden.

Die Details sind mir aber entfallen.

Die Beamten wollen irgendwann nach Hause, es ist spät geworden. Man nimmt mir die Handschellen ab (huch), sowie Schnürsenkel und Gürtel.
Und natürlich den Rucksack (mit Statue und Kulturbeutel).

Zwei jüngere, unsicher wirkende Beamte bringen mich in die Katakoben, wo die Nachtzellen liegen.

Dort sind 4 Zellen nebeneinander, der Beamte öffnet die erste Tür.
Ich betrete den Raum und es würgt mich instant:


Eine total zerrissene und mit Feuerzeugflammen angekokelte ehemals gelbe Schaumstoffmatratze.
Ein in die Wand eingelassener defekter Bauhalogenstrahler, das Glas zerbrochen.

Halb herausgerissene Sanitärelemente.
Keine Seife, Toilettenpapier.
Der Wasserhahn geht nicht.


Ich bleibe stehe und drehe mich um.

"Bitte sagen Sie nicht, dass das ihr Ernst ist und dass DAS ihre einzige Zelle ist." 
 
Die Bamten schauen sich an, ihnen scheint einzufallen, dass willkürliche Dunkelhaft ziemliche Probleme für sie geben könnte.

Ich lege nach.

"Könnten Sie BITTE nebenan schauen, ob dort wenigstens Licht und Wasser gehen?"

Wir gehen in die zweite Zelle.
Dort ist die Matratze heil, das Licht aber ebenfalls defekt.

Seufzend schliesst der Beamte die dritte Zelle auf.
Ich staune. Diese Zelle scheint nagelneu zu sein. Alle ist sauber und unbenutzt.

Offenbar schiebt man die Nachtgäste, ob Asylabschieber oder Alkoholgeschädigte seit Jahren immer nur in die erste Zelle, und entsprechend sieht sie aus.
"Morgen früh um halb acht kommt der Erkennungsdienst und nimmt ihre Fingerabdrücke. Bis morgen."

Hinter den Beamten fällt die Tür ins Schloss. Stöhnend hebe ich mich auf die Matratze, in das gleißende Baustrahlerlicht an die Decke starrend.


Mein Kopf schwirrt.
Ich fühle mich erstaunlich ruhig.
Meine Gedanken kreisen um meine Freundin, die in diesem Moment wahrscheinlich die Augen ins Kopfkissen heult und die Welt nicht mehr versteht.


Irgendwann siegt die Erschöpfung über den Kopf und die Augen fangen an zuzufallen, also mache ich mich in meinem Sweatshirt und meiner Tarnfarbenhose und Turnschuhen lang.

Ich betätige den Kontaktschalter und der Baustrahler erlischt.

"Wenn ich das hier überstehe, Liebling, und Du mich dann immer noch willst, werde ich Dich heiraten." ist der letzte Satz, den ich an diesem Tag bewusst denke.


Ich sollte nicht Wort halten.

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PART 3



Ich erwache am nächsten Morgen gegen sieben in meiner Nachtzelle und stille meinen Durst am Wasserhahn.
Als gegen acht immer noch keiner vorbeischaut, klingle ich an der Gegensprechanlage und frage, ob man mich vergessen habe. Gelächter.

Nein, es sei alles in Ordnung, man würde sich schon noch um mich kümmern

(eine Woche danach werden sie übrigens zugeben müssen,
mich vergessen zu haben).

Nochmal später schließen zwei junge Beamte die Tür auf und Einer reicht mir freundlich eine Backwarentüte rein - zwei Brötchen, Butter, Streichkäse, Marmelade.
Er hat -das sieht man- sie selbst gekauft, die Tüte ist vom Bäcker um die Ecke.
 
(Später wird mir mein Anwalt sagen, dass die
 Polizisten diese höchstwahrscheinlich aus eigener Tasche
bezahlt hätten, da es dafür kein Budget
bzw. keine Barkasse auf dem Revier gäbe.) 

"Um zehn bringen wir Sie rüber aufs Gericht zum Haftrichter, ihr Anwalt wird dort auf Sie warten."


Ich bin erstaunt: "Was denn für ein Anwalt? Ich habe Keinen!
Ihre Kollegen hatten mir gestern nacht um elf die gelben Seiten auf den Tisch geknallt, als ich nach einem Anwalt gefragt hatte.
Aber natürlich habe ich um die Uhrzeit auch Keinen mehr erreicht?!"


"Tja, dann haben den wohl ihre Freunde für Sie aufgetrieben."



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       --- 2 Wochen vorher: ---

Ich sitze zutiefst besorgt auf dem Dach eines  Ferienbungalows irgendwo in Südosteuropa und überlege, wie ich das soeben am Telefon Gehörte in irgendeine für mich günstige Erklärung bringen kann.

Mein Chef und Kumpel hatte mich angerufen.
Zwei Polizeibeamte seien in unser Büro gekommen und hätten nach mir gefragt. Sie hätten eine Menge merkwürdiger Fragen gestellt. Was er jetzt davon halten solle.

Kurz darauf - ein Anruf von Fräänk, meinem besten Freund damals.
Er könne die Blumen in unserer Wohnung nicht mehr gießen, der Schlüssel der gestern noch gepasst hätte, würde das heute nicht mehr tun.

Ich sage ihm, er soll einen Schlüsseldienst holen.

Das hätte er bereits getan, antwortet er (typisch Fräänk - ohne mich zu fragen), er habe den kleinen netten Türken gegenüber unseres Büros geholt.

Aber der habe die rotfarbene Stelle links unten an meiner Haustür gesehen und mit den Worten  "Das ist bestimmt Blut! Da fass ich nichts an!" auf dem Absatz umgedreht und sei abgehauen.

Ich sage Fräänk, er soll erstmal nichts weiter unternehmen und verschweige die Telefonate
vor meiner Freundin.

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Die Fahrt zum Amtsgericht ist kurz, aber furchtbar.
Ich ducke mich im Polizeitransporter an jeder roten Ampel, falls neben uns ein Auto zum Halten kommt mit einem Fahrer, der mich kennt.

Im Gerichtsgebäude bringt man mich in einen Raum, in dem ein sehr alter Mann sitzt,
der sich mir zu meinem Entsetzen als mein Anwalt vorstellt.
Mein Anspruch war keineswegs ein zweiter Alan Shore gewesen - aber doch wenigstens kein Zwillingsbruder von Werner Höfer!

Er stellt sich mir gütig und knapp vor und kommt dann sofort zur Sache:

"Im Haftbefehl steht, Ihnen wird zur Last gelegt, ........, was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?"


Ich überlege nicht lange:
"Die gegen mich erhobenen Vorwürfe sind nahezu vollinhaltlich zutreffend."

 
Er stutzt: "Ja?"
Ich nicht. "Ja."

"Warten Sie hier, ich versuche mit dem Haftrichter kurz zu reden."
"'Kann ja auch schlecht weglaufen..." antworte ich, mit den Handschellen klimpernd.
Der Beamte draußen vor dem Raum schaut finster herein.

Keine fünf Minuten später ist er mit zerknittertem Gesicht wieder da.
"Also, Herr Zaubermann: Nix zu machen, der will sich mit der Sache gar nicht befassen."
"Wie meinen Sie das?" frage ich nervös.

"Es ist nicht sein Job, sich heute an einem Samstag vormittag mit Ihnen und Ihrem Fall zu befassen. Der hat nur Notdienst, der will schnell wieder heim.
Er muss nur gucken, dass der Haftbefehl ordnungsgemäß war - und dann unterschreibt der und das war's dann für ihn".


"Und jetzt??"

"Nun... Sie kommen jetzt erstmal in die JVA. Daran führt jetzt kein Weg vorbei erstmal, Sie haben eine Griechin als Freundin und für die Polizei heißt das: Fluchtgefahr.
Kriegen Sie irgendwie das Wochenende dort rum, ich melde mich nächste Woche wegen eines Termins mit Ihnen und bis dahin weiß ich schon mehr."


Ich spüre, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

"Haben Sie ...meine Freundin gesehen?"
"Ja, kurz."

"Wie geht es ihr?"

"Was glauben SIE denn? Beschissen ist noch geprahlt!"


Wie betäubt lasse ich mich in den Transportwagen der Polizei schieben, wo ich angekettet werde, es geht aus der Stadt raus, vorbei an meiner alten Berufsschule, vorbei an den Feldern, über die ich so oft mit dem bike gefahren bin, bis am Horizont die Shilouette der JVA auftaucht.

"Dein neues Zuhause, Zaubermann"
, denke ich.
Das hast Du ja super hingekriegt. Du Vollidiot.

Hmm. Mir fällt ein, die haben gar nichts von MM gesagt.
Ob sie den etwa noch gar nicht gefasst haben?


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PART 4


In der JVA komme ich erst einmal in einen Schleusenraum für Neuanlieferungen:
Ein winziger quadratischer Raum für maximal 3 Leute, mit zwei Pritschen und einem sehr kleinen Tisch.

Die Wände sind auf absolut jedem Zentimeter mit Kugelschreibern, Filzstiften und Feuerzeugkokeleien beschmiert. Und zwar bis zur Ramdecke hoch.

Das macht diesen an sich ungestrichenen Raum fast blauschwarz.

Gegenüber von mir hockt ein Mann, den ich auf Ende vierzig schätze. Er sieht genau so aus wie Campino.

Seine Haare sind zerzaust, er ist hager und ...barfuß.
Wir wechseln kein Wort, eine dreiviertel Stunde lang.
Er hockt mit den Füßen auf der Pritsche und den Kopf auf seinen Knien.

Er wird als Erster rausgeholt, was mich erleichtert.


Dann holt man mich und "checkt mich ein".
Es beginnt mit der Abgabe der wenigen restlichen Habseligkeiten, die ich am Körper trage.

Auch meine gesamte Kleidung wird einkassiert, außer der Leibwäsche.
Ein Protokoll wird angefertigt, ich unterschreibe.

Dann geht es zur Visitation beim Anstaltsarzt.
Die meiste Zeit werde ich nackt vor ihm stehen, während er am Schreibtsich sitzt und seinen Fragebogen durchgeht.

       Nehmen Sie Drogen?
       Sind Sie auf Medikamente angewiesen?
       Sind Sie Alkoholiker?
       Haben Sie ansteckende Krankheiten?
       Aids?
       Sind Sie tätowiert?


Nur ein einziges Mal nimmt er die Augen vom Papier hoch und sieht mich an.
"Drehen Sie sich mit dem Rücken zu mir.
Jetzt nach vorne bücken.
Jetzt die Pobacken auseinander ziehen."


Sie können sich vielleicht mein mulmiges Gefühl vorstellen.

"Ok. Kann ich Ihnen glauben, dass Sie KEINE Drogenbeutel da drin transportieren oder soll ich das lieber untersuchen?"

Ich versichere ihm unter Aufbietung aller Überzeugungskraft, dass seine Einschätzung zutreffend sei.


Es geht weiter zur Kleiderkammer.
Ich erhalte furchtbare, schlecht sitzende Schuhe, Hosen und Jacken, die mich wie Kim Jong Il aussehen lassen, nur in grau-blau.

[Daran erkennt man übrigens die Neuankömmlinge:
Sie tragen anfangs noch die Anstaltskleidung.
Mit den Wochen und Monaten bringt man ihnen
dann bei Besuchen ihre private Kleidung von daheim,
oder man kauft sich etwas über den Anstaltskatalog.]


Oben drauf legt man mir ein Metall-Essgeschirr, so ähnlich wie bei der Bundeswehr.
Nur nicht olivfarben.

Ich trage Alles gestapelt wie einen fertig gebügelten Wäschekorbinhalt vor mir her, tripple eingeschüchtert und verängstigt an den vielen Augen der anderen Häftlinge vorbei und brauche meine gesamte Kraft, um nicht sofort laut loszuflennen.


Die zwei Schleusen zum fünften Stockwerk werden vor mir auf- und hinter mir zugesperrt.
Ab jetzt verlasse ich die "Sie-" Zone in meinem Leben und betrete die "Du-"Zone. 


Hier werden alle geduzt. 
Von Allen.

Ich tripple hinter dem Vollzugsbeamten her in der Hoffnung, er möge recht schnell meine Zelle aufsperren und hinter mir wieder zuschließen, damit ich endlich aufs Bett fallen und meine ganze Angst und Verzweiflung hinausheulen kann.

Er schließt die Tür auf, ich gehe zwei Schritte vor - und bleibe wie angewurzelt stehen,
als er in die Zelle ruft:


"Hier kommt Dein neuer Zellenbewohner."

Der Mann ist vielleicht Mitte zwanzig, mit kahlrasiertem Schädel, liegt auf dem Bett und schaut mich grimmig von oben bis unten an, als hinter mir die Tür ins Schloss fällt.

Er steht auf und knurrt "Na Gott sei Dank. Wenigstens kein verfluchter Kanacke!"

Ich zittere, als er auf mich zukommt - nun kann ich die beiden tätowierten Schriftzüge in altdeutscher Schrift quer über seinen ganzen Kopf erkennen:

"Deutschland" und "Hass". (Letzteres mit Runen-s.)

Er streckt mir die Hand entgegen. 

"Hallo. Ich bin Heiko. Du schläfst oben, damit das klar ist."

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PART 5


Die Zweimannzelle mit Heiko ist etwa 15 qm groß. Sie ist in einem absolut jämmerlichen Zustand, aber ich werde noch lernen, dass hier alle Zellen so aussehen: 
Zertreten, zerkratzt, über und über mit Kugelschreiber und anderen Stiften bemalt, alle Ecken und Kanten abgestoßen, abgegriffen, abgekratzt.

Heiko, dem Neonazi, macht das nichts aus.
Auch nicht, dass die Toilette gleich neben der Eingangstür in den Boden montiert ist.
Es gibt keine Trennwand. Und keinen Klodeckel.

(So stellt man sich offenes Wohnen vor.)

Mein Eindruck ist, dass Heiko Schlimmeres gewohnt ist von daheim. Weitaus Schlimmeres.



Heiko hat dunkelbraune, eiskalte Augen.
Er ist vielfach vorbestraft, immer wegen körperlicher Gewalt.
Ein Heimkind ist er, aber das hätte er mir nicht erst noch erzählen müssen.


Schule abgebrochen, Lehre abgebrochen, aber die Neonazis nahmen ihn mit offenen Armen und geschnürten Stiefeln bei sich auf. Hier war er zuhause, hatte Kameraden, fand Anerkennung.
Die klassische Karriere. Dazu kamen die Tattoos, nach und nach. "Bruderschaft", "Deutschland" und all so eine Scheiße verteilte sich auf seinem Körper.

Sobald er mal auf Hafturlaub draußen war, verabredete er sich schnurstracks mit den Jungs in einer Disco, ließ sich zulaufen und fing dann mit irgendeinem zufälligen Opfer Stress an um einen Anlass zu haben, auf ihn einzuschlagen.

Stolz erzählt er mir, wie er an einem Wochenende freitags rauskam, samstags schon wieder von der Polizei abgeholt wurde zur Vernehmung wegen Schlägerei und als die mit ihm fertig waren, kam gleich die nächste Polizeiwache vom Nachbarort rein, um ihn ebenfalls wegen körperlicher Gewalt zu vernehmen:
Er hatte auf dem Nachhauseweg gleich nochmal irgendwo "kurz Einkehr gehalten" und dort den Nächsten im Streit zusammengeschlagen.

Großartig, dachte ich. Du bist bei einem Psycho-Schläger in der Zelle gelandet.



Aber er wolle sich bessern.

Er habe jetzt eine Freundin, die ihn verstehe und die auf ihn warte. Sie schreibe ihm regelmäßig und komme zweimal im Monat zu Besuch. Mehr sei ja hier nicht erlaubt
in "dieser beschissenen Judenkaschemme hier".


Ich richte mich ein, wie man sich eben einrichtet, wenn man gar nicht bleiben will.
Die eher cleveren, gebildeteren Insassen -so lerne ich- werden von den Vollzugsbeamten bevorzugt für die sensiblen Dienste eingeteilt, wenn es also um Hygiene und so etwas geht, und das heißt für mich: 

Ich werde Reinigungskraft. Ausgerechnet ich.


Anders als im Strafvollzug (wo man arbeiten KANN) ist man in der U-Haft zur Arbeit verpflichtet, wie Heiko mir beibringt, der Beides schon mehrfach genossen hat.


Putzdienst, das heißt konkret: Essensausgabe an alle Gefangenen, Mülleimer leeren, Briefpapier ausgeben und nachbestellen, Duschen sauberhalten, Gefängnisflure kehren-wischen-wachsen-bohnern...

Sie können mir glauben: Müsste ich einen Boden auf der Welt wählen, von dem ich den Rest meines Lebens essen soll, ich würde einen JVA-Boden wählen. Es sind die saubersten in ganz Deutschland.
Sie werden nirgendwo auch nur ein Staubkorn finden.

Das Frühstück in der JVA kommt um 05.45 Uhr durch die kleine Klappe in der Tür.
Das Mittagessen kommt um 10.30 Uhr und das Abendessen kommt um 15.15 Uhr.

Die Zeiten, sie sind vollständig angepasst an die Dienstzeiten im öffentlichen Dienst:
Von den Angestellten außer den Vollzusgbeamten ist um 16.30 Uhr Keiner mehr da.
Bis dahin muss eben Alles erledigt sein.


Das spielt für mich ohnehin keine Rolle, denn die ersten 4 Tage werde ich dort nichts essen.
Keinen einzigen Bissen.

Heiko freut sich über die Extraportion ("Man merkt gleich, Du bist Deutscher - 'echt feiner Zug, Alter. So ein Drecksjude hätte jetzt das Essen zurückgehen lassen!").

Am dritten Tag - ein Montag- kommt mein Anwalt und ich möchte ihm am Liebsten wie einem lange vermissten Vater um den Hals fallen und losheulen.

Er hat eine sehr großväterliche, gütige Art.
Dabei einen extrem trockenen Humor und er ist sehr direkt.
Er ist genau das, was ich jetzt brauche.
Er wird sich als mein Schutzengel erweisen.



"Und, gut eingelebt? Wie geht's Ihnen?"
"Beschissen ist noch geprahlt, wie Sie es ausdrücken würden."

Er lächelt hinter seiner old-school-Werner-Höfer-style-Brille.


"Ich glaube, es wäre gut, wenn Sie sich hinsetzen und ein umfangreiches Geständnis notieren würden. Das kommt immer gut. Sie bleiben doch dabei?"

"Ja, klar."

"Sie hatten einen Mittäter, aber der streitet Alles ab. Sagt, er hätte damit nichts zu tun. Seine Freundin hat ihm ein Alibi verschafft, das sieht nicht gut aus.
Der Polizei fehlt noch das letzte Indiz um ihn festzusetzen, und die sind ziemlich angepisst, weil sie nicht weiterkommen.
Können Sie irgendwie belegen, dass er mit involviert war?"

"War mir fast klar. Gehen Sie auf die Webseite von Yahoo Mail.
Loggen Sie sich in meinen emailaccount ein, der Name ist abcxyz, das Kennwort lautet 123456.
Dort finden Sie neben dem Posteingang einen Ablage-Ordner,
er heißt EVERYTHING COUNTS.

Da drin finden Sie 3 Emails aus den letzten Wochen, sie tragen alle
das Wort RAIN im Titel.
Sie sind von ihm an mich.
Darin finden Sie alle unsere Planungen und die Hinweise, dass ER in meiner Abwesenheit die Gelder zwischenzeitlich abgehoben hat, er hat auch die ec-Karten und die PINs.

Sie müssen aber ein bisschen um die Ecke lesen, die Texte sind codiert - mit MONSUN meint er GELDREGEN usw. Aber das kriegen Sie sicher leicht raus, jetzt wo Sie's wissen."

"Darf ich Sie was fragen?"
"Ja?"

"Sie sind ein schlauer Bursche, haben Bildung und sind sprachgewandt, kommen so weit ich ihre Freunde beurteilen kann aus stabilen Verhältnissen und haben eine feste Wohnung und einen ordentlichen Job und Familie im Hintergrund - wieso um Himmels Willen baut jemand WIE SIE so einen grottendämlichen Mist?"

Und das ist der Moment, als ich auf die Tischplatte vorne überkippe und unkontrolliert losschluchze.

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PART 6


Zwei Tage nach dem Gespräch mit meinem Anwalt im Besuchsraum der JVA wird man meinen Kumpel auf der Basis der gefundenen Beweise verhaften.

Quid pro quo: Er wird an seinem Arbeitsplatz abgeholt und in Handschellen abgeführt.

(Das fand ich FAST noch heftiger als die
Nummer im Urlaubsflieger, chapeau!)

Ich nehme weiterhin pro Tag etwa ein Kilo ab und benötige nach 5 Tagen bereits meine Haftkleidung eine Nummer Kleiner.
Als ich mit den neuen Klamotten den Blick gesenkt hinter dem mich bewachenden Vollzugsbeamten hertrotte, klopft mir im Vorbeigehen im Gang ein anderer Gefangener, der ebenfalls hinter seinem Wachmann herstapft, auf die Schulter.

Ich drehe mich um und sehe ihn nur noch ganz kurz von hinten.
Es ist MM. Mein Kumpel.
Nun ist auch er hier. Na, das ging ja schnell.


Oben im fünften Stock angekommen geleitet man mich ins Wachzimmer auf der Mitte des Ganges. Dort angekommen teilt man mir mit, dass ich morgen in den siebten Stock umziehen müsse. Es sei ein Fehler passiert, mein Mittäter sei versehentlich auf den gleichen Gang gelegt worden wie ich (was bekanntlich verboten ist). Ich müsse weg.

Heiko ist wenig begeistert, als ich ihm mitteile, dass ich morgen umziehe.
"Scheiße, Mann, dann krieg ich bestimmt so einen verkackten Kanacken hier!"


Mittags wird Heiko nervös. Es ist Besuchszeit. Längst hätte man ihn abholen und ins Besucherzimmer zu seiner Freundin bringen müssen. Aber es kommt niemand.

Stattdessen werden nur vom Anstaltsarzt seine Beruhigungstabletten geliefert, die er einnehmen muss, um unter Kontrolle zu bleiben.
(und die bei ihm immer genau das Gegenteil
dessen auslösen, was sie sollen)

Als mit dem Abendessen gegen zwanzig nach drei die Tagespost verteilt wird,
ist ein Brief an Heiko dabei.


Seine Freundin, deren Besuch er erwartet hatte, teilt ihm darin mit, dass sie von seinem besten Kumpel schwanger sei und deshalb mit ihm Schluss mache.
Sie wird ihn nicht mehr besuchen kommen, seine Sachen in ihrer Wohnung wird sie demnächst seiner Mutter nach Hause bringen.
Sie wünscht ihm alles Gute.

Heiko tickt aus. Völlig aus.

Die Beruhigungsmittel, die bei ihm die ganzen Tage schon eher das Gegenteil bewirkt haben, schlagen heute schon dreimal nicht an. Er flucht und schreit sich in Rage und fängt an, durch das Zimmer zu springen, dabei Stühle, Tisch und Metallmülleimer durch den Raum tretend.

Ich springe mit Anlauf auf mein Bett hoch, ziehe die Decke und das Kissen ganz nahe an meinen Körper heran und halte die Arme sehr nahe in der Gegend meines Gesichtes, falls was geflogen kommt.

Die Ex von Heiko wird in den nächsten Minuten so ziemlich Alles genannt, wie man eine Frau nur unfein nennen kann und das mobile Inventar der Zelle in seiner Gesamtheit lautstark und teilweise dabei zu Bruch gehend an eine neue Stelle geworfen, als der Schlüssel in der Zellentür klimpert und zwei Beamte in der Tür stehen.

Heiko ist doof, aber nicht so doof, als dass er nicht wüsste, dass er jetzt besser keinen weiteren Aufstand macht. Die Beamten reden beruhigend auf ihn ein, er lässt es über sich ergehen.
Beide Seiten kennen das Spiel.


Witzigerweise schläft Heiko nachts weit vor mir ein und ich bin froh, als ich am nächsten Morgen meine Siebensachen packen und gehen kann.

Im siebten Stock bekomme ich eine einzelne Zelle.
Das deshalb, weil ich als Reinigungskraft früher raus muss und später wieder reinkomme.

Auf diesem Stockwerk ist Alles erledigt und entsprechend cool:
Wer hier ist, bleibt im Prinzip auch hier, bis auf die paar U-Haftler - das hier ist ein echtes Strafvollzugsstockwerk. Unter ein paar Jahren hat hier Keiner auf der to-do-list.


Die Beamten tragen -weil es zur Deeskalation und zur eigenen Sicherheit beiträgt-
KEINE Waffen.
Das Essen wird hier durch die komplett offene Tür dem Gefangenen in seine Hände gereicht.


Und die größte Überraschung:
Die Zellentüren der Reinigungskräfte bleiben OFFEN!


Erstens vertraut man sich hier oben gegenseitig und zweitens müssen die Reinigungskräfte sowieso mehrmals in der Stunde raus, da haben die Beamten keine Lust, dauernd auf- und zuzuschließen.

Damit die Beamten der anderen Stockwerke und die Anstaltsleitung nichts mitbekommen, werden unsere Türen kaum sichtbar angelehnt. 
Ich fühle mich fast schon privilegiert.

Meine beiden "Mitputzer", die mich sofort einlernen und Alles mit mir gemeinsam erledigen, sind:

Mario, ein oberlippenbärtiger Sunnyboy, und
Curtis, ein gebrochen deutsch sprechender glatzköpfiger Schwarzer mit Bierbauch.


Den Namen des kleinen dicken Jugos, der anfangs auch noch mitputzt, hab ich schon wieder vergessen, er wird nur zwei Tage später entlassen bzw. verlegt.


(Marios Präsenz und Art werden mich hier retten
und über Wasser halten, das weiß ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Es kommt kein Brief meiner Freundin,
nur meine fristlose Kündigung im Job.
Ich richte mich instinktiv auf
eine längere Zeit ein...)

Am nächsten Mittag schaut ein Vollzugsbeamter vorsichtig durch meine Zellentür und sagt:

"Komm, Zaubermann! Besuch für Dich ist da!"

"Besuch? Für mich? Wer denn??"

"Keine Ahnung. Komm jetzt."



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PART 7


Auf dem Weg zum Besuchsraum, der mich durch viele Stockwerke und verschlossene Türen führt, überlege ich, warum mir mein Anwalt seinen Besuch nicht angekündigt hatte.
Das ist kein gutes Zeichen, irgendeine schlechte Nachricht steht Dir bestimmt bevor.


Mir fällt ein, dass ich keine Ahnung habe, wie ich den Mann bezahlen soll. Auf dem Weg ins Erdgeschoss fallen mir plötzlich alle laufenden Ausgaben ein und mir wird ein wenig übel bei dem Gedanken, wie wohl mein erster Blick auf den Kontoauszug sein wird, wenn ich wieder...falls ich wieder!

Morgens noch hatte mir Mario den Einsatz der ganzen Reinigungsmittel erklärt und den Tagesablauf.


  • 05.45 Uhr Früstückausgabe
  • 06.05 Uhr Mülleimer aus den Zellen leeren
  • 06.20 Schreibwaren- und Zeitungenausgabe/rücknahme
  • 07.00 Uhr Gemeinschaftsduschen reinigen
  • 07.45 Uhr Gefängnisflure kehren
  • 08.20 Uhr Gefängnisflure wischen
  • 08.50 Uhr Gefängnisflure bohnern/polieren

Wenn Sie weniger als 90kg wiegen und keinerlei Erfahrungen haben mit Profi-Gewerbe-Poliermaschinen, dann fliegen Sie bei der ersten Benutzung krachend in die nächste Ecke des Raumes, so heftig sind die.

An einem riesigen Griffelement schieben sie vor sich einen surrenden Motor her, an dessen Unterseite eine sehr große runde Wischfläche rotiert. Die Dinger haben durchaus die Power, nicht den Bodenlappen sondern SIE am anderen Ende des Griffes um sich herum rotieren zu lassen.

Es gibt zwar eine geschickte Technik dazu, die ich aber noch nicht beherrsche, also tun mir nach 15 min alle Knochen und Muskeln im Leib weh.
Die spüre ich jetzt wieder, auf meinem Weg in den Besucherraum.

Tags zuvor war mein erster Pausengang im Gefängnishof gewesen, auf dem fünften Stock hatte ich dort nicht hinuntergedurft, aber jetzt, im siebten Stock, schon. 

Das Foto ganz oben, welches Sie die ganze Zeit über den posts sehen, zeigt genau diesen Hof.


[Merken Sie sich schon mal diese kleinen Wege,
ich komme noch darauf zurück.]

Mario hatte mich begleitet und mir die einzelnen Ecken erklärt, wer wo steht, wo man sich besser fernhält und wo man schnell mal Anschluss findet.

"Da hinten nicht hin, da sind die Jugos, die haben null Bock auf Deutsche."

"Nicht zu nah an den Reckstangen vorbei, da trainieren die Türken, die betrachten das als ihr Eigentum und da kriegst Du Stress."

"Den kleinen Italiener da drüben unbedingt meiden, das ist ein 43er. Du weißt nicht, was das ist? Das ist Einer, der Strafverschonung nach Paragraph 43 bekommt, weil er für die Staatsanwaltschaft hier drinnen bestimmte Insassen aushorcht und so Sachen. Nicht sehr beliebt bei den Anderen."

Ich hatte die eine Stunde draußen unter freiem Himmel wie eine gewaltige Gnade, ein großes süßes Geschenk empfunden und hatte bereits beim ersten Rundgang eine Stelle entdeckt, an der man, wenn man in einem ganz bestimmten Winkel in eine bestimmte Richtung blickte und dabei die Augen dreiviertel zukniff, keine einzige Mauer und keinen Turm und keinen Stacheldraht sah.
 

F r e i h e i t .

Als die Sirene ertönt hatte, war ich überpünktlich an der Schleuse erschienen und zurück in meine Zelle gegangen.

Auf den letzten Metern zum Besucherraum bereitete ich nochmal für den Anwalt die wichtigen Punkte im Geiste vor:

  Wie hatten wir die Konten eröffnet?
  Wie waren wir an die falschen Ausweise gekommen?

  An die Stempel?
  Wie war die Entnahme der 200 Riesen geplant?
  Welche Adresse war benutzt worden?
  Wie lief die Kommunikation?
  Wer spielte welche Rolle? usw.


Wir waren angekommen, die Tür ging auf, mein Besuch saß bereits in der Besucherzelle.


Ich blieb wie angewurzelt in der Tür stehen.

"Da bist Du ja, Du Vollidiot! Erst wird man hier von oben bis unten abgetastet
und dann muss man auch noch auf Dich warten!"


Fräänks Stimme ließ keinen Zweifel an seiner Haltung mir gegenüber aufkommen.
Neben ihm stand der Bruder meiner Freundin.
Sie fehlte.

Er sah mich mit meinen Kinn-langen, blonden Strähnen über eingefallenen Wangen, ließ die Kinnlade fallen und brach quasi instant in Tränen aus.

Fräänk wandte sich dem Wachmann zu und fragte ihn allen Ernstes:"Sagen Sie mal, gibt es hier auch Führungen?"

Der Bruder meiner Freundin schob mir Schokoladenpackungen und zwei Päckchen Marlboro rüber und ich lächelte:
"Danke, aber ich habe aufgehört. Ich nehm's trotzdem, 'ist hier drin eine gute Währung."

Wieder kamen ihm die Tränen.


Fräänk hatte sich nun auch gesetzt und musterte kritisch meine blondierten überlangen Haare."Wie Du aussiehst! Könntest auch mal langsam wieder zum Friseur. Ich hab mal gelesen, Insassen mit langen Haaren nimmt man sich hier drinnen gerne als Liebhaber".

Ich verstand, dass er sauer war, und bei ihm äußerte sich das immer in beißendem Zynismus. So war er halt.

"Wo ist Deine Schwester?" fragte ich den Bruder meiner Freundin.

"Sie sagt, sie will Dich hier drin nicht sehen, sie erträgt das nicht, verstehst Du." 

Er nestelte an seinen Fingern herum.

Ich verstand.

Aber irgendwo ganz tief in mir drin glaubte ich plötzlich ein Geräusch gehört zu haben,
als wäre jemand auf eine Salzstange getreten.


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PART 8


Da sitzen wir nun zu dritt im Besucherraum:
  • Einer der flennt
  • Einer der zusammenscheißt und
  • Einer, der das Beides über sich ergehen lässt.

Der Bruder meiner Freundin wirft noch sehr vorsichtig ein, dass in 3 Wochen seine Eltern aus dem halbjährlichen Urlaub heimkommen - und wenn ich bis dahin noch nicht wieder draußen bin, dann... nun, wird es sich nicht länger verheimlichen lassen.

Ich werde schweigsam.
Stimmt. Verdammt.
Noch etwas, an das ich nicht gedacht hatte.


Fräänk erklärt mir, wie er meinen Anwalt gefunden habe: Bei Google nur das eine Wort "Rechtsanwalt" eingegeben (muss man sich mal vorstellen, typisch Fräänk).
Und dann eine Hotline gefunden, auf der Rechtsanwälte sich als Bereitschaft angemeldet hatten. Dem Erstbesten, der spät abends noch drangegangen war, hatte er kurz und knapp die Situation erklärt und der hatte gesagt, er macht's.
Obwohl er 45km weit weg wohnte. 
Kein Wunder hatte ich nun Werner Höfer II. am Wickel. 

Als die Besuchszeit rum ist, stecke ich den 12er-Pack Hanutas ein und verabschiede mich.
"Sag Deiner Schwester, ich bringe Alles in Ordnung!" flüstere ich ihrem Bruder ins Ohr, als wir uns umarmen.


Leider bin ich sehr in meinen düsteren Gedanken auf dem Weg zurück in meine Zelle und den ganzen nächsten Tag über, und unter Anderem deswegen wird mir bei der Arbeit ein dummer Fehler unterlaufen, an den ich heute noch denke.

Aber erstmal geht es zurück in die Zelle, wo ich 5 Minuten später wieder rausgeholt werde. Die Duschen müssen geschrubbt werden.

Die Duschen in der JVA sind raumhoch weiß gefliest und werden 2x am Tag komplett geputzt. 

Dazu nehme man 2 Insassen, jeder einen Eimer mit Putzlauge und einen langstieligen Schrubber - und dann wird jede einzelne Fliese sehr druckfest und sehr gründlich abgeschrubbt.

Anschließend kommen wirklich relevante Mengen an Desinfektionsmittel drauf, in der Zwischenzeit wird der Boden geschrubbt und dann wird alles gründlichst abgespritzt. 

Die Duschen in der JVA sind in einem weitaus besseren Pflegezustand als jede Fitnesscenter-Umkleide, die Sie je betreten könnten, mein Wort drauf.


Der große, unbezahlbare Vorteil einer Arbeit als Reinigungskraft besteht darin, dass Sie selbst immer sauber sein können müssen, da Sie ja auch Essen usw. ausgeben - und dies äußert sich darin, dass Sie duschen gehen können, wann Sie wollen!

Also nicht 1x am Tag für 15 Minuten, wie alle anderen Insassen, die irgendwas in der Anstalt arbeiten gehen (oder 2x in der Woche für die, welche sich jeder Arbeit verweigern). 

Sondern außerhalb Ihrer Pflichtzeiten wirklich, wann Sie wollen. Wenn Alle in Ihren Zellen sind oder tagsüber in der Anstaltswerkstatt, dann können SIE duschen!

(Daran, wie sehr ich das betone, merken Sie,
wie priviligiert man sich mit etwas fühlen kann, was für
Jeden unter Ihnen eine Selbstverständlichkeit ist.)

Ich schlafe in der nächsten Nacht dank Gedankenkarussell sehr schlecht und schrecke gerädert aus dem Schlaf hoch, als gegen 04.45 Uhr der Wärter die Tür aufschließt und mich weckt - ich bin heute bei der Frühstücksschicht mit dran.
Mit bestenfalls halbgeschlossenen Augen verrichte ich meine Pflichten.


Nach Frühstücksausgabe, Mülleimerdiensten, Flurreinigung, Nasszellenpflege, Schreibwarenausgabe und Anderem bin ich noch mehr am Arsch als beim Aufwachen, und deswegen bin ich dummerweise nicht ganz bei der Sache, als es spätvormittags an die Mittagessenausgabe geht.


Zu der Zeit, in der ich dort bin, setzt sich die Belegung meines Stockwerks etwa so zusammen:

  • Türken                80%
  • Osteuropäer        10%
  • Schwarzafrikaner   5%
  • Deutsche              5%

Das bedeutet, dass dreierlei Mittagessen auszugeben sind:
  • normales Standardessen
  • vegetarisches Essen
  • muslimisch adäquates Essen
Nun ist es aber nicht so, dass jeder Türke ein Muslim ist, genau genommen sind das die Wenigsten, die ich da drin treffe. Um das sauber auseinander zu halten, sind neben den Namensschildern an der Zellentür kleine bunte Klebeecken angebracht:


  • Eine grüne für einen vegetarisch essenden Insassen.
  • Eine rote mit einem "M" drauf für einen Muslim. 
  • Ist KEIN Klebezettel am Namen, gibt es das Standardessen.

Die ganzen "Feinheiten" (wer gerne mal eine Extraportion braucht, usw.) müssen Sie sich on top irgendwie merken. Das ist hochsensibel und echt wichtig für die Laune von so manchem Häftling.

Übrigens werden hier auch kleine Nickligkeiten ausgetragen, z.B. in dem die Putzkraft einem verhassten Mithäftling mal gerne weniger Brot als normal aushändigt oder die Butter "vergisst".
Andererseits kann man sich als Putzkraft auch mit den wichtigeren Personen "da drin" leicht gut stellen.
Sie verstehen schon.

Leider bin ich stehend k.o., als ich bei Mustafa an seiner Zelle ankomme - ich ignoriere versehentlich  das schwarze "M" auf rotem Zettel und reiche ihm einen normalen geschlossenen Topf.

Dummerweise gibt es Schweinegeschnetzeltes an dem Tag. Ausgerechnet.


Mustafa öffnet den Deckel, schaut hinein, verzieht das Gesicht und schmeißt den Topf samt Essen mit Anlauf in die hinterste Ecke seiner Zelle und brüllt mich an, was dieser beschissene Drecksfraß für ihn soll.
Dann fängt er an zu randalieren, die Wärter schieben mich beiseite und dringen in die Zelle ein. Den Rest können Sie sich denken.

Glockenwach bringe ich die Arbeit zu Ende und gehe bedrückt in meine Zelle.

Mittags ziehe ich 1 Stunde meine Runden oben auf dem Foto - immer abwechselnd eine große Runde, dann wieder Eine mit den kleinen Abkürzungswegen.

Dann wieder eine Große.
Dann wieder eine mit dem NÄCHSTEN kleinen Abkürzungsweg, usw.

Auf diese Weise gehe ich JEDEN der Wege genau einmal. Ich beschließe beim fünften Vorbeikommen, mich bei der nächsten Runde an die Gruppe rund um den Stockwerkskönig Harry ranzumachen, da steht auch Mario - und den Harry sollte man besser "im Guten" kennen, so viel weiß ich schon.


Als ich das denke, sehe ich, wie 50m vor mir Mustafa mit einem Kumpel auf mich zugeht.

Er entdeckt mich, hält seinen Kumpel mit einer Armbewegung an und sprintet mit Anlauf auf mich zu - quer über den Hof!


Ich bleibe wie angewurzelt stehen, sehe aus den Augenwinkeln, wie der Wächter im Häuschen aufspringt und sofort mit der rechten Hand hinten an seine Hose greift, und dann steht Mustafa auch schon vor mir.

Das war's dann - jetzt geht's Dir an den Kragen, Zaubermann, denke ich.

Mustafa kommt sehr nahe an mich heran, schaut mir direkt in die Augen.

Er legt mir den Arm auf die Schulter und entschuldigt sich leise und in aller Form für seinen Ausraster von vorhin.
Es sei nicht so gemeint gewesen, es täte ihm leid.
Noch bevor ich eine Silbe sagen kann, klopft er mir freundlich auf die Schulter und läuft zu seinem Kumpel zurück.

Mein Herz nimmt seinen normalen Taktbetrieb wieder auf.
Ich glaube, ich packe das hier vieleicht doch nicht.




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PART 9


Der nächste Tag ist der...Wendepunkttag meiner Zeit in der JVA.

Morgens kommt unangekündigt (meine Nerven!) mein Anwalt zu Besuch.

[ Man wird ja immer ohne zu wissen wer da
auf Einen wartet in den Besucherraum geführt!

Wer Sie besucht, sehen Sie, wenn Sie den Raum betreten.]

Er teilt mir den Stand der Dinge mit und ich will von ihm vor Allem wissen,
wie das für mich ausgeht.

Er sagt, die Chancen auf eine Bewährungsstrafe lägen irgendwo zwischen 50% und 80%,
und mein Herz bleibt wieder mal kurz stehen.
NUR 50%, OMFG.

Ich frage ihn, warum das so unwägbar sei, und er antwortet "Weil die handelnden Personen, mit denen wir es zu tun haben, entscheidend sein werden. Vor Gericht und auf hoher See sind Sie in Gottes Hand!"


Dann möchte ich von ihm wissen, was er bisher mit dieser Art von Delikten schon als Urteilssprüche erlebt hat und er sagt:
"Och, in so Fällen wie Ihrem hab ich eigentlich fast immer Bewährung verhängt!"

Ich schaue ihn ungläubig mit den größtmöglichen Augen an und schüttle den Kopf,
frage ihn, was er mit "VERHÄNGT" meine.


Und er lächelt milde und sagt:
"Ich war bis vor 6 Monaten Richter und habe Fälle wie Sie eher von der anderen Seite des Verhandlungsraumes aus begutachtet. Als ich dann in den Ruhestand ging, sagte ich mir: Wechselst Du mal noch für ein paar Jahre die Seiten!"


Ich kann mein Glück kaum fassen in diesem Moment: 
I c h   h a b e   m e i n e n   e i g e n e n   R  i c h t e r !
[Das ist fast so gut wie ein eigener Terminator ;-).]

Euphorisch beflügelt löchere ich ihn mit der wichtigsten Fragestellung überhaupt:
"Wann komme ich hier raus?
Wie lange geht die U-Haft?
Kann ich eine Kaution hinterlegen?"


Er wird ernst und antwortet, dass er erst den Staatsanwalt überzeugen muss, dass bei mir keinerlei Fluchtgefahr bestehe. Schließlich hätte man in meiner Wohnung viele Ausfertigungen meiner Bewerbungsunterlagen und aller meiner Zeugnisse gefunden.

In deutsch und englisch und griechisch, beglaubigt übersetzt, brandneu.
Da sei es nicht ganz einfach, klarzumachen, dass ich nicht abhauen wolle.
Zumal - bei einer griechischen Freundin.

Stimmt, verdammt.
Nach dem Urlaub hatte ich mich im Ausland bewerben wollen, auch in Griechenland.
Das Alles hatte vorbereitet in meiner Wohnung auf dem Schreibtisch gelegen.

Und das sollte mir nun zum Verhängnis werden?

"Aber", fährt er fort, "das ist mir im Moment auch ehrlich gesagt gar nicht mal Unrecht, dass das mit Ihrer Entlassung nicht so schnell klappt!"

Für einen Moment bin ich mir ganz sicher, mich verhört zu haben, aber sein Gesicht sieht so aus, als würde er sich begründen wollen, also muss ich das tatsächlich richtig verstanden haben.

"Ich hoffe, ich habe Sie jetzt grad falsch verstanden!
Um Himmels Willen, holen Sie mich hier raus und besser gestern als heute!!"


"Immer mit der Ruhe, Herr Zaubermann.
Ich weiß, wie es Ihnen hier drinnen geht, glauben Sie mir.
Aber wie gesagt ist nicht sicher, ob wir Sie wirklich ohne Strafhaft und mit Bewährung aus der Sache herausbekommen.

Je kürzer aber die U-Haft ging, umso eher könnte der Richter geneigt sein zu sagen, 'der soll jetzt erstmal wissen, wie es hinter Gittern ist, und dann sehen wir uns den in 6 oder 12 Monaten nochmal an.'

Aber wenn Sie bis zur Verhandlung schon...nun, die eine oder andere... Woche in Haft
(ich breche in Tränen aus und falle vornüber auf den Besuchertisch ) ...verbracht haben, sind die Chancen sehr viel besser, eine Bewährung auch sicher zu erlangen."

Ich benutze einen Satz Taschentücher und bemühe mich um die
Wiedererlangung meiner Fassung.

Er schweigt mich eine zeitlang an und endet dann mit dem Satz, der ab jetzt zu meiner Aufgabe wird:

"Anders gesagt erhöht jeder weitere Tag in der U-Haft Ihre Chancen, als freier Mann aus der Hauptverhandlung herauszugehen. Und darum sollte es Ihnen vor Allem gehen."


Ich nicke.
Wir verabschieden uns.
Er klopft mir auf die Schulter.

"Ach übrigens, die Polizei will Sie hier nochmal besuchen.
Die haben noch ein paar Fragen.
Ich würde Ihnen raten, nichts weiter zu sagen, wir haben Alles zu Papier gebracht, was notwendig ist. Ich hatte im Gespräch mit denen den Eindruck, die wollen Ihnen noch ein paar andere offene Dinger auf den Bauch binden.
Versuchen werden sie es auf jeden Fall. Bleiben Sie tapfer!"

So untapfer, wie ein Mann nur gehen kann, gehe ich zurück in meine Zelle.

Während ich auf meinem schäbigen Schaumstoffbett mit kratzender Filzdecke sitze, klingen von draußen Schlüsselgeräusche und Türengeklapper an meine Ohren.

Ach so, ja. Heute ist Schließstunde.


[Das ist die Stunde, in der man sich aus seiner Zelle herausholen und zu
einem anderen Zellenbewohner für eine Stunde einschließen lassen kann.
Wenn man so will, die Kartenspiel- und Raucherstunde.]

Aber nicht für mich.
Ich kenn hier Keinen außer Mario und Curtis.
Die hocken schon zusammen, ein Dritter ist nicht erlaubt.

Und zu Mustafa will ich sicher nicht in die Zelle.

In dem Moment springt meine Zellentür auf und der Vollzugsbeamte steht im Eisenrahmen.

Ich schaue ihn verduzt an und er sagt mit einer rauswinkenden Kopfbewegung,
schon halb wieder im Gehen:

"Harry fragt nach Dir, komm."


Mit einem dicken Kloß im Hals stehe ich in Zeitlupe auf und folge ihm den Gang entlang.


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PART 10


"Ahh, da bist Du ja, der Neue." begrüßt mich Harry, während hinter mir die Tür zu seiner Zelle ins Schloss fällt und verriegelt wird.

Vor mir sitzt ein großer, fetter Mann mit langen, fettig-glatten Haaren und einem Säufergesicht. Er hat kriminelle Hai-Augen, aber ein entspanntes Wesen.


Stellen Sie sich Jabba the Hut mit Hells-Angels-Frisur vor,
 dem soeben Han Solo abgeliefert wurde.

"Ich bin Harry. Setz Dich."

Zu sagen, mir sei mulmig, wäre eine grandiose Untertreibung. Gegen diesen Hühnen könnte ich mich keine 20 Sekunden wirkungsvoll zur Wehr setzen, wenn er es drauf anlegt.

Wir sitzen einander gegenüber und ich lasse meinen Blick durch seine Zelle schweifen.
Harry ist schon lange hier, und er wird es auch noch ein paar Jahre bleiben. 
Seine Zelle sieht ganz, ganz anders aus als meine - er hat sich hier wohnlich eingerichtet, besitzt ein eigenes Radio, eigene Kleidung, Poster, Tischdeckchen, Ventilator und Vieles andere mehr.

"Weshalb bist Du hier?" Ich antworte wahrheitsgemäß und erzähle ihm die story.
"Dein erstes Mal hier?" Ich bejahe.
"Dann bist Du bald wieder draußen, die werden Dich auf Bewährung rauslassen und dann - habe ich etwas für Dich, falls Du ein bisschen Geld verdienen willst."

Er schlägt mir vor, für ihn draußen ein Online-Casino zu betreiben, illegal, natürlich, aber - alles eine Frage, wo die Server ständen und ob man sich erwischen lasse.
Er will meine Handynummer und diese an Vertraute draußen weiterleiten, die dann mit mir Kontakt aufnähmen, sobald ich wieder frei bin.

Ich gebe ihm eine Falsche.

Von ihm erfahre ich, dass er sieben Jahre bekommen hat, irgendwas mit Schwarzgeld und Verschiebereien. Er lächelt. Zwar hätten Sie ihn erwischt, aber die paar Jahre sitze er leicht ab.
Die Vermögenswerte, um die es gegangen sei, habe er rechtzeitig auf seine Frau übertragen, die draußen auf ihn warte.
Und wenn er erst wieder frei sei, brauche er sein Leben lang keinen Finger mehr krumm machen.

Immerhin gibt es bei Harry in der Zelle Kekse und Orangensaft, ein Luxus, den ich gefühlt lange nicht mehr genießen konnte.

Harry gibt mir noch ein paar Tipps zu meinem Verhalten im Freihof (Bild oben), das ihm aufgefallen sei und empfiehlt mir, während der Freigangzeiten in seiner Nähe zu bleiben, er habe gesehen, wie andere Gruppen die Köpfe zusammenstecken, wann immer ich sie passiere.

Die Schließerstunde ist vorbei, die Tür geht auf, ich bin erleichtert, wieder an meine Arbeit gehen zu können, aber dort braut sich etwas zusammen.

Während ich mit Mario die Broteinheiten für das Abendessen vorportioniere, bemerke ich, wie Curtis ungewohnt schweigsam in der anderen Ecke steht und am Küchengeschirr unnötig herumhantiert.

"Was ist denn mit ihm los?" will ich wissen und Mario antwortet "Der ist jetzt schon zum zweiten Mal in die Besucherzelle gerufen worden und als er dort ankam, war gar Keiner da! Seine Frau hätte schon letzte Woche zum Besuch da sein sollen, war sie aber nicht, heute auch wieder nicht."

Blöderweise macht Mario dann 5 Minuten später einen schweren Fehler, als Curtis ihn anspricht und nach weißen Blättern Briefpapier fragt und Mario auf die dämlichstmögliche Weise einen Scherz versucht, in dem er Curtis' gebrochenes deutsch persifliert und ihm grinsend antwortet:
"Du bis dok schwarze Maahn, wohßu braukt schwatze Maahn so vihl waiiße Papiiier?"

Curtis tickt aus, wirft spurtend das Geschirr in die Ecke, drückt Mario zurück und würgt ihn mit beiden Händen die Wand hoch.

Er fasst ihn wirklich hart an und Mario läuft sofort die Farbe ins Gesicht, aber er kann nicht schreien oder rufen, weil Curtis sehr hart zudrückt und ihm sehr, sehr leise und ruhig sagt "Mak nikt so einen Scheisen mit miarr, horßdu? Laass den bleibern!"

Ich springe neben Curits und rede auf ihn ein "Curtis, um Himmels Willen, lass ihn runter, die Wachen kriegen das mit, der hat doch nur einen seiner blöden Sprüche gemacht, lass ihn runter, der kriegt keine Luft mehr, Curtis, verdammt, er hat's doch kapiert lass ihn runter verdammt!"

Curtis lässt Mario fallen und der zittert sich schimpfend aus der Küche in seine Zelle, aber ihm steht die Todesangst in den Augen und ich bin sicher, er geht erstmal ein paar Schockschrecktränen abdrücken.

Der wachhabende Vollzugsbeamte steht plötzlich im Raum und ich gehe sofort zu ihm und erkläre, es sei alles in Ordnung und es gäbe keine Probleme.

Als ich eine halbe Sunde später das Wachhäuschen mitten auf der Station durchwische, wollen er und sein Kollege nochmal genauer wissen, was das vorhin los war.

Ich erzähle ihnen von Curtis enttäuschter und emotional angespannter Lage und dass Mario einfach im falschen Moment das Falsche gesagt hat.

Anderntags sind Mario und Curtis bereits wieder Kumpels und scherzen miteinander.

Curtis ist hier, weil er eine Frau, die ihm nach eigenen Angaben Geld schuldet, etwas zu deutlich (Androhung körperlicher Gewalt) vermittelt hat, er wolle sein Geld zurück (Erpressung).

Mario ist hier, weil er und seine Kumpels im großen Stil Mobilfunkbetreiber mit falschen Handyverträgen und den daraus entstehenden Bonusgutschriften betrogen haben. Sehr hoch sechsstellig sei der Schaden gewesen.
Aber er grinst, mich beeindruckt seine Gelassenheit, was seine berufliche Zukunft betrifft.


Ich senke den Kopf und murmele mehr so vor mich hin "Nie wieder werde ich in meiner Branche arbeiten können. Ich kann ganz von vorne anfangen."


Mario ist überrascht: "Wieso das denn?"


"In MEINER Branche brauchst Du ein sauberes  Führungszeugnis und eine saubere Datenbankauskunft, das kann ich jetzt abhaken."


Mario grinst: "Aber Du sagtest doch, Du seist bisher nicht vorbestraft?"

"Ja, ...aber jetzt ja nicht mehr!"



Mario lacht laut: "Hör mal, es werden noch Monate, wenn nicht JAHRE vergehen, bis Du vorbestraft bist. Glaubst Du denn, Du kommst hier raus und bist automatisch vorbestraft?
Ich sage Dir, Du hast genug Zeit, mit sauberen Papieren einen neuen Job zu finden - Du kommst hier demnächst raus, U-Haft geht ja nicht ewig, und dann dauert es MONATE, bis Du überhaupt mal einen ersten Prozesstermin bekommst. Weisst Du eigentlich, was die an den Gerichten zu tun haben?
Und solange kein Urteil, solange keine Eintragung!"


Ich schöpfe etwas Mut. "Und die Datenbankeintragungen meines alten Arbeitgebers?"

"Denen kannst Du widersprechen, sie werden dann bis zur endgültigen Klärung gelöscht. 

Das passiert recht häufig, ist also kein Makel.
Sobald Du widersprochen hast, fordert Du zwei Wochen später eine neue Selbstauskunft an, und DIE nimmst Du dann für Deine Bewerbungen. Bis Dein Widerspruch abgelehnt wird -was ja feststeht- hast Du aber Zeit gewonnen und genau in DIESER Zeit saubere Unterlagen angefordert. Und Dein Führungszeugnis ist ja bis mindestens nächstes Jahr sowieso sauber."

"Was mache ich, wenn der nächste Arbeitgeber sich bei meinem Letzten erkundigt?"

"Ich würde Dir empfehlen, beim nächsten Arbeitgeber nicht allzulange zu bleiben. Nutze die Probezeit, um Dich weiter zu bewerben und die Firma nochmal zu wechseln.

Beim letzten Arbeitgeber fragt man vielleicht noch an, aber nicht beim Vorletzten, verstehst Du?"

Ich atme sehr tief durch und spiele das Alles in meinem Kopf von vorne nach hinten und zurück nach. Es ergibt einen Sinn.
Mario hat Recht - das könnte so klappen, denke ich mir.


2 Jahre später steht fest: Es HAT so geklappt.
Ganz genau so.


Meine berufliche Zukunft beschäftigt mich in diesen Momenten so sehr, dass mir etwas Anderes gar nicht auffällt:

Weder kommt meine Freundin zu einem der Besuchstermine.

Noch kommt ein Brief von ihr.


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PART 11


In 3 Tagen soll mein Haftprüfungstermin sein, erfahre ich in einem Gespräch mit meinem Anwalt.

Unter Plünderung aller Ersparnisse und mehrfachem Geldleihen im Freundeskreis habe ich zehn Riesen zusammengekratzt, die abrufbereit stehen, weil sicher von einer Kautionsauflage auszugehen ist.

"Wann denken Sie bekomme ich das Geld wieder zurück?
Nach dem Prozess oder vorher?"

Mein Anwalt sieht mich erstaunt an: "Gar nicht!"


"Wie meinen Sie das? Es ist doch nur eine Kaution?!"

"Was die Staatskasse einmal hat, behält sie auch. Im Urteil gegen Sie wird ziemlich sicher die Zahlung einer Geldauflage drinstehen, die sie an gemeinnützige Einrichtungen zu leisten haben - und jetzt raten Sie mal, in WELCHER HÖHE diese Geldauflage IMMER mindestens beschieden wird!".

"Vermutlich so hoch, wie die Kaution war?"

Er grinste, ich nickte.

Dieser Haftprüfungstermin sollte der vermutlich wichstigste Termin in meinem Leben werden, und ich durfte ihn unter überhaupt gar keinen Umständen versauen. Er lag nur 4 Tage vor der Rückkehr der zukünftigen Schwiegereltern aus dem Urlaub.
Es MUSSTE einfach klappen, um Himmels Willen!

Als sich die Zeit in U-Haft ihrem Ende zuneigen sollte, waren Mario, Curtis und ich ein voll eingespieltes Team und wir genossen die Freiheiten als Putzpersonal. 
Bei den Vollzugsbeamten waren wir gern gesehen ("Mannomann, Du bist der ERSTE
seit mehr als zehn Jahren, der ANGEKLOPFT hat, bevor er hier zum Putzen reinkommt - Du bleibst sicher nicht lange hier, das SEHE ich!"
).


Ich erfuhr von Michael.
Michael hatte die Zelle ganz hinten rechts am Ende des Ganges. Er sah immer wütend aus, wie jemand, der sich noch mal rächen will. Sogar bei der Essensausgabe hatte er eine Kotzlaune. Immer.

"Was ist mit ihm?" hatte ich Mario gefragt.

"Ach der", hatte dieser geantwortet, "der hatte es mal richtig gut. War einer der Leibwächter von dem berühmten Formel-Eins-Fahrer aus Kerpen.
Dann  hat ihn seine Ex wegen schwerer Körperverletzung und Entführung angezeigt, aber obwohl er immer wieder seine Unschuld beteuert hatte, gab ihm die Richterin 4 Jahre."

Er begann zu grinsen "und dann", fuhr er fort, "verlor er im Gerichtssaal die Nerven, sprang über die Tische auf die Richterin los und schlug sie blutig. Dafür hat er dann 7 Jahre statt 4 Jahre bekommen."

"7 Jahre?? War er da schon vorbestraft?" will ich wissen.


"Ich weiß, worauf Du rauswillst, das kannst Du vergessen!
Wer einen Richter oder den Staatsanwalt schlägt, der wird NIEMALS nach der Hälfte der Strafzeit vorzeitig entlassen, weil JEDER Richter in die Akte sieht und dann sofort wieder zumacht und ablehnt.
Der sitzt hier jeden einzelnen Tag ab, verlass Dich drauf."



Innerlich empfinde ich es in diesem Moment
als einigermaßen beruhigend, mich gegenüber
der Polizei so zurückhaltend verhalten zu haben.

Abends erlebe ich etwas, was mir zum ersten Mal richtig, richtig Angst macht und was sich in jedem feinsten Detail in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Es ist abends, vielleicht gegen 20 Uhr.
Alle Arbeiten sind verrichtet, ein Jeder liegt in seiner Zelle. Und schaut fern.

Plötzlich geht durch das ganze Gebäude ein zitterndes Grollen, ein ohrenbetäubender Lärm, als wenn ein Erdbeeben direkt unter dem Gebäude losbricht. Ich springe von meinem Bett auf.

Haben Sie einmal SELBST ein Erdbeeben erlebt?
Nichts ist damit vergleichbar, gar nichts!

Das Grollen lässt schnell nach und ich vernehme das Scheppern von...Blech?!
Und schreiende Stimmen aus den umliegenden Zellen??

Ich schalte schnell den Fernseher an.  

Es gibt nur 5 Programme (ohne Videotext, seit einige Insassen früher mal herausgefunden haben, wie man darüber mit der Außenwelt illegal kommunizieren kann). 
Auf einem davon läuft Sport - es spielt im Basketball die Türkei gegen ...Mazedonien oder so.
Ich weiß nicht mehr.

Die Türken werfen einen 3er-Korb.
Sofort schwillt das Grollen an, das Zittern im Gebäude, die Schreie, das blecherne Scheppern.

Und dann höre ich genauer hin und identifiziere das Grollen und Scheppern genauer:
Es sind die türkischen Insassen in der JVA.


Jedesmal, wenn die türkischen Basketballer einen Punkt machen, rütteln sie an ihren Bettgestellen und Tischen und Stühlen und schlagen mit den Essgeschirren an die Metallpfosten und schreien den Erfolg ihrer Mannschaft durch die Gitterstäbe hinaus in die Nacht.

Es ist ein absolut ohrenbetäubender, gewalttätiger Lärm, der michfürchterlich ängstigt, also bastle ich mir aus dem kratzenden Toilettenpapier und etwas Spucke mit den Fingern Ohrenstöpsel und schlafe schlecht.

Am nächsten Tag macht Mario mir ein Geschenk, das mich jubeln lässt:

Er hatte sich aus einem Postpäckchenkarton einen Klodeckel mit Arrettierung nachgebaut, um die Öffnung abzudecken.


Den braucht er nun nicht mehr - und er weiß, wie sehr mich die offene Schüssel neben meinem Bett stört.
Er kommt grinsend mit dem Pappklodeckel unterm Arm auf meine Seite des Flures und hält ihn mir entgegen.

Sie können sich das vielleicht schlecht vorstellen, aber in diesem Moment habe ich mir nichts Schöneres vorstellen können, als endlich diese blöde Schüssel abdecken zu können - ich hatte dafür bisher immer einen ganzen Orangensaftkarton genommen.

Nicht sehr Feng-Shui-like, ich weiß.
Aber dort war nicht ganz der richtige Ort
für Innenausstattungsideen.

Nachmittags lasse ich mich zu Mario auf die Zelle schließen (bzw. bei uns Putzkräften wurde  ja nicht wirklich "geschlossen") und ich sehe in der Ecke seiner Zelle ein LINKIN PARK-Poster und aus dem kleinen Radio läuft "In the end".

LINKIN PARK und IN THE END werden damit zum soundtrack meiner Haftzeit.

Und die würde bald vorbei sein.


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PART 12 (final part)

 



Als ich erfahre, dass der Haftprüfungstermin wegen eines plötzlichen Todesfalls in der Familie der Richterin nochmal verschoben werden soll, gerate ich in Panik - die Rückkehr der Eltern meiner Freundin aus dem mehrmonatigen Urlaub steht kurz bevor.
Und die wissen noch von nix.

Und das soll auch so bleiben.

Ich beknie meinen Anwalt auf einem Ersatztermin so schnell wie möglich,
koste es, was es wolle.

Dieser findet mit 2 Tagen Verspätung statt.

Nichts in meinem Leben wird je wieder so wichtig werden
wie dieser eine Termin.

Man liefert mir über den Anwalt meinen schwarzen Anzug, das weiße Hemd und die gestreifte schwarzsilberne Krawatte in die JVA, außerdem vernünftige Wäsche und Businessschuhe.
Nach den paar Wochen hier drin schlackern die Sachen an meinem Körper als hätte
Micky Maus versucht, die Sachen von Goofy anzuziehen - aber sogar DAMIT sehe ich gleich wieder einigermaßen aus wie ein MENSCH.


An den Haaren ist nun leider nichts zu machen, es sind rausgewachsene blondierte Urlaubs-Strähnchen, hinter denen das dunkle Naturbraun nachschiebt. Und sie sind natürlich zu lang. Also viel Seife mit wenig Wasser anrühren und rein damit in die Haare, ab nach hinten an den Kopf damit.

Ich werde abgeholt. Wir gehen an dem Stationshäuschen auf dem Flur vorbei.
Die beiden Vollzugsbeamten drinnen sehen an mir herab, nicken mir aufmunternd zu.
Türen öffnen sich vor mir, schließen sich hinter mir.
Immer wieder.

Was für ein Geräusch.

Als wir vor das Gerichtsgebäude vorfahren, bete ich, dass draußen auf dem Bürgersteig niemand vorbeiläuft, der mich kennt. Oder vorbeifährt.

Die Beamten geleiten mich in das Gebäude, in die Wartezelle.
Es wird lange dauern, bis hier heute jemand Zeit für mich hat.

Wie sagte mein Anwalt noch gleich?

"Vor der Justiz und auf hoher See sind Sie in Gottes Hand!"


Den Sinn dessen, die volle Tragweite
erfasse ich erst fast ein Jahr später.

Die Tür wird aufgeschlossen. Man ruft mich heraus.
Ich zittere.
Draußen auf dem Flur wartet mein Anwalt.
Wir gehen in das Besprechungszimmer der Richterin.

Der Druck, das hier mit einer Aussetzung der U-Haft zu beenden, ist übermenschlich, ich kämpfe immer wieder mit den Tränen, als die Richterin mich sehr einfühlsam und eingehend befragt, wie meine private Situation aussieht.
Wie es familiär um mich steht, beruflich, finanziell, Wohhnung betreffend usw.

So gut es geht versuche ich, mein Umfeld so günstig wie möglich und meine Absichten so ehrenhaft wie nur denkbar darzustellen, mein Anwalt sagt zu meiner Überraschung fast keinen Ton.

Ich breche in unkontrollierte Tränen aus, als die Richterin meine U-Haft aufgrund ihres Eindrucks aus dem Gespräch per sofort beendet.
Lediglich der Formalitäten halber und wegen meiner Klamotten muss ich nochmal für eine Nacht zurück in die JVA.

Alle erheben sich, ich folge, wir schütteln Hände, die Richterin hält meine etwas länger als notwendig und schaut mich mit sehr mütterlichen Augen an.

Als wir das Zimmer verlassen haben, nimmt mich mein Anwalt kurz beiseite und grinst:

"Das lief heute sehr gut, und das haben wir Ihnen zu verdanken.
In dem Moment, als Sie das Zimmer der Richterin betraten, sah ich, wie sie Sie anguckt und wusste:
Da brennt heute nichts mehr an! 

Und jetzt drehen Sie sich mal um, da wartet jemand auf Sie!"

Ich drehe mich um, meine Freundin steht am Ende des Flures und wir gehen einander entgegen.
Einer mit ausgestreckten Armen, der Andere in langkettigen Handschellen.

Leider ist es in dieser Art Handschellen unmöglich, jemanden zu umarmen, also drehe ich mich zu dem mich bewachenden Beamten um und halte ihm fragend meine Hände entgegen.

Er wirkt zerknirscht und antwortet: 
"Eigentlich darf ich das nicht. Und erst letzte Woche ist mir Einer genau deswegen davon gesprungen anschließend. Gab richtig Ärger."

Ich schaue ihn mit meinen verheulten Augen an und flüstere:  

"Ich verspreche Ihnen, dass Sie mit mir keinen Ärger haben werden!"


Er sieht mich an. Zweimal.

Dann greift er schnell hinter sich an seine grüne Diensthose, so als wolle er Fakten schaffen, bevor er sich es noch anders überlegt, holt den Schlüssel vor und - nimmt mir die Ketten ab. Wortlos.


Er geht leise und taktvoll rückwärts in die Ecke, die Ketten hinter seinem beleibten Körper versteckend, während meine Freundin und ich uns in die Arme fallen und uns nie wieder loslassen wollen.

Tags darauf werde ich ausgeschleust aus der JVA.
Ich muss die Anstaltskleidung wieder abgeben, bekomme meine private Kleidung zurück, auch die Tarnhose, die ich jetzt im geschlossenen Zustand an meinen Beinen runterziehen kann.

Als ich meine gereinigte und geleerte Zelle verlasse, sehe ich am Ende des Ganges Curtis und Mario beim Putzen.
Ich winke Ihnen ein letztes Mal zu.

Wir passieren die offenstehende Zelle von Mario.
Ein letzter Blick auf das Linkin Park Poster.

Kleiderrückgabe. Entgegennahme persönlicher Habseligkeiten. Die Hälfte davon hatte ich bereits vergessen, noch vor wenigen Wochen mein Eigen genannt zu haben.

Das letzte große Tor der Haftanstalt öffnet sich.
Ich trete in Zeitlupe die ersten Schritte in die sonnige, warme Welt jenseits der vergitterten Fenster und wanke auf den Besucherparkplatz.

Verschwommen sehe ich, wie zwei Männer aus einem silbernen Auto aussteigen und mir entgegengehen - es sind Fräänk und der Bruder meiner Freundin.

Sie nehmen mir mein Gepäck ab.
Ich setze mich rechts hinten ins Auto und starre während der Heimfahrt schweigend aus dem Fenster, sehe die Menschen in der Vorbeifahrt ihren vielfältigen Geschäftigkeiten nachgehen, sehe spielende Kinder, lachende Rentner, küssende Pärchen.

Und dann denke ich:
"Jetzt, Zaubermann, gehen die Probleme erst richtig los."




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Das war's. Sie haben's geschafft:
Die "BBW-Reihe" endet hier.

In der nächsten Zeit erzähle ich noch mal
ein bisschen von dem, was mich danach
erwartete und was mir noch bevorstand.

Aber das wird eine neue Reihe.
Mit neuem Namen.

Für heute:
Danke für Ihre Zeit und Ihr Interesse.

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