Beyond barred windows complete


[ Und nochmal geht's ans Aufräumen im Blog:
Auch die "BEYOND"-Reihe wollte ich schon seit Längerem mal
in eine leserfreundlichere Version packen.

Falls Ihnen nochmal langweilig ist.
Oder so.

Enjoy. Or frighten.]

********************************


PART 0





Vielleicht war es Ihnen damals aufgefallen:
So ganz fertig abgeschlossen hatte ich damals noch nicht damit.
Die Hinter-Gittern-Serie hatte abrupt mit dem Tag der Entlassung geendet.

Und ich hatte mir damals vorgenommen, die danach folgende Zeit noch einmal revue passieren zu lassen und hier einen Eindruck davon wiederzugeben, wie
das so ist - als arbeitsloser Endzwanziger, der gerade aus der Untersuchungshaft entlassen wurde.

JENSEITS der vergitterten Fenster.


  • Was Einem da so durch den Kopf geht.
  • Wie es mit dem eigenen Leben weitergehen soll.
  • Was der Freundeskreis über Einen denkt.
  • Was man über sich selbst denkt.

Wie Sie sehen, hat es ein bisschen länger gedauert als vielleicht gedacht, aber:
Ich fang dann mal langsam an.
Die Abstände: Unregelmäßig, wie zuletzt.

Und Sie?
Sie nehmen wieder Platz, ja?

Auf den Couchen, Hollywoodschaukeln und Liegeoasen, draußen im Garten.
Popcorn steht wieder in der Ecke, Bier und Caipi kühlen im Bottich neben der Sitzgruppe.

Ach und: Bitte diesmal dem Ziegenbock auf der Weide keine Erdnüsse geben.
Max kriegt davon Blähungen.
Danke.




********************************


PART 1




  • "Das letzte große Tor der Haftanstalt öffnet sich.

    Ich trete in Zeitlupe die ersten Schritte in die sonnige, warme Welt jenseits der vergitterten Fenster und wanke auf den Besucherparkplatz.

    Verschwommen sehe ich, wie zwei Männer aus einem silbernen Auto aussteigen und mir entgegengehen - es sind Fräänk und der Bruder meiner Freundin.

    Sie nehmen mir mein Gepäck ab.

    Ich setze mich rechts hinten ins Auto und starre während der Heimfahrt schweigend aus dem Fenster, sehe die Menschen in der Vorbeifahrt ihren vielfältigen Geschäftigkeiten nachgehen, sehe spielende Kinder, lachende Rentner, küssende Pärchen.

    Und dann denke ich:

    "Jetzt, Zaubermann, gehen die Probleme erst richtig los."


**************************

Fräänk und T. setzen mich daheim ab.

Vor meiner Haustür.

Sie verabschieden sich, dann fahren sie weiter.

Ich klingle.
Ich klingle an meiner eigenen Wohnung.

Denn ich habe keine Schlüssel mehr.
Die Tür surrt.

Meine Habseligkeiten befinden sich -nach Rückgabe an der Kammer im Gefängnis- nun in einem kleinen Plastikbeutel: Münzen, Waschzeug, Krimskrams.
Die elektrische Zahnbürste wurde mir bereits auf der Polizeiwache gestohlen.
Die Nagelschere fehlt auch.


Ich steige langsam die Stufen hoch bin in den zweiten Stock.
Die Tür zu meiner Wohnung ist angelehnt.
Das Schloss blitzt nagelneu.
Es wurde von der Polizei ausgetauscht.
(Wie erkläre ich das meiner Vermieterin?)
Ich durchschreite sie und schließe die Haustür.
Meine Freundin ist hinten im Badezimmer.

Sie kommt sehr langsam auf mich zu, ihre Hände in die Jeanstaschen vergraben.
Es ist kein übermäßig herzlicher oder sehnsüchtiger Empfang.
Ich kann es ihr nicht verdenken.

Wie ich später an feststelle, tue ich es dennoch.


"Hallo. Setz Dich erst mal hin, ich muss mir noch die Haare fertigföhnen."

Sie umarmt mich, ein flüchtiger Kuss, sie dreht sich mit ihren nassen Haaren wieder um und geht zurück ins Bad.

"Da hat Fräänk was für Dich hingelegt."

Der Fön im Bad wird angeschaltet.


Ich setze mich sehr bedachtsam in meinen blauen Nubukledersessel und sehe auf dem Metallglastisch vor mir eine CD liegen.

Es sind die toten Hosen. "Ein kleines bisschen Horrorshow."
Drin steckt ein handgeschriebener Zettel von Fräänk.
"Hör Dir das nächste Mal Track 5 an, bevor Du Scheiße baust!" steht drauf.

Ich lege in Zeitlupe die CD in die Stereoanlage und höre Track 5.
  • "Grau ist die Farbe / die Dein Anzug hat /
     grau ist die Farbe / Deiner Zellenwand /
     grau ist die Farbe der ganzen Strafanstalt /
     grau ist die Farbe von jedem neuen Tag"

Ich kann die Tränen nicht länger zurückhalten und fange hemmungslos an zu schluchzen.
Meine Freundin setzt sich irgendwann neben mich und nimmt mich in den Arm.
Wir weinen gemeinsam.


Nach dem einen oder anderen Päckchen Taschentücher geht sie in die Küche und fängt an zu kochen.

Ich hingegen widme mich dem ellenhohen Stapel an ungeöffneter Post auf dem Wohnzimmertisch.
Dort liegen die Nebenkostennachzahlung, die außerordentliche Kündigung meines Arbeitgebers mit sofortiger Wirkung, die Vollstreckungsankündigung meines Arbeitgebers, die tiefroten Kontoauszüge, die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, der vorgenommene Einzug der ec-Karte sowie etliche Mahnungen wegen zurückgegangener Lastschriften.

Mir wird schwindelig, wenn ich an die nächsten Tage denke. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, was ich zuerst aufhalten oder löschen soll.
Alles brennt lichterloh.

Ich gehe ins Schlafzimmer und ziehe mich aus.

Die Jeans, die ich aus dem Schrank hole, kann aber unmöglich MEINE sein - ich schließe sie, aber kann sie mit geschlossenen Knöpfen und Reißverschluss wieder über meinen Hintern runterziehen.
Nun gut, das Essen in der JVA war nicht gerade Sterneküche.


Es gibt Spaghetti Bolognese.
Es gab IMMER bei uns Spaghetti Bolognese.
Während wir essen, schaut sie mich mehrfach erwartungsvoll an, aber ich bin noch nicht so weit.


Noch kann ich nicht mit ihr reden über all das.

"Ich gehe nachher noch in die Stadt einkaufen. Kann ich Dir was mitbringen?"

"Ja. Ich brauche 50 Bewerbungsmappen und viel Druckerpapier. Nimm das gute Papier, bright white. Dann noch 50 Briefmarken und 50 DIN A4 Umschlage:
Braun, ohne Fenster."


"Du wirst schon wieder eine Arbeit finden, Schatz. Wo willst Du Dich denn bewerben?"


"Überall."

Denn ich brauche jetzt Geld.
 


Und das schnell.



********************************


PART 2



Während die Freundin in der Stadt bei Einkaufen ist, fange ich an, eine Liste zu machen mit den to do's der nächsten Tage.

Ich bin noch nicht mal einen Tag wieder daheim, aber bereits gehetzt, rastlos, lasse mir keine Zeit, will nicht ans Nachdenken kommen.
Das Alles verschiebe ich.

Erst mal wieder Geld verdienen, erst mal wieder die Kurve kriegen. Dann sieht man immer noch weiter.

Aus heutiger Sicht mag das nachvollziehbar sein.
Aber es legt den Grundstein für die nächste private Katastrophe.


Ich muss zur Bank, den Kontenscheiß klären,
ich brauche eine neue Handynummer und ein neues Handy (mein Altes liegt bei der Polizei),
ich brauche provisorische Ausweispapiere (meine Richtigen liegen bei der Polizei),
ich muss aufs Arbeitsamt,
ich muss aufs Sozialamt,
ich muss zum Notar wegen der Zwangsvollstreckung,

ich muss zu meinem alten Chef und die ganzen Utensilien abgeben,
ich muss zum Anwalt die nächsten Schritte klären
und noch ein paar Dutzend andere Gänge.

Aber vor Allem muss ich zur Polizei.

Zweimal die Woche muss ich jetzt zur Polizei.
Wegen Fluchtgefahr ("Sie haben ja eine griechische Freundin!").
Immer montags und donnerstags.


Insgesamt werde ich mehr als 100 Mal auf die Polizei gehen und mich dort melden.
Falls Sie sich gefragt haben, was wohl der belastendste Punkt an einem Leben mit beruflichem Neuanfang nach Inhaftierung ist: Es ist dieser.

Nichts ist so demütigend, wie monatelang immer wieder um den Block des Polizeigebäudes zu fahren und nach einem verdeckten, wenig einsichtigen Parkplatz Ausschau zu halten, damit man möglichst nicht mit dem Wagen vor der Polizei gesichtet wird.

Damit Einen möglichst niemand erkennt oder womöglich gar anspricht.
"Lange nicht mehr gesehen! Was machst denn DU hier?"


Erstmal muss ich wieder flüssig werden und die schlimmsten finanziellen Feuer löschen.
Ich leihe mir bei meiner Freundin und Freunden ein paar Tausender, und als Erstes kriegt der Anwalt seinen Vorschuss, damit der bei Laune bleibt.

Mein erster privater Kontakt in Freiheit gilt Pedro.
Der weiß noch von gar nix, hat sich aber über die lange Funkstille und das tote Handy gewundert.


Er bietet mir an, in der Spielhölle vor Ort mal nachzufragen, die suchen jemanden für die Kasse und den Tresen und er kennt da Jemanden.
Seine anderen Beziehungen helfen im Moment nicht weiter, da er sonst nur Leute bei genau der Firma kennt, bei der ich gerade eben hochkant rausgeflogen bin.


Aber der schlimmste Gang von Allen kommt noch.
Diesen einen Anruf schiebe ich hinaus so weit es geht, als alle anderen Termine bereits vereinbart und angesetzt sind. Aber es muss sein.

Ich muss zu Micha. Meinem Freund und Ex-Chef.


Dessen Kunden ich betrogen und ihn dadurch mit in Verdacht reingezogen hatte.

Der sich für mich durch sein Schweigen wider besseres Wissen selbst den Ermittlungen ausgesetzt hatte.
Der mich telefonisch vorgewarnt hatte, obwohl man ihm das strengstens untersagt hatte.


Als ich sein Büro (meine alte Wirkungsstätte) betrete, zittere ich am ganzen Leib, denn ich muss völlig zu Recht damit rechnen, jetzt gleich hingerichtet und alles geheißen zu werden.


Er öffnet von innen die Tür zu seinem Beratungszimmer und mir bleibt das Herz stehen.




--- Fortsetzung folgt ---

********************************


PART 3




Als sich die Tür zum Büro meines ehemaligen Chefs und Freundes öffnet,
bleibt mir kurz das Herz stehen.

Heraus tritt Micha. Er sieht mich. Zwei Sekunden vergehen.

Dann lächelt er. "Komm rein, Rain."

Sehr langsam folge ich ihm in sein Büro. Er bestellt zwei Cappuchino bei seiner Mitarbeiterin und schließt die Glastür.

Er setzt sich, ich traue mich nicht.

Ich habe mich jahrelang um die tausend Mal unaufgefordert in diesen Stuhl vor diesen Mann hingesetzt, aber jetzt erscheint es mir alles Andere als angemessen, mir selbst hier ungefragt einen Sitzplatz zu nehmen.


Ich arbeite nicht mehr hier, ich bin Gast.
Ein Gast, der diesem Büro und seinem Chef schweren Schaden zugefügt hat.
Ich kann genau genommen froh sein, hier nicht auf Plastikfolie zu stehen, zumindest gälte das, wenn ICH jetzt an seiner und er an meiner Stelle wäre.

"Setz Dich. Wie geht's Dir?"

Mein Mund ist sehr trocken und meine Stimme hat etwas Heiseres. (Das kann natürlich nicht sein, denn spätestens seit der Ausbilderzeit in der Bundeswehr kann ich ziemlich lange ziemlich laut schreien, auch mit kratzender Stimme, ohne dass diese wirklich darunter leidet. 

Aber auch das geht jetzt gerade nicht mehr.)


"Micha....es tut mir leid. Wirklich so sehr leid. Hätte ich geahnt, wie Du da mit reingezogen würdest, hätte ich nie ..." 
Ich weiß zum ersten Mal seit Langem nicht mehr, wie ich ohne lächerlich zu wirken einen angefangenen Satz zu Ende bringen soll.
Statt dessen schaue ich schuldbewusst auf meine Füße.

Michas Gesicht hat auch jetzt immer noch etwas Gütiges, Lächelndes.

Dazu hat er keinen Grund: Die Kripo war bei ihm, er wurde mehrfach telefonisch kontaktiert, auf seinem Parkplatz in der TG wurde mein Auto geöffnet und (erfolgreich) durchsucht, sein Büro war es, welches in das Zentrum der Ermittlungen gstellt worden war.
Es hatte ziemlich unangenehme Fragen seines/unseres Chefs gegeben.

Nichts davon ist in seinem Gesicht zu finden.
Gar nichts.

Er schaut kurz über seine Anzug-Schulter zur Seite aus dem Fenster seines Büros
im ersten Stock.
Es vergehen ein paar stille Augenblicke, dann sagt er:

"Weißt Du...ich habe auch etwas gelernt bei der Sache.
Ich hab' lange nicht sehen wollen, dass der Job hier nicht das Richtige für Dich ist.
Und vielleicht ist es das Beste für Dich gewesen, diese Erfahrung jetzt zu machen und neu anzufangen. Vielleicht musste es auf diese Weise passieren"



Er sieht mich an, mir steht das Wasser in den Augen.
Wir tauschen noch ein paar Auskling-Informationen aus. Dann gibt er mir einen Plastikbeutel, in dem sich die Sachen aus meinem früheren Schreibtisch befinden.

"Den Rest kannst Du ja irgendwann mal holen kommen, es eilt nicht."

Ich danke ihm für Alles und verabschiede mich.
Dieses Büro werde ich danach nie wieder betreten.

Ich fahre zutiefst deprimiert, aber auch dankbar über die freundschaftliche Aufnahme und Verabschiedung wieder nach Hause.

Auf dem Computertisch liegen die Materialien für die Bewerbungsmappen und
bright white matte Fotopapier.

Ich setze mich auf den Hocker fange an.


Seit acht Jahren habe ich keine Bewerbung und keinen Lebenslauf mehr geschrieben,
ich bin grandios aus der Übung, kenne keine Formatstandards mehr usw.


Als Beginn wähle ich mangels besserer Kenntnis die Lebenslauf- und Anschreiben-Vorlagen aus MS Word.
Im Internet melde ich mich bei diversen Jobprotalen an und erstelle eine Liste mit Firmen,

für die ich gerne arbeiten würde.

Sie ist kurz.

So kurz, dass kurze Zeit später auf ihr auch die Namen jener Firmen stehen, für die ich nicht arbeiten würde. Keine Ansprüche jetzt.
Zusätzlich schreibe ich Zeitarbeitsfirmen an, ich bewerbe mich auf so gut wie Alles,
was mein Lebenslauf und meine Ausbildung auch nur im Entferntesten zulassen.

So viel hatte ich gehört im Vorfeld - von Menschen, die sich gut qualifiziert hundertfach bewerben mussten, die dutzende von Absagen erlitten hatten, dann der enger werdende Arbeitsmarkt...und die waren aber alle nicht soeben aus der U-Haft entlassen worden!

Wie es mir wohl ergehen würde?
Wäre es nicht sogar ungerecht, wenn jetzt ausgerechnet ICH wieder schnell eine Anstellung finden würde?
Als Straffälliger, der auf seinen Prozess wartet?

Wie lange es wohl dauern würde, bis...

Ich schiebe schnell alle Gedanken beiseite, denn jeder von ihnen verletzt und verunsichert mich, macht mir Magenschmerzen, treibt mir die Tränen in die Augen.

Aber jetzt ist keine Zeit für Tränen.

Jetzt ist Zeit zum Handeln.
Denn ich habe verdammt nochmal keine Zeit mehr.


So besorge ich mir am nächsten Tag ein neues Handy und eine neue Emailadresse
und haue die ersten 20 Bewerbungen raus.

Und abends fange ich an, Beruhigungstabletten mit Weißwein zu mischen.


--- Fortsetzung folgt ---

********************************


PART 4




Am nächsten Tag muss ich aufs Arbeitsamt (damals heißt es noch so).

Ich weiß, dass ich als ehemals Selbständiger da gar nix bekomme - aber ich kann nicht
auf das Sozialamt, bevor ich nicht die Ablehnungsbescheinigung vom Arbeitsamt habe
(wir sind zeitlich in der vor-Hartz-IV-Ära).


Ich habe den Termin morgens, ich glaube gegen halb neun.
Also bin ich früh raus, habe mich hergerichtet und gestriegelt und habe meine Unterlagen sauber sortiert in einer Mappe dabei, als ich das Gebäude betrete.



Mir haben Amtsgebäude immer Respekt eingeflößt.
Schon als Kind.
Da hatte ich sogar Angst vor ihnen, denn
ich kannte Behörden fast nur in Form von "Jugendamt".
Und Jugendamt, das war immer ganz, ganz ätzend...

Ich sehe mich in dem Gebäude um und glaube mich in dem Termin geirrt zu haben.
Oder gar in der Adresse?
Aber draußen stand doch das große rote "A" am Gebäude?!


Die Gänge sind leer. Es ist kein Mensch hier.
Auch am großen Rezeptionsschalter nicht (zumindest nicht auf meiner Seite des Raumes).
Es ist ein normaler Wochentag - und niemand sucht Arbeit??

Ich trete zaghaft an die Rezeption.

"Ich habe einen Termin um halb neun, mein Name ist..."
"Ziehen Sie da drüben am Automaten an der Wand eine Wartenummer,
Sie werden aufgerufen!"

Meine Augen suchen den Automaten, finden ihn, ich gehe hin, ziehe eine Nummer, und gehe mit dem kleinen Billet in der Hand zu den Sitzbänken mitten im Saal.
Es sieht aus wie eine kleine nostalgische Kinokarte.

Das hier ist bizarr - es ist kein Mensch da.
Und ich? Ziehe eine WARTEnummer!


Ich nehme Platz.
Ganz hinten schlurft ein südländisch aussehender älterer Mann in Trainingsanzug und Turnschuhen unrasiert und mit der Bildzeitung unterm Arm und wilden Haaren zur Gebäudetür herein und geht sofort in einen Seitengang.


Mir waren immer nur diese TV-Bilder von Arbeitsämtern geläufig, da saßen und standen die Menschen aufeinander gedrängt in den Fluren und warteten stundenlang auf einen Termin...aber hier?
Hier war gar niemand!

Wo waren die fünf Millionen Arbeitslosen?

Da erscheint auch schon -keine zwei Minuten sind vergangen- meine Nummer im großen roten Display oben an der Decke und ich bekomme eine Zimmernummer angezeigt.

An der Tür des Zimmers klebt ein großer Zettel in 4 Sprachen:

"Nicht anklopfen! Direkt eintreten!"

Ich ertappe mich dabei, wie ich gerade noch wider meine Erziehung die Hand zurückziehen kann und ungeklopft eintrete.

Die Frau in dem Zimmer sieht mich ein wenig erstaunt an, steht dann auf und kommt mir entgegen.
Sie bietet mir einen Platz an und beginnt sogleich mit dem Ausfüllen eines Formulars, ohne groß aufzusehen.

"Seit wann sind sie arbeitssuchend?
Wo haben Sie gearbeitet?
Wurde Ihnen gekündigt oder haben Sie gekündigt?
Sind Sie derzeit krankgeschrieben? ..."

Ich reiße mich zusammen und beantworte ihr so emotionsfrei wie möglich, dass ich bis letzte Woche in Untersuchungshaft war, das mir fristlos gekündigt wurde, dass ich keine Ausweispapiere mehr besitze und dass ich selbständig war.
"Sie haben keine Arbeitslosenbeiträge entrichtet, Sie wissen wahrscheinlich, dass Ihnen daher keine Unterstützung von uns zusteht?"
"Ja. Ich habe in einer Stunde einen Termin auf dem Sozialamt, ich wurde am Telefon bereits informiert."

Die Frau überfliegt meinen Lebenslauf.
Ihre Gesichtszüge entspannen sich.



"Ich nehme Sie in unsere Datenbank auf, aber ich bin sicher, Sie werden bald wieder eine Anstellung gefunden haben, da mache ich mir bei Ihnen jetzt mal keine allzugroßen Sorgen."

Ich will noch etwas erwidern, aber ich schlucke es runter, denn eigentlich sind das die ersten wirklich tröstenden Worte, die ich von dritter Seite erfahre, und jede Silbe davon tut mir grad gut, auch wenn es nur eine Floskel gewesen sein mag.
Mit meiner Ablehnung in der Hand verabschiede ich mich und traue mich jetzt doch,
kurz vor Verlassen des Raumes die Frage zu stellen:

"Sagen Sie...ist heute irgendwie ein besonderer Tag hier auf dem Amt?"
"Wieso fragen Sie?"
"Da draußen auf dem Gang...es gab keinen Menschen außer mir.
Hat niemand sonst einen Termin heute?"
"Doch. Aber die wenigsten kommen pünktlich zu ihren Terminen. Wenn Sie überhaupt kommen. Vor Allem, wenn diese vor zehn Uhr vormittags liegen, da schlafen Viele lieber aus. Vor Allem die, die ohnehin schwer von uns vermittelbar sind."
Mir fällt der Südländer von vorhin wieder ein.
"Ich habe da vorhin jemanden doch tatsächlich im Trainingsanzug und Unterhemd reinkommen gesehen..."
"Das ist hier nicht selten. Sie dürften heute der Einzige bleiben, der im Anzug hergekommen ist!"
Ich verabschiede mich und setze mich in mein Auto, es sind ein paar Straßen bis zum Sozialamt.
Das Sozialamt liegt direkt am großen Markptplatz.
Hier gibt es keine gedeckte Annäherungsmöglichkeit.

Ich übe mich in zur Schau gestellter spaziergängerischer Lässigkeit, als ich über den Platz flaniere. Aber in Wirklichkeit zittern mir die Knie.

Sozialamt ! Ich !

Wenn das Dein Alter noch mitkriegen würde, denke ich mir.


Die Tür zum Sozialamt ist verschlossen.
Auch das noch.
Ich muss klingeln.

Durch die krächzende Gegensprechanlage fragt eine grobe Stimme unhöflich nach.

Aber immerhin öffnet sie mir.

Ich gehe die alten Treppen des muffigen Gebäudes hoch in den ersten Stock und warte auf den Termin, der einer der schlimmsten meines Lebens werden wird.



--- Fortsetzung folgt ---

********************************


PART 5



War mir das Arbeitsamt kurz zuvor schon assig vorgekommen, so ist der Besuch des Sozialamtes jetzt eine nahezu traumatische Erfahrung.

Die Treppen, die Gänge, die Sitzbänke, die Türen, das Büromobiliar - alles ist alt, zerschlissen, schäbig. Es riecht unangenehm muffig. Und es ist dunkel.

Vielleicht verbinden Sie mit dem Sozialamt so etwas wie Scheu und Scham.
Vielleicht fürchten Sie die Erkenntnis, es selbst nicht geschafft zu haben
und jetzt DA HIN zu müssen.

Sich entblättern zu müssen, sich blöd anblaffen, drangsalieren lassen zu müssen.
Denn was auch immer Sie sich Schlimmes ausmalen
über das Sozialamt - es stimmt. Alles. Leider.
Zumindest damals, zu meiner Zeit, da ist es definitiv so.

Der für mich zuständige Sachbearbeiter heißt Herr Schwarz.
Sie würden nicht glauben, was für ein ekelhafter, misanthroper Mensch er ist.
Und wie unglaublich viele Klischees zugleich in einem einzigen Beamten zusammen kommen können!

Vielleicht kennen Sie die Cartoonreihe "Karlheinz vom Ortsamt Mitte". (Allein im Erscheinungsbild dieser einen Comicfigur finden sich 4 absolute Parallelen!)

Als ich hereinkomme, beachtet er mich nicht einmal.
Ich nehme auf dem einzigen Stuhl Platz.

Er tippt ungerührt auf seiner Tastatur weiter.
Nach zwei Minuten lässt er sich dazu herab, sich zu  mir umzudrehen, ohne die Hände von der Tastatur zu nehmen. Er mustert mich kritisch, in dem er mit gesenktem Kopf über seine Halb-Brille zu mir rüberschaut.

"Und was wollen SIE...??"
"Zu Ihnen. Ich habe um elf einen Termin..."

"SEHR witzig!"

"Finde ich gar nicht mal so unbedingt."

Er tippt meinen Namen ein und drückt Enter.
Dann liest er sehr gemächlich, was ihm der Computer über mich ausspuckt.

"Ach Gottchen! Schon wieder so Einer!"
"Was bin ich denn für 'so Einer'?"

"Einer von denen, die keine Arbeitslosenbeiträge zahlen wollen, aber dann hier bei uns die Hand aufhalten, wenn das Arbeitsamt nicht blecht. Schon klar."

"Nun...ich hab offen gesagt gar nicht gewusst, dass das geht."


"Dass WAS geht??"
"Dass man als Selbständiger auch Arbeitslosenbeiträge zahlen kann..."


"Erzählen Sie das Einem, der's glaubt! Es gehört verboten, dass so Scheinselbständige wie SIE auch noch Geld vom Staat bekommen!"

"Wie kommen Sie zu der Annahme, ich sei ein Scheinselbständiger? Ich habe genau so ein unternehmerisches Risiko getragen wie jeder Ladenbesitzer ..."

"Ich darf ja wohl mal laut lachen! Wenn's mir nach ginge, wären Sie und all die anderen Schmarotzer in diesem Land verboten!"


Es entsteht eine kurze Pause, in der ich überlege, was ich jetzt sage.


"Und jetzt? Wie geht's jetzt weiter?"

"Ich will Ihre Kontoauszüge der letzten sechs Monate sehen, und ich sag's Ihnen gleich, verarschen Sie mich nicht! Wenn da einer fehlt, merke ich das!"

"Daran habe ich nicht eine Sekunde gezweifelt."

"Unterschreiben Sie das hier und dann kommen Sie mit mir zur Arbeitsvermittlung."
Ich runzle die Stirn.
"Arbeitsvermittlung? Ich komme doch gerade erst vom Arbeitsamt..."

Der Beamte grinst hämisch.


"Wer auf Kosten des Staates lebt, muss auch für den Staat Arbeit leisten!
Krank geschrieben sind Sie ja wohl nicht.
Sie werden hier erfasst und sobald was frei ist, sind Sie dran."

"Dauert das lange? Ich habe noch ein Bewerbungssgespräch um halb drei..."

"Das ist mir sowas von scheißegal, wissen Sie das?"


Der Mann mit dem Wollpollunder und den Ärmelschonern unter der Filzjacke springt auf und läuft an mir vorbei, raunzt mir ein "Mitkommen!" entgegen und sputet durch die muffigen, dunklen Flure, bis wir in einem anderen Stockwerk voreiner dunklen Tür stehen.

"Hier warten Sie, bis Sie aufgerufen werden."

Ohne Abschiedswort und ohne Händedruck dreht sich der Beamte um und verschwindet in der Düsterheit der Gänge.

Ich nehme seufzend Platz.

Ob man so wie der wird, wenn man hier jahrelang gearbeitet hat? denke ich mir.
Ob er mehrmals strafversetzt wurde und hierher abgeschoben wurde?
Und dies nun an den Menschen auslässt, die hier auf ihn angewiesen sind?


Ich sehe mich um.

Schmuddelige Flure, defekte Lampem, Schreibmaschinengeklapper hinter den Türen.
Das könnte tatsächlich sein - jede Strafversetzung von hier weg wäre eine Belohnung, egal wohin.

Es vergehen die Minuten und Viertelstunden.
Niemand kommt.
Nach einer Stunde werde ich nervös, mein Bewerbungstermin wartet und ich muss noch die Anfahrt dorthin einrechnen.

Ich klopfe an die Bürotür, die von außen keinen Griff, nur einen Knauf hat und die nur von innen geöffnet werden kann.
Es kommt keine Reaktion.
Ein weiteres, lauteres Klopfen - keine Reaktion.
Ist da überhaupt jemand drin?

Nach weiteren 5 Minuten auf dem Gang sind die Zeitreserven zerronnen
und so packe ich meine Unterlagen und gehe.


(Eine Entscheidung, die sich schon bald
als böser Fehler entpuppen wird.)

Nein, ich gehe nicht - ich renne!
Renne hinunter die Treppen, die Gänge, bis an die Tür, an der kein Schild auf den Ausgang hinweist, trete hinaus, werde geblendet von der Tageshelligkeit und lehne mich erstmal an das Gemäuer, als neben mir laut und unwirsch die alte Tür ins Schloss fällt.

Die Zivilstreifentante, die sich gerade aufmachen wollte zu ihrer Runde um den Block auf Jagd nach Parksündern (die Behörde ist im gleichen Gebäude untergebracht), schaut mich kurz entgeistert an und dreht sich dann um und geht.

Was für ein Albtraum, in den Du Dich da reingeritten hast, denke ich.
Gott sei Dank bin ich so sehr in Eile, dass ich keine Zeit habe für meine Tränen,
die eigentlich ganz dringend raus wollen.


Ich nutze die Schatten des Arkadenganges und husche zu meinem Auto.
Schnell weg hier, schnell zu Deinem Bewerbungsgespräch.

Und EGAL, was DU machen musst und was die zahlen, DU WIRST ZUSAGEN!


Jeder Tag früher weg vom Sozialamt erscheint mir jetzt so erstrebenswert,
wie noch nie etwas zuvor in meinem Leben.



--- Fortsetzung folgt ---



********************************


PART 6


Der erste Vorstellungstermin nach Freilassung aus der JVA bringt mich zu einem Beamtenwerk, welches sich mit Immobilienfinanzierung befasst. 
(Ausgerechnet Feindesland, aus der Sicht meiner bisherigen Tätigkeit.)
Der Direktor dort empfängt mich strahlend gelaunt und etwas zu herzlich.

Er hat meinen Lebenslauf und meine Wunschtätigkeit gelesen, findet mich aber zu Höherem berufen, nämlich für eine Führungstätigkeit. 

Ich soll Selbständige führen, motivieren, anleiten, einstellen, rausschmeißen.


Vorher müsste ich lediglich noch kurz, vielleicht höchstens ein paar Monate, meine verkäuferischen Fähigkeiten unter Beweis stellen.
Nur, damit meine zukünftigen Unterstellten auch den fachlichen Respekt vor mir hätten.  

Klar.

Ich weiß, was er will.
Ich kenne diese Art von Gesprächen - sie sind komplett fake.
Er gibt sich menschlich, fröhlich, interessiert...
dennoch ist (mir zumindest) klar, worauf das raus läuft:
Er stellt mehrere Leute ein - für eine Stelle.
Diese müssen sich im Verkauf beweisen, damit die anderen Kollegen Respekt vor ihnen bekommen, schließlich soll man die ja bald führen!


Also werden die Leute in ein rat race geschickt, jeder bekommt erzählt, ER ALLEIN sei für die Führungsaufgabe geeignet und vorgesehen...im Effekt hat man dann vier oder fünf hochmotivierte Verkäufer (die man eigentlich in Wirklichkeit gesucht hatte!!).

Bis der Cleverste von den Vieren das schnallt, sind schon mal 6 bis 9 Monate gewonnen.
Bis der Dümmste das schnallt, vielleicht zwei Jahre.
Und bis dahin - ist der ursprüngliche Chef längst aufgestiegen und weg.
Und natürlich wurde nie irgendwas schriftlich festgehalten.


Das Gespräch verläuft zunehmend bizarr.
Ich verkaufe mich gut, muss das auch erst wieder lernen, aber der Direktor zeigt mir gleich meinen neuen Arbeitsplatz, die Räume, seine (sehr hübsche sehr blonde) Sekretärin, die er auf dem Flur trifft und die er -kein Witz- wie ein Neandertaler über seine Schulter wirft, ihr auf den Arsch klatscht und durch den Gang in sein Büro trägt!

Das soll wohl locker wirken, aber es ist einfach nur megapanne. Zumal sie kreischt ;-).

Immerhin - ich werde zu einem AC eingeladen.
Das ist gut.
Ich gewinne Zeit, kann kostenlos ein AC trainieren, obwohl ich weiß,
dass das hier nichts mit uns wird.
Aber es bringt mich etwas weiter.


Der nächste Termin bei dem nächsten Arbeitgeber führt mich endgültig in die moralischen Niederungen - eine Bank.
Ausgerechnet auch noch eine genossenschaftliche.

Der Personaler und der Niederlassungsleiter leiten das Bewerbungsgespräch.

Sie nehmen mich drei Stunden in die Zange, proben mich in adhoc-Beratungssituationen, machen Übungen, testen Fachwissen...am Ende ziehen sie sich eine Viertelstunde zurück.


Ich warte.
So oft habe ich die letzten Wochen auf irgendwas
allein rumsitzen und warten müssen, denke ich.
Na, immerhin - hier sind die Türen wenigstens
nicht verschlossen.
Und keine Stäbe vor den Fenstern.

Die Herren kommen zurück.
Sie sagen, ich sei von den vier Bewerbern ihr Lieblingskandidat und sie würden gerne mit mir zusammenarbeiten.


Aber EINE Frage hat der Personaler dann doch noch:
"Sagen Sie mal Herr Zaubermann - ich begreife einfach nicht, wie man sich so schlecht über ein Unternehmen informieren kann, wenn man sich dort bewirbt. Sie wussten wirklich auffallend wenig über unser Haus, da hätten Sie sich doch mal wenigstens ein bissen im Vorfeld kundig machen können?!"


"Yapp. Hätte ich können, wollte ich aber nicht!"

--- kurzes Staunen ---


"Und wieso wollten Sie nicht?"


"Weil ich mir erst mal SIE anschauen wollte. Sehen Sie - was nützen mir Kenntnisse über Bilanzen, Strukturen und Ergebnisse ihres letzten Geschäftsjahres, wenn ich mit IHNEN nicht warm werde? Mir erschien es wichtiger, mir im Ersttermin zunächst einmal ein Bild von den Menschen zu machen, mit denen ich dauernd zusammen arbeiten werde. Ihre Zahlen und Geschäftsergebnisse kann ich mir immer noch heute abend durchlesen.
Hätte ich mir aber erspart, wenn ich mit Ihnen nicht hätte zusammen arbeiten wollen, Sie verstehen?"

Die Beiden sehen sich an.
Drei Tage später liegt ein unterschriebener Arbeitsvertrag in meinem Briefkasten.

Den ich nicht annehmen werde.

--- Fortsetzung folgt ---


********************************


PART 7


Angesichts der sich doch unerwartet schnell abzeichnenden Auswahlmöglichkeit an Jobs (anstelle wie befürchtet monatelang dutzende von Bewerbungen schreiben zu müssen) beginne ich, ein wenig übermütig zu werden.
Um nicht zu sagen, hochmütig.

In dieser Zeit beobachte ich mich selbst sehr genau - den beruhigenden Einfluss, den dieser unterschriebene Arbeitsvertrag der Genossenschaftsbanker da drüben auf meinem Schreibtisch ausübt, sauge ich in mich auf.
Ich habe die letzte Seite mit den Unterschriften aufgeschlagen und nach oben sortiert.

Jeden Tag schaue ich ein paar Minuten darauf.

Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist in mir stark verankert, und die Vorstellung, vorbestraft und dauerhaft arbeitslos daheim herumzuhängen (mit alsbald das Weite suchender Freundin und Geldproblemen), verschafft mir nun schlaflose Nächte.

Dagegen hilft dieser Arbeitsvertrag.
Ein Blick darauf - und ich atme ruhiger.
Er ist mein Symbol des "ich kann es schaffen", auch, wenn ich zu diesen Menschen nicht als Angestellter hin will.


Denn im Zweitgespräch konkretisieren sie ihre Vorstellungen - ich soll Filialleiter von ZWEI Filialen werden:
Eine steht am Rande der Landeshauptstadt.

Und eine im Ghetto.

Da liegt also der Wurm drin - eine als Köder,
und eine als Haken an der Sache.

Der Personaler und der Niederlassungsleiter nehmen es locker und sind glänzend gelaunt.
Sie meinen, ich könnte mir die 5 Wochentage frei aufteilen auf die beiden Filialen.

Meine Vorgängerin hätte wöchentlich z.B. 4 Tage in der Ghettofiliale verbracht - und
nur 1 Tag in der Randfiliale, so wohl hätte sie sich gefühlt.
Die Beiden scherzen, man könne ja drüber reden, ob ich zu der Ghettofiliale eine schusssichere Weste seitens der Bank erhalten könne (!).

Ich frage nach, aus welchem Grund die Kollegin denn gegangen sei.
Sehr, sehr schnell antwortet der Personaler (obwohl der NL-Leiter eigentlich ihr direkter Vorgesetzter gewesen sein muss):


"Die hatte geheiratet und sich danach räumlich neu orientert."



Eine gute Antwort.
ZU gut.
Geradezu perfekt, um Rückfragen abzuwürgen, denke ich mir. 



Also schnappe ich mir sonntags meine Freundin und fahre mal privat zu den beiden Filialen.
Die erste Filiale am Rand der Hauptstadt ist alt, aber intakt. Die Fenster sind braun, entweder als Schutz vor der Sonneneinstrahlung oder aber infolge ebendieser.
Na, man nimmt halt, was man kriegen kann.

Die Anfahrt zur zweiten Filiale ist abenteuerlich.
"Ghetto" trifft es wirklich gut - sozialer Wohnungsbau, hässliche Hochhaussünden der Siebziger, typisch intergrierte Bauweise "Massenwohnungen-plus-Einkaufszentrum".

Als wir um die Ecke biegen, glaubt meine Freundin steif und fest, ich hätte mich mal wieder verfahren.
Hier stehen im Wesentlichen zwei Autotypen auf den Parkplätzen:
Mercedes 190 und altes 3er
BMW Modell.
Inklusive manchmal atemberaubender Aufbauten.


Entweder ist ein "Y" im KFZ-Kennzeichen oder es hängt gleich die Landesflagge mit dem Halbmond hinten in der Heckscheibe.
Meine Freundin (Griechin) wird ganz leise.


Wir parken, steigen aus, schauen uns um.
Wummernde Orient-Beats und Bässe aus einem der offenen Autos.

Wir steigen die Treppen zum "Einkaufszentrum" hoch.

Gleich links oben an der Treppe  ist das, was mal als Bankfiliale gedacht war.

Gegenüber liegt eine unbesetzte Außenstation der Polizei.

Die Scheiben sind teilweise eingeschmissen und entweder mit Graffitti besprüht oder notdürftig mit durchsichtiger Klebefolie repariert.

Durch die halb stählerne halb gläserne Eingangstür der Bank sieht man in den Automatenraum (5 qm groß).

Das, was dort steht, muss der älteste ec-Automat Süddeutschlands sein, so ein Ding habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.


 Es würde mich nicht wundern, wenn er
die Auszahlungsquituungen intern auf einer
24-Nadel-Einheit druckt.

Mir wird auf einmal klar, warum meine Vorgängerin hier 4 Tage die Woche vor Ort war:
Wenn die montags drüben und ab dienstags HIER war, dauerte es bis freitags, bis sie wieder sicher aus dem Gebäude raus konnte.
Ganz klarer Fall.


Meine Begeisterung über den daheim auf dem Schreibtisch liegenden Arbeitsvertrag verliert gerade ohnehin etwas von ihrer Strahlkraft, da dreht sich meine Freundin um und sagt:

"Na, herzlichen Glückwunsch, Herr Zaubermann!
Hier kann ich ja jeden Tag zittern, ob Du überhaupt abends noch heim kommst!"

Wir fahren heim und ich werde kurze Zeit später -so spät es nur geht- final den Job absagen.

Nun werde ich etwas übermütig und bewerbe mich bei genau DER Bank, wo mein Kumpel und Mittäter vor Kurzem rausgeflogen ist (und falls Sie sich damals fragten, ob es noch etwas Peinlicheres geben könne als in einem Flugzeug verhaftet zu werden, dann würde ich sagen: Ja. Nämlich wie er in Handschellen vom Arbeitsplatz abgeholt zu werden.)

Weiß der Geier wieso, aber auch dort stelle ich mich vor, mache einen guten Eindruck und bekomme ein Anstellungsangebot - als Nachfolger des den Ruhestand vor Augen habenden Personalchefs (!).
Und DAS ist selbst MIR too hot, überlegen Sie mal:
Sie werden in Handschellen im Flieger angeholt,
ihr Kumpel wird in Handschellen im Job abgeholt -
und dann sind Sie so rotzfrech und bewerben sich in SEINER FIRMA und werden dort irgendwann PERSONALCHEF?!


Nein, das ist sogar mir zu strange, ich will das Schicksal was bislang ziemlich gnädig mit mir war nicht mit Gewalt herausfordern.

Außerdem will ich den Rat aus dem Knast befolgen und den nächsten Job nur ganz kurz machen, um Spuren zu verwischen, bis ich dann einen endgültigen Platz zum Arbeiten gefunden habe.


Verdammt, die Zeit wird eng!

Ich muss jeden Tag mit dem Prozesstermin rechnen - und nach diesem alles entscheidenden Tag kann ich mich als totsicher Vorbestrafter nirgends mehr bewerben, wo man im Job lesen und schreiben können muss.

Aber erstmal gehe ich zum Assessment Center bei diesen Bauspar-Affen, zu denen ich ja gar nicht hin will, aber gut, ein kostenloses AC nimmt man mit.

Und dort erwartet mich ein denkwürdiger Tag...



--- Fortsetzung folgt ---

********************************


PART 8


Die Zeit wird langsam eng - jeden Moment kann der Termin mit der Eröffnung des Strafverfahrens gegen mich per Post reinflattern.
Mein Anwalt sagt, ICH MUSS bis dahin einen Job haben, der günstigen Sozialprognose wegen!

Und das Geld ist auch schon lange ausgegangen - ich steuere schnurgerade auf 50k DM Schulden zu.

Also dann.
Hin zu den Bausparaffen.

Auf dem Assessment Center bei den Baufinanzierern geht es skuril zu - es ist ein Inhouse-Assessment, dazu fast unbewirtet (dafür sehr kostengünstig in der Organisation).


Wir sind zu Viert:
Eine junge frisch Ausgelernte,
eine frisch Ausstudierte,
ein gedrungener kahler fetter alter Sack
- und ich.


Die frisch Ausgelernte hat ihre Nägel vor lauter Nervosität schon runtergekaut, noch bevor die ersten Übungen beginnen. 


Die Studierte wirkt hinter ihrer Brille recht kühl und tut sehr geschäftig, sobald man ihr Aufgabenblätter hinlegt.


Der kahle Fette grinst jedesmal grenzdebil und schüttelt mit dem Kopf, sobald er Aufgaben durchgelesen hat.


Es geht los, wie es immer losgeht - Fallbeispiele, Simulationen, Postkorbübungen.
Vorbereitet auf sowas haben sich hier wohl nur die Studierte und ich.

In der ersten Pause mache ich mal rüber zu der Ex-Azubiene, bevor die hier noch wiederbelebt werden muss und sie gesteht mir ihren Heidenbammel vor dem Bewerberinterview, das nachher noch aussteht.

Ok, minus eins, denke ich mir - die suchen hier jemanden für den VERTRIEB.
Da muss man reden, darstellen können.
Und man muss es GERNE tun.


Die Studierte bemüht sich sehr, interessiert an dem hier zu wirken, doch ich sehe ihr an,
dass sie sich auch noch ganz gut 3 oder 4 Semester am Campus hätte vorstellen können,
von wo aus sie dann auf direktem Weg auf einer silbernen Sonnenbarke von der größten Firma Europas
in die dortige Chefetage -von fallenden Rosenblättern auf ihrem Weg begleitet- weggetragen wird.
Zu Fanfarenklängen.

Minus zwei.

Nun noch der Fette.
Der ist aus dem Vertrieb, das sieht man nicht nur, das riecht man.
Schlecht sitzendes Hemd.

Mehr verknotete als gebundene Krawatte.
Billige ausgetretene Mokkassinslipper.

Mit dem muss ich gar nicht erst reden, um auf minus drei erhöhen zu können.
Aber ich sage mir - komm, einen Versuch machst Du bei dem:
"Und? Wie haben SIE bisher die Aufgaben erlebt?"

Er schüttelt arrogant grinsend den Kopf und flüstert mit hochgezogenen Augenbrauen:

"Das wird eh nix, die können mir gar nicht genug zahlen,
  dass ich hier anfange!"

Professionelle Einstellung für einen optisch abgebrannten Säufer, Respekt.
Also minus drei.

Vier minus drei = eins, da bleibe wohl nur noch ich als ernstzunehmende Wahl übrig.
Aber ich habe angesichts meiner Vergangenheit wenig Anlass, hochmütig zu werden und konzentriere mich auf die letzte Prüfung, das Bewerberinterview.


Ich werde hereingerufen.
Ein ziemlicher Schock wartet auf mich:
Vor mir sitzen der Landesdirektor der Firma, der Niederlassungsleiter der Firma - und seine Sekretärin.

Die bis vor zwei Jahren noch UNSERE Sekretärin im Büro war!!

Gedankenblitze durchzucken meinen Kopf
- mit der kamst Du doch damals gut aus, oder?
Warst Du immer freundlich und nett?
Hast Du die mal angegraben? 


Doch sie protokolliert nur. Uff...

Die Herren tun ernst und seriös, stellen Fragen zum eigenen Verhältnis zum Markt, zu Mitarbeitern, zu Untergebenen, zu Kunden...sie prüfen Fachkenntnis und bisher erworbene Skills.

Es sieht gut für mich aus, aber ich fühle mich noch nicht voll gefordert.
Dann beginnt unsere Ex-Sekretärin zu sprechen:
  • "Herr Zaubermann, es steht nun die Abschlussübung auf dem Programm:
    Sie sollen in freier Rede diese Herren hier
    in 10 Minuten davon überzeugen, vom Auto auf die Bahn umzusteigen.
    Wenn die 10 Minuten um sind, werde ich abbrechen.
    Sie haben nun im Gruppenraum 5 Minuten Vorbereitungszeit.
    Sie dürfen sich Notizen machen."

Ich schaue sie kurz an: "Ist gut. Kann losgehen."
  • "Ihre Vorbereitungszeit läuft bereits, Herr Zaubermann!
    Sie sollten sich jetzt noch kurz zurückziehen."


  • "Das ist nicht nötig. Kann ich jetzt sofort anfangen?"

Die Frau guckt mich an, ich lächle.
Die Herren gucken einander an, der Vorstand hebt seine geöffnete Hand und sagt dann ernst "Bitte sehr, wenn Sie möchten."


Und was dann folgt, sind die vielleicht besten 10 Minuten,
die ich jemals irgendwo abgeliefert habe.


Ich bin rethorisch auf 100% Reaktorleistung, verhaspele mich kein einziges Mal, schaffe in der Kürze der Zeit sogar eine klimatische Steigerung in der Argumentationslinie, während mir immer weitere Argumente einfallen, mir fallen Vergleiche und Bilder ein die sich sofort in Worte und Sätze verflüssigen, die Stimme ist fest, die Körpersprache mitnehmend, und als die Frau auf die Uhr an ihrem Handgelenk tippt, weiß ich:



Das hier hast Du geschafft.
Die nehmen Dich.
Ganz sicher.

Triumphgefühle steigen in mir auf. Gelassenheit, bald wieder Lebensmittel einkaufen zu können ohne die Freundin anzupumpen, macht sich in mir breit.

Ich stehe auf, rede weiter.

Ziehe mein Jacket wieder an, rede weiter.
Gehe zur Tür, greife die Klinke und sage den letzten Satz:
  • "...und wenn Sie heute abend zu ihrer Frau nach hause fahren, in ihrem Dienstwagen, und der wie jeden Abend 45 min am Autobahnkreuz im Stau steht, dann überlegen Sie einfach mal, wieviel JAHRE Ihres Lebens Sie das wirklich noch mitmachen wollen.
    Wo doch Ihre Zeit das kostbarste Gut ist, das Sie haben, nicht wahr?
    Und morgen?
    Kaufen Sie sich ein Zugticket!
    Vielen Dank für Ihre Zeit."

Und mit diesen Worten schließe ich die Tür hinter mir und suche den nächsten Kaffeeautomaten.
Der Job, so signalisiert man mir, ist mir sicher.


Mir fällt -wie so oft in solchen Momenten- nun ein Dialog aus einer TV-Serie ein.
Aus THE A-TEAM.

Es ist die Szene, in der sich First Lieutenant Templeton Peck darüber beklagt, dass er aufgrund der kleinen Batterie im Sender lediglich eine Stunde Zeit habe, um den Auftrag erfolgreich zu Ende zu bringen.

Colonel Hanibal Smith steckt sich die Zigarre in den Mund, schlägt ihm mit seinen schwarzen Lederhandschuhen auf die Schulter und grinst ihm entgegen:
"Face? You're always best
When you're under pressure!" 


Abends sage ich dem Personalleiter-Job ab.
Und der Genosschenschaftsbank mit der Gettho-Filiale sage ich auch ab.

Eine Woche später sagen mir dann die Finanzierungs-Fuzzis plötzlich ab.

Vorstandsbeschluss:
Einstellungsstopp.

(Verdammter Mist)

--- Fortsetzung folgt ---

********************************


PART 9


Anstatt eine kleine, bescheidene Auswahl an Jobofferten zu haben, habe ich nun
- nach der Absage der Finanzierer- GAR KEINE Option mehr.

Und wie befürchtet wird gerade JETZT der Gerichtsbescheid zugestellt - der Ersttermin
für die Verhandlung in unserer Strafsache ist angesetzt.
In drei Monaten schon.


Der Timer beginnt zu laufen.
Und zwar gegen mich.
Saugeil.

Und natürlich muss ich auch wieder aufs Sozialamt, Unterlagen vorzeigen, Nachweise bringen usw.

Mit meinem Mustermisanthropen Herrn Schwarz* hab ich anscheinend
den Joker der ganzen Behörde gezogen.

[*nee, der heißt anders.]

Als ich seine Amtsstube betrete, schreit er gerade einen etwas aus der Pflege geratenen älteren Mann mit strähnigen langen Haaren und verfilztem Vollbart an, der zurückkrakehlt.

Auf einen Anzug habe ich diesmal verzichtet.
Noch bevor ich (unangeboten) Platz nehme, zieht ein Grinsen über sein Gesicht.


"Sooo, der Herr Zaubermann...Sie haben es letztes Mal wohl nicht nötig gehabt zu warten, bis der Kollege in der Jobvermittlung Zeit hatte, was? Sind einfach gegangen, nicht wahr?"


"Zutreffend. Wie ich auch Ihnen damals schon gesagt hatte, musste ich nach einer Stunde Wartezeit los zu meinem Bewerbungsgespräch, was terminiert war, ich habe die Teilnahmebescheinigung dabei."


"Sosooo, das interessiert mich jetzt erstmal gar nicht. Damit haben Sie gerade Ihren Anspruch auf Sozialhilfe um 25% gekürzt. Sehr schön, ich trag das dann gleich mal ein in Ihrer Akte."

Ich bin kurz sprachlos.


"Und aus welchem GRUND, wenn ich fragen darf?"


"Sie waren von mir zur Jobvermittlung überstellt und sind einfach gegangen. Sie sind zur Arbeit verpflichtet und wenn Sie dem nicht nachkommen, kürze ich Ihren Anspruch. So einfach ist das!"


"Sie kürzen meinen Anspruch, weil ich mich aktiv um einen Job bemühe und IHNEN damit Arbeit abnehme?"


"Sie können ja dagegen klagen, wenn's Ihnen nicht passt!"

Das hier kann ich nicht gewinnen, und ich lehne es ab, aussichtslose Konflikte auszufechten.


"Dann zeigen Sie mal Ihre Kontoauszüge."

Ich reiche ihm die Auszüge.
Er schaut sie nicht an, blättert sie sehr langsam erst einmal von vorne nach hinten durch.

Wie ein Daumenkino in slow motion.

Wonach er sucht, ist mir klar.


"Sind alle vollzählig, keine Sorge."


"Das lassen Sie mal schön MEINE Sorge sein, Herr Zaubermann. Ach nee. Was haben wir denn DA?"


"Was denn?"

Er zeigt auf eine Überweisung, die ich vom Bruder meiner Freundin erhalten habe.
Es sind 1.500 DM. Vom letzten Monat.



"Das ist das Geld, was mein zukünftiger Schwager mir geliehen hat, damit ich wenigstens die ersten Wochen über die Runde komme. Ich musste Miete zahlen und Rechungen und..."

Er unterbricht mich.


"Das ist ja toll! Dann haben Sie ja noch liquide Mittel!
Dann steht Ihnen wie ich das sehe Sozialhilfe erst ab dem nächsten Monat zu! Verbrauchen Sie erstmal das, was man Ihnen geliehen hat, bevor Sie den Staat anbetteln!"


"Sagen Sie mir gerade, dass ich sofort Anspruch auf Sozialhilfe hätte, wenn ich mir das Geld bar von ihm geliehen hätte?"


"Haben Sie mich gerade gefragt, wie man Sozialhilfe betrügerisch erschleicht?"


"Würde ich mir nie erlauben."


"Das ist auch gut so. Und was soll DAS DA?"

Ich schaue mit verrenkendem Hals auf meine Kontoauszüge.


"DAS DA ist eine Juwelierrechung. Trauringe für mich und meine Freundin."


"Ach ja. Und DAFÜR haben Sie Geld, oder was?"


"HATTE ich. Ist nämlich auch schon zwei Monate her, wie Sie sehen.
Sie glauben ja nicht im Ernst, dass sich jemand Trauringe für viereinhalbtausend Mark holt, der weiß, dass er 8 Wochen später fristlos gekündigt ist und nicht mehr weiß, wovon er leben soll?"


"Wo sind diese Ringe jetzt?"

Ich habe hier durchaus schon gelernt und schalte blitzschnell.



"Die sind als Sicherheit für die 1.500 DM Kredit an meinen zukünftigen Schwager verpfändet.
Und ja, das können Sie schriftlich bekommen.
Nur, FALLS Sie das brauchen!"

Er guckt sehr grimmig.
Nun erlaube ich mir einen Hauch eines Lächelns.
Punkt für mich, wenigstens Einer.


Es bleibt dabei, er kürzt mir den Sozialhilfeanspruch im ersten Monat um 25% und setzt den Anspruch an sich erst auf den nächsten Monat fest.

Mit Wuttränen in den Augen gehe aus dem Gebäude. In meinem Kopf summt es wie in einem Bienenstock. 
Und ich habe jetzt die gottverdammte Zeit nicht, mir darüber klar zu werden, dass ich seit Wochen unter Schock stehe und sich ein fettes Trauma aufbaut, ich höre immer nur diese eine Stimme in meinem Schädel.

Es ist meine Eigene:


"Wenn Du DAS HIER überlebst, Rain, dann kann und wird Dir NICHTS MEHR im Leben passieren.
NICHTS kann Dich dann noch verletzen.
Du wirst Dein Leben lang sagen können, dass Du DAS HIER schon hinter Dir hast.
Was jetzt noch alles kommt, wird Kindergarten, egal was."


Damit werde ich auch Recht behalten.
Ok, fast.




--- Fortsetzung folgt ---

********************************


PART 10


Nachdem ich fast heulend vor Wut Herrn Schwarz und das Gebäude des Sozialamtes verlassen habe, überkommt mich eine tiefe Mutlosigkeit:

Die monatliche Unterstützung gekürzt, Absagen in den Bewerbungen - aber immerhin nur noch wenige Wochen bis zum Gerichtstermin, was ja toll ist, denn nach dem brauche mich gar nicht erst mehr irgendwo bewerben.
Ich kann dann noch froh sein, wenn ich überhaupt frei draußen weiter wohnen und...hmm, existieren darf.


Aber NOCH ist es nicht soweit, also fahre ich direkt nochmal ins Schreibwarengeschäft und besorge mit dem letzten Geld im Portemonnaie Bewerbungsmappen und nebenan auf der Post Briefkuverts und Postmarken.

Das Digitalfoto, dass der Bruder der Freundin von mir gemacht hat, ist ok - aber so wie ich DA drauf ausschaue, würd ich mich nicht mal selber einstellen.

Das erste Mal, seit ich damit die Personalausweise gefälscht habe, setze ich mich wieder an dieses  Bildbearbeitungsprogramm.
Diesmal muss ich nur die Ränder unter meinen Augen wegretuschieren, den blöden Leberfleck seitlich am Kinn, vielleicht noch ein bisschen Glanz und Aufgewecktheit in die matten und müden Augen...

Diesmal nehme ich die jobtechnische Schrotflinte und bewerbe mich auch absolut ALLES was auch nur annähernd in meinem PLZ-Bereich liegt - es sind auch alle möglichen Versicherungen dabei.

Das Vorstellungsgespräch bei einem ausländischen Laden verläuft gut, aber ich verkaufe mich unter Wert, das spüre ich - ich kann einfach nicht mehr wirklich stark auftreten.
Die Wand, zu der ich mit dem Rücken stehe, kommt täglich näher, wie die Müllpresse in imperialen Sternenzerstörern.

Ich fahre nach Frankfurt aufs Assessment Center und treffe dort schicke, clevere Menschen, die mir zum Teil überlegen wirken.

Kurze Zeit später ein Zaubermann-Klassiker:
Da bereite ich mich akribisch auf dieses AC in Frankfurt vor, bestehe das sogar (inklusive geglückter Bahnfahrt, ein Wunder).


Und dann versaue ich später um ein Haar selbst meine Anstellung, weil ich in der Woche vor dem Arzttest (von dem ich ganz genau weiss, dass er entscheidend ist) jeden Abend das mache, was ich auch sonst in dieser Zeit tue:
Eine Flasche Weißwein am Abend vernichten. Manchmal auch mehr.


Sie hätten SEIN GESICHT sehen sollen, als er mir die Laborwerte zeigte und dann auf die Leberwerte zu sprechen kam. Gerade noch so.

In der Zwischenzeit -und schon das hätte mir komisch vorkommen müssen- kriege ich ohne AC und ohne Arztprüfung binnen weniger Tage (!) einen Job bei Big Blue aus Deutschland.
Bzw., bei einer mir bis dahin unbekannten Tochtergesellschaft unter eigenen Marktauftritt.

Da ich so schnell wie möglich aus dieser Scheixx-Sozialhilfe raus will, sage ich entgegen aller schon im Bewerbungsgespräch schrillenden Warnglocken zu und werde in den folgenden drei Monaten das durchmachen, was ich bis heute als den entscheidenden Wendepunkt in meinem persönlichen und beruflichen Werdegang bezeichne:

Die WAHRE Strafe für mein Vergehen, das WAHRE Büßen für begangene Schuld, der Preis der zu zahlen ist, wenn man Eigentum Anderer an sich nehmen will.



Schalten Sie auch zur nächsten Folge wieder ein, in der es heißt:
Zaubermann in der Drückerkolonne.





--- Fortsetzung folgt ---

********************************


PART 11


Den Job bei der BigBlue-Tochter hatte ich nur aus zwei Gründen angenommen:
  1. Er war statt zum 01.01. nächstes Jahr bereits zum 01.10. dieses Jahr verfügbar - also bereits in einer Woche.
  2. Mein Anwalt hatte mir dazu geraten, sehr schnell wieder in Lohn und Brot zu kommen - das Gericht könnte sonst die Sozialprognose gefährdet sehen

Blöderweise werde ich dazu unter der Woche im benachbarten Bundesland auf Basisschulung geschickt.

Eine richtig üble B*st W*stern-Kaschemme, die ihre besten Tage zu Zeiten meiner Geburt gehabt haben mag und die ohne BigBlue als Hauptbucher dort ziemlich schnell dicht machen könnte.

Abends ist es nicht gewünscht, das Hotel zu verlassen. Die Vorgesetzten schlafen ebenfalls in diesem Hotel und sind ständig unten präsent.

Das aber kollidiert mit meiner polizeilichen Meldepflicht und tatsächlich gelingt es mir ein einziges Mal in über einem Jahr nicht, mich rechtzeitig wie ein Internatsschüler aus dieser Absteige zu stehlen und ins andere Bundesland rüber zu fahren, mich dort mit Ausweis auf der Polizeiwache zu melden und dann wieder eineinhalb Stunden zurückzurasen.

Obwohl ich das am nächsten Tag nachhole, quittiert die Staatsanwaltschaft dieses eine Versäumnis mit einer schriftlichen Beschwerde bei meinem Anwalt und bei der Richterin.

Zwar hatte ich in vorausahnender Vorsicht genau diese Situation der Richterin per Eilfax mitgeteilt und ausnahmsweise um Verschiebung der Meldetage gebeten, aber Sie brauchen ja nicht glauben, dass Sie innerhalb von 3 Wochen -trotz Terminnennung- eine Rückmeldung bzw. Stattgabe von der deutschen Justiz erhalten.

Zurück im Hotel finde ich einen Zettel an meiner Tür, man habe mich gesucht und ich möge doch zu den Anderen runter in den Gruppenraum kommen, zum Telefonatserfahrungsaustausch.

Dazu muss man wissen, wie Vertriebe in Style und Aufbau eines Strukturvertriebes auftreten:
Die "Schulungen" bestehen in erster Linie aus Verkaufsargumenten für das Kundengespräch und sind auch so formuliert.


Dort bewerben sich augenscheinlich die, die sich  bewerben mussten - und die woanders nicht unterkamen.
Solche Versager wie ich, denke ich mir.

Das sieht dann so aus, dass Sie morgens in den Schulungsraum kommen, dort das Produkt der Woche eingetrichtert bekommen (nicht nach genauem Inhalt und Bedingungswerk, sondern die vorgekauten Sätze und vor allem die Einwandbehandlungen im Verkaufsgespräch).
Nachmittags gehen Sie auf Ihre Hotelzimmer und von dort aus telefonieren Sie dafür bereitgestellte Kundenlisten ab. um für die folgende Woche Termine bei den Kunden zuhause zu vereinbaren.

Ich weiß nicht, wie SIE das sehen, aber ICH hätte  lieber weiter die Mülltonnen in der JVA und die Gruppenduschen dort abgeschrubbt als DIESE TÄTIGKEIT.
Zum Glück ist das Hotel alt und die Anzahl der Leitungen sehr begrenzt - fast die ganze Zeit über den Abend hinweg ist dauerbelegt.

Da ich eigentlich als Schulungsleiter eingestellt worden war, erscheint es mir merkwürdig, an den Verkäuferschulungen teilnehmen zu müssen, aber mein Vorgesetzter wiegelt immer wieder ab - es herrsche derzeit Einstellungsstopp.
Der sei aber Anfang nächsten Jahres wieder aufgehoben, bis dahin müsse man mich schon mal als Selbständiger anstellen und ich könne die bisherigen Schulungen sehen und beurteilen.

Außerdem könne es ja nicht schaden, sich schon einmal mit eigenen verkäuferischen Erfolgen im Kundendialog einen Namen zu machen, damit ich dann später als Leiter auch von Allen akzeptiert würde.

An dieser Stelle richte ich mich ruckartig wie nach einem Stromschlag auf.
Dieser Satz!

Genau DIESEN SATZ hatte ich schon einmal vor wenigen Wochen gehört - bei dem Bauspar-Playboy, der seine Sekretärin über der Schulter in sein Büro getragen hatte und ihr einen Klaps auf den Po gab beim Absetzen (während unseres Vorstellungsgespräches!).


Es ist der Satz, der hier für mich endgültig Alles klar macht. Ich muss so schnell wie möglich hier weg.

Aber ich darf mir nichts anmerken lassen, bis Dezember brauche ich dringend das Geld...
Und dieser Job hier hat EIN EINZIGES Gutes:
 

Er sichert mir einen nahezu lückenlosen Beschäftigungsverlauf im Lebenslauf.
Und er ermöglicht es mir, erhobenen Hauptes zu diesem Arschl0ch von Herrn Schwarz auf dem Sozialamt in der nächsten Woche hinzugehen und mich von der Leistungsbezugberechtigung abzumelden.

Mit Wirkung zum 01.11. (!)
Und dabei bin ich seit 01.10. wieder beschäftigt.

Aber ich bin schwerst pleite und bekomme auch so schon kein Geld mehr am Automaten, ich brauche diesen Monat unbedingt die zusätziche Überweisung vom Sozialamt, sonst kann ich nicht mehr tanken und zum Job fahren.

Kurz schöpft der erfahrene Misanthrop bei meinem Termin in seiner verratzten Amtsstube Verdacht:
"Ab NOVEMBER haben Sie einen neuen Job??"
 "Ja."
"Ich warne Sie! Wenn Sie schon voher wieder arbeiten, müssen Sie mir das anzeigen, sonst ist das Sozialbetrug!"
"Ja."
"Haben Sie das verstanden??!
"Ja."

Ich habe mir inzwischen angewöhnt, kurz und eine Spur zu freundlich mit diesem Mann zu reden. 

Und als ich mich von ihm für immer verabschiede, kann ich mir sogar die Bissigkeiten verkneifen, die mir vor Kurzem noch für ihn wie Pfeile auf der Zunge lagen.

Auf dem Weg nach Hause klingelt mein Werbegeschenk-Billighandy von Philips mit der 10-Eur-Prepaidkarte drin (für mehr reicht es schon länger nicht mehr) mit einer mir unbekannten Nummer aus der Landeshauptstadt.

Am anderen Ende meldet sich - der Vorgesetzte von der ausländischen Firma, der mit mir das Vorstellungsgespräch geführt hat!

Wie es mir denn so ergehen würde bei BigBlue.
Ob dort ich zufrieden sei, nachdem ich ihm abgesagt hätte.


Kurz, ganz kurz schaue ich nach meinem Schutzengel suchend gen Himmel - und dann breche ich in Tränen aus und muss das Mikrofon zuhalten, damit er es nicht bemerkt.


--- Fortsetzung folgt ---

********************************


PART 12

Dieser Mann am anderen Ende der Leitung, der bald schon mein erster Chef werden wird, dieser Mann ist das vielleicht beste Beispiel, wie zufällig und irre die Wege sind, die sich im Leben manchmal kurz kreuzen und danach wieder verlieren.

Wir vereinbaren ein weiteres Treffen.
Er habe immer noch Interesse an mir.

Es tut so gut, diese Worte zu hören.
Ob ich mir vorstellen könne, doch anzufangen bei ihnen. Das AC hätte ich doch toll bestanden.
Was denn mit meinen Gehaltsvorstellungen sei.

Ich zittere.
Jetzt ein falscher Satz und alles ist vorbei.


Er sieht mich ruhig, aber unterbrechungslos an.

Ich nenne ihm eine Zahl, die ich seither auch hatte, als ich noch...schnell weg mit dem Gedanken!

Er hört sie sich an und fragt, ob ich diese Zahl in DMark oder in Euro meine.
Verdutzt schaue ich zurück und antworte:
"In DMark natürlich."

Er grinst.

Auf meiner ersten Gehaltsabrechnung bei dieser Firma
werde ich Monate später die von mir genannte Zahl
plus etwa 50% vorfinden.
Ich hatte ja keine Ahnung von Tariflöhnen etc.


Wir unterschreiben den Vertrag, ich vertraue diesem Mann.
Etwas sagt mir, dass er einer von den Guten ist.


Das Jahresende kann jetzt entspannt kommen.
Ich weiß, dass ich einen neuen Job in einer wie ich fühle positiven Umgebung haben werde und das lässt mich die Greuel des BigBlue-Strukturvertriebes viel leichter ertragen.

Im Schulungsraum des zweiten Hotels, in dem wir uns morgens zum Abliefern der Verträge und der Stückzahllisten treffen, hängt eine große Plexiglastafel.

Sollten Sie JEMALS eine Plexiglastafel mit handgemalten Tabellen
bei einem Bewerbungsgespräch in einem der Büroräume sehen:
Laufen Sie!

Auf dieser Plexiglastafel stehen unsere Namenskürzel und daneben die Spaltennamen für die diversen Versicherungssparten.
Jeden Morgen müssen wir zum "Erfahrungsaustausch" untereinander antanzen und berichten, welcher Kunde wieviel abgeschlossen hat.

Vor Allem: Wieviel Verträge als Stückzahl geschrieben wurden.

Und vor Allem, warum KEINE Verträge zustande kamen. Es ist ein Verhör vor der Gruppe.


Es motiviert SEHR, morgen nicht derjenige sein zu wollen,
der sich hier im Raum als Versager rechtfertigen muss.

In diesem Hotel (nicht weit weg von meiner Wohnung) herrscht abends nun Ausgehverbot.
Alles, wirklich alles spielt sich in diesem Landhotel ab, und raus dürfen wir unter der Woche nur zu Kundenterminen.


Es bildet sich ein Lagerdenken bei Manchen, eine irrtümlich gewähnte  Gemeinschaft unter Leidensgenossen, die sich nach jedem unterschriebenen Vertrag wie Helden fühlen dürfen.
Irgendwann gehen die ersten Jungs her und besorgen sich das
LOGO DER FIRMA (!) als branding für Ihre Handydisplays
(zu Zeiten, in denen es noch keine Smartphones gibt)! IRRE!

Die ganzen Tage sage ich mir immer wieder:
"Bald ist es vorbei, bald ist das geschafft, bald bist Du hier raus, bald..."


Die Aussicht auf das Bremsen des freien Falls,
die mögliche Sicherheit einer neuen Zukunft in Greifweite,
das bevorstehende Zurücklassen der dunklen Vergangenheit lassen in mir den tiefen Wunsch nach Ruhe und Geborgenheit,
nach langweiliger spießbürgerlicher Sicherheit und Stabilität groß werden.

     Zu groß.

Und deswegen mache ich in dieser Phase auch den unverzeihlichen Fehler, meiner Freundin den lange schon gekauften Ring zu zeigen und um ihre Hand anzuhalten.
 

Und SIE macht den entscheidenden Fehler, ja zu sagen.


--- Fortsetzung folgt ---

********************************


PART 13


Kurz vor Weihnachten lasse ich dann die Bomben platzen:

Die Freundin und ich geben unsere Verlobung bekannt und ich eröffne im Rahmen einer fristgerechten Kündigung meinem Gruppenleiter bei den BigBlueDrückern, dass ich in drei Wochen hier weg bin.


Er ist ein bisschen schockiert, aber einigermaßen gefasst - ich muss hinzufügen, dass er mir vom ersten Tag an weicher wirkte als der Vertriebsleiter, der Niederlassungsleiter und die ganzen anderen Sprotten.
Er wirkte so, als könnte er eben so gut ein ordentlicher, anständiger Vertriebler sein.
Einer mit einem partnerschaftlichen Verständnis von Agentur- und Kunden-Betreuung.

Als er mich in der letzten Woche meiner Zeit dort fragt, warum ich mich entschieden hätte zu gehen, sehe ich keinen Grund zur Zurückhaltung.

Sein Chef -der Vertriebsleiter- und dessen widerwärtige, abstoßende Art mit Mitarbeitern und Kunden umzugehen seien nicht das, was ICH mir für meine Zukunft vorstellen würde.

Er gibt mir zu verstehen, dass dieser Kolonnen-Stil hier erst mit dem Auftreten des Herrn Vertriebsleiters eingezogen sei und er selbst auch ein anderes Verständnis von Vertrieb hätte, mich aber gut verstehen könne.

 [Keine fünf Monate nach mir wird auch er gegangen sein.
Der Vertriebsleiter wird ebenfalls noch im nächsten Jahr entsorgt,
der Niederlassungsleiter macht allerdings erst
einige Jahre später die Türe zu und die Einheit
wird vom Mutterkonzern aufgelöst und eingekämmt ].



Das Weihnachtsfest kann nun kommen!

Ich sehe den Glanz in den Tannenlichtern und auf den Weihnachtsmärkten wie seit Kindheitstagen nicht mehr mit einer neu aufflammenden Wärme in mir, genieße jede Sekunde familiärer Heimeligkeit.

Von der Weihnachtsmarktkrippe mit den kleinen Schafen und der gold leuchtenden Kinderchorbühne kriegt mich Keiner mehr weg.

Zwar bin ich nun im wahrsten Sinne arm mit knapp 50k Schulden im Kreuz, aber ich habe die drei Fegefeuer (JVA, Sozialamt, Drückerkolonne) hinter mir gelassen und glaube mich auf dem Weg in eine gefestigte Zukunft mit stabilen Leitplanken.

Anfang Januar beginne ich im neuen Job.

Auf einem langen Flur sitze ich als Einer von lediglich zwei Mitarbeitern allein mit einem dicken Tarifbuch und noch ohne Technikausstattung, denn außer mir und einem Kollegen sind ALLE noch im Winterurlaub, inklusive des Chefs, der mich eingestellt hat.

Diese Stille!
Und ich sitze hier in einem ECHTEN Büroarbeitsplatz:

Mit einem Tisch!
Und einem Bürodrehstuhl mit 5 Armen.
Und einem EIGENEN Telefon!
Ok, die Rollcontainer mit den Büromaterialien sind verschlossen, aber das stört mich nicht.


Es vergehen einige Wochen, in denen ich Kollegen kennenlerne, die Technik erfahre und mich langsam einarbeite.
Die Funktion, die ich bekleide, ist mit dem gleichen Tag geschaffen worden, mit dem ich in die Firma eintrat - es gibt also keinerlei Schulungen, Präsentationen, Workshops.


Dafür gibt es eine ätzende Kollegin, die den Job im Prinzip bereits auf einer anderen Stelle im Konzern ausübt und die von mir zu betreuenden Agenturen hinter sich auf Kurs hält, so dass ich Schwierigkeiten habe, dort Fuß zu fassen.

Als ich erkenne, dass es ohne sie nicht gehen wird und wir zudem sowieso an den gleichen Vertriebserfolgen partizipieren, beschließe ich, mit den Wölfen zu heulen, nur lauter (eine Weisheit, die ich von Tick, Trick und Track habe).
Vielleicht bekomme ich das Weib ja in den Griff, wenn ich ein paar Mal mit ihr essen gehe?

Und parallel dazu muss ich mich auf den Prozesstermin vorbereiten, der mir soeben ins Haus geflattert ist.

Scheixxe, Baby- da bist Du gerade mal drei Monate im neuen Job und wenn's dumm läuft, bist Du pünktlich zum Ende der Probezeit da wieder weg.

Jetzt heißt es, sich gründlich zusammen mit dem Anwalt vorzubereiten.

Und ganz nebenbei, irgendwann mal kurz nach dem Abendessen, teilt mir die Freundin mit, dass was wir uns seit drei Jahren gemeinsam job- und wohntechnisch vorgenommen haben, nicht mehr zu ihrer Lebensplanung dazu gehöre.




--- Fortsetzung folgt ---


********************************


PART 14


Als meine Griechin da tatsächlich vor mir steht und meine -wie sich Jahre später herausstellen wird- Zukunft rettet, in dem sie mir sagt, dass wir NICHT auswandern und woanders neu anfangen werden, bricht so ein bisschen meine alte Welt zusammen.

Ich argumentiere noch eine kurze Zeit, aber ihre Entscheidung ist gefallen. Erstmal lasse ich mir nichts anmerken, aber so wirklich verzeihen werde ich ihr das nicht mehr - egal, wie Recht sie im Nachhinein betrachtet damals schon gehabt haben mag.


Aber es gibt einen, wirklich nur EINEN absolut verlässlichen, totsicheren Weg dafür zu sorgen, dass ich mich von Ihnen innerlich distanziere - und der lautet, mir meine Träume wegzunehmen und mich meiner Illusionen zu berauben.
Doch genau das tut sie jetzt und hier.


Sie könnten jetzt sagen, das genau sei doch der JOB eines Partners,
Einem aufzuzeigen, wenn man auf dem falschen Weg sei, wenn man sich
in sein Verderben zu stürzen bereit sei.
Mag alles sein.
Aber für mich ist es -obwohl ich noch nicht die Zeit und die Freiheit habe
mir dessen wirklich bewusst zu werden- der Anfang von unserem Ende.

Im Februar geben wir eine schöne Party für unsere Freunde (genau genommen alles IHRE Freunde) und mittendrin lassen wir die Überraschungsachricht unserer Verlobung platzen. Tolle Party anschließend!

Aber mein Kopf ist erstmal auf der neuen Arbeit.
Das hier MUSS klappen, OMG - es MUSS!
Nur noch ein paar Tage, dann kann ich mich für sehr, sehr lange Zeit nirgendwo mehr bewerben.
Und dann kämen nur noch Jobs in Frage, auf die man sich nicht noch bewerben muss....

Mir fällt wieder Joachim aus der JVA ein - der langhaarige vernarbte Onlinegauner, der seine Millionen rechtzeitig an seine Freundin weggeschafft hat und nach ein paar Jahren bezahlter Unterkunft rauskommt und ein freier und reicher Mann ist.
Der mich sobald ich draußen bin als ausländisches Onlinekasino und Geldwäscher haben wollte.


(Junge Junge, auf was für Gestalten man im Leben trifft...;-)

Nun muss ich mich öfters mit meinem Anwalt zusammensetzen.
Er schiebt mir die Prozessakte rüber. Sie ist ÜBER 700 SEITEN dick.
Mir wird schlecht.

"Lesen Sie das. Alles."

Ich entsinne mich kurz etwas und frage "Darf ich das denn? Darin blättern?"


Der alte Hase winkt ab.
"Drauf geschissen! Sie müssen wissen, was da über sie drinsteht, sonst können WIR nicht überlegen, wie wir vor Gericht auftreten!"

Ich bin ein schneller Leser, immer schon.

Aber ich bin ...gewaltig aus der Übung. Und hey, es sind hunderte Seiten, aber als ich mit dem Daumen durchblättere, stelle ich fest, dass alles ZWEIMAL in der Akte drin ist.

Die hinteren dreihundert Seiten sind KOPIEN der ersten paar hundert!
Und dann entdecke ich Dokumente, die DREIFACH und VIERFACH vorhanden sind?!

Ich spreche meinen alten Anwalt darauf an.


"Das ist normal. Die machen bei der Staatsanwaltschaft erstmal Kopien von Allem und stempeln diese, das ist gaaaanz wiiichtig.
Zum Beispiel, wenn die Akte an mich verschickt wird:
Dann wird ALLES kopiert, und wenn ich sie zurückgebe, dann legt man die ganzen vorher angefertigten Kopien dort ebenfalls ab.
Zum Vergleichen, ob ich evtl. was rausgenommen habe.
Übrigens: Als ich noch Richter war, haben wir KEIN EINZIGES MAL verglichen, ob da was fehlte :-)."


Ich fange wortlos mit dem Lesen an.

Ich lese den Antrag auf Durchsuchungsbeschluss für meine Wohnung.
Den Durchsuchungsbeschluss.
Das Protokoll von der Wohnungsdurchsuchung.
Das Protokoll von der Öffnung meines Autos.
Den Haftbefehl.
Die Verhörprotokolle bei der Polizei.
Die Verhörprotokolle in der JVA.
Mein handgeschriebenes Geständnis.
Die erste gescheiterte Aussetzung des Haftbefehls.
Die zweite gescheiterte Aussetzung des Haftbefehls.
Die dritte, unter neuer netter Richterin erfolgreiche Aussetzung des Haftbefehls.
Das Festsetzen der Kaution.
Das Festsetzen der Meldepflicht (2x die Woche).

Als mir die Buchstaben vor den Augen zu verschwimmen beginnen, setze ich ab und frage den alten Mann leicht heiser:

"Sagen Sie mir, wie das hier ausgeht? Kann ich draußen bleiben?"


"Das wird sehr von Ihnen abhängen - am Prozesstag!"

Ich glaube, mich verhört zu haben und setze mich kerzengerade auf.

"Wie meinen Sie das?? Es steht doch Alles fest?!
Anklage und Geständnis sind da, ich bin nicht vorbestraft, es kann doch..."

"Moment, junger Mann! Das hat GAR NICHTS zu bedeuten! Darauf wird es nur in zweiter Linie ankommen.

Ok, es spricht Einiges dafür, dass Sie mit einer Bewährung davon kommen, das soziale Umfeld, der neue Job, die Freundin, keine Vorstrafen...alles gut und schön.

Aber der Richter KANN auch ein Exempel an Ihnen statuieren wollen und der Staatsanwalt will Sie sowieso hinter Gittern sehen.

Das meine ich damit, dass Alles von Ihnen an diesem einen Tag abhängen wird.

Machen Sie einen guten Eindruck, das hat doch schon einmal geklappt, damals bei der Richterin, die den Haftbefehl ausgesetzt hat.

Da waren Sie GUT, Herr Zaubermann!

Sie sind in den Raum rein, die Frau hat Sie angesehen und ich wusste nach drei Sekunden, das klappt heute, da hat sofort was zwischen Ihnen gefunkt!"


"Was ist, wenn ich's versaue?"

Der Alte schweigt kurz und schaut zur Decke seines Büros.


"Ich will nichts versprechen - die Chancen stehen 50:50, dass sie nicht wieder reinmüssen... (ich fang schluchzend an zu heulen) ...ok, evtl. etwas besser.
Aber vergessen Sie nie:
Vor Gericht und auf hoher See sind Sie in Gottes Hand! Und das sagt Ihnen Einer, der früher selber so Leute wie Sie verurteilt hat."




Wenige Tage später ist es soweit.

Da mir in der Probezeit noch kein Urlaub zusteht, lüge ich auf der neuen Arbeit und melde mich krank.

Meine Freundin wird mich nicht begleiten an diesem Tag. Sie hat es mir nicht angeboten, und als ich sie danach fragte, lehnte sie ab. Sie könne das nicht.
Wer kann, ist Fräänk.

Stumm holt er mich ab, stumm parken wir beim Gericht.
Ich friere in meinem mittlerweile zu großen Anzug, als ich draußen auf meinen Anwalt warte.

Er parkt, schleppt Akten unterm Arm, kommt ernst lächelnd auf mich zu, wir schütteln Hände, gehen die langen Treppen zum Gerichtssaal hinauf.

Als wir den Saal betreten, trifft mich fast der Schlag, wie viele Menschen im Zuschauerraum sitzen.

Mein Anwalt zieht mich an sich, er sieht meine Gesichtsbleiche.
"Nur die Ruhe, das hier ist immer das gleiche Publikum bei öffentlichen Sitzungen. Ein paar Chlochards, die sich aufwärmen, ein paar schaulustige Frührentner und die Presse."

"Die Presse??" entfährt es mir.


"Keine Sorge. Um die kümmere ich mich in der Sitzungspause."

Mein Mittäter und sein Anwalt betreten den Saal.
Kurzes Kopfnicken.
Die beiden sind total entspannt und gut gelaunt.
Ich bin fassungslos.
Sind wir wirklich im GLEICHEN Film hier?

"Bitte erheben Sie sich!"

Früher gute Freunde, trennen uns nun Welten, als die Tür von der Richterkammer aus geöffnet wird und der Richter, die Schöffen und die Beisitzer auf der Richterbank über uns Plätze beziehen.


Jetzt, Zaubermann, kommen die wichtigsten Stunden Deines Lebens, denke ich. VERSAU.ES.NICHT.

 "Bitte nehmen Sie Platz!"


Die Show beginnt....



--- Fortsetzung folgt ---


********************************


PART 15


Alle nehmen Platz.
Wie sich herausstellt, habe ich mir Manches falsch vorgestellt - zum Beispiel glaubt der TV-Anwalts-Serien-Gucker ja gerne, dass man NEBEN seinem Anwalt sitzt während der Verhandlung.

Dies ist nicht zutreffend - zumindest bei MIR nicht.
Der Anwalt sitzt in der tieferen Bank eine Reihe VOR MIR!

Wir haben also keinerlei Blickkontakt, können uns nicht austauschen, es gibt kein Augenschließen oder Nicken.
Jetzt bin ich wirklich allein.

Der Richter beginnt.
Die Personalien werden abgefragt.
Die Anklage wird verlesen.

Wenn ich mir bisher gedacht hatte, ich könnte auf einzelne Fragen antworten und mich zwischendrin wieder ein bisschen fangen und durchatmen, so hatte ich mich gründlich getäuscht (oder ich hatte erneut zu sehr auf TV-Serienwissen gesetzt).

Ich laufe hochrot an und weiß nicht recht, wie anfangen, als der Richter abrupt die Hände auf dem Tisch faltet und zu mir sagt:


 "Nun denn, Herr Zaubermann - was haben Sie uns zu sagen?"

Wenn Sie mit VIELEM rechnen in so einer Situation - aber DAMIT nicht!


Der ganze Saal schaut auf mich. Totenstille.
Die Protokollführerin hält ihre Finger schwebend über der Tastatur.
Auch sie blickt mich erwartungsvoll an.

Stockend beginne ich zu erzählen.

Hin und wieder schüttelt es mich - das Ausgeliefertsein gegenüber der staatlichen Gewalt und den möglichen Konsequenzen eines Fehlers (oder einer vielleicht nicht ganz richtigen Erinnerung? Einer Abweichung vom polizeilichen Protokoll?) ist auf eine Art und Weise an die Wand drückend, dass ich mich schwer tue, die Contenance zu wahren.

Es wird mir nicht lange gelingen.
Spätestens als der Richter zu dem Punkt "warum haben Sie das getan?" kommt, verschwimmen Saal und Menschen vor meinen Augen.

Die Schöffen -ein Mann und eine Frau- wirken die ganze Zeit über noch zurückhaltend, um nicht zu sagen menschlich. Ihnen fehlt die professionelle Distanz des Volljuristen, der zwischen Ihnen sitzt und bald über mein weiteres Leben zu entscheiden hat.

Der Staatsanwalt ist ein buckliger, kleiner alter Mann mit fahlem, dunklem Gesicht, in das er in der Verhandlungspause in selten so beobachteter Geschwindigkeit eine Zigarette versenkt.

Am Schlimmsten ist der Protokollführer.
Ein kahler, dicker kleiner Mann mit rundlichem Gesicht und Kaiser-Wilhelm-Bart, dessen Augen mich in jeder einzelnen Sekunde und wannimmer ich ihn ansehe durchbohren und dessen nach unten gezogene Mundwinkel sich in keinem Augenblick rühren.

Er sitzt sehr aufrecht, aber da er seitlich zu mir sitzt, hat sein über-die-Schulter-Gucken etwas Verächtliches, Überhebliches.
Er genießt es sichtlich, zu Gericht über einen Straftäter beisitzen zu können.

Der Staatsanwalt hat erstaunlich wenig Fragen an mich.
Offenbar war ich auskunftsfreudig genug.

Der Richter wendet sich nun meinem früheren Freund und Mittäter zu.
Dieser lächelt ernst, wirkt dabei irgendwie komisch.
Die Strategie seines Anwalts ist es, das Ganze als dummen-Jungen-Streich aussehen zu lassen, der aus dem Ruder lief.

Als er sich zum Schluss seiner Ausführungen an mich wendet und sich dafür öffentlich entschuldigt, sich nicht früher gestellt zu haben und mich allein in der JVA sitzengelassen zu haben, brechen bei mir alle Dämme.

Die Anwälte werden um ihre Plädoyers gebeten.
Meiner beginnt.

Er erhebt sich, findet freundliche und dankende Worte für die Möglichkeit, den Angeklagten die Gelegenheit zur eigenen Darstellung gegeben zu haben, ruft meine emotionale Gefährdung im Fall einer erneuten Inhaftierung in Erinnerung, zeigt sich optimistisch hinsichtlich der Sozialprognose und schließt mit den Worten:


"Bei MIR hätte er früher dafür zwei Jahre bekommen.
Auf Bewährung, natürlich."

Der Anwalt des Kumpanen betont die Mitläuferschaft seines Mandanten, das Mithineingezogenwordensein, den guten bisherigen Leumund und die mangelnde innere Reife, die einen dummen, aber leider nicht mehr rückgängig zu machenden Fehler nach sich gezogen hätten.

Er dankt meinem Anwalt für seinen wohlwollenden Verzicht darauf, die Freundin seines Mandanten eidlich vernehmen zu wollen.
Diese hatte bei der Polizei falsch für ihren Freund ausgesagt und
sich mit diesem falschen Alibi damit an die Grenze der Strafbarkeit gebracht.


Jene unbeteiligte Dritte freiwillig aus dem Spiel zu nehmen
ist
ein kluger Schachzug meines Anwalts
,
der das Gericht beeindrucken wird.

Der Staatsanwalt erhebt sich und beginnt sein genuscheltes, wenig empathisches Plädoyer, in welchem er durchaus Anerkennung zeigt für die Geständnisse, die offenkundige Reue und die Gesamtsituation.
Letztlich könne das aber nicht über die Schwere der Taten hinwegtäuschen, deswegen fordert er für mich zweieinhalb Jahre.

Fräänk in der ersten Reihe im Zuschauerraum läuft bleich an.
Er weiß: Zweieinhalb Jahre, damit wäre eine Aussetzung zur Bewährung ausgeschlossen!


Der Richter verkündet eine Verhandlungspause und zieht sich mit den Schöffen in das Richterzimmer zurück.

Der Anwalt des Mittäters steht nah bei ihm und redet leise auf ihn ein.
Mein Anwalt hingegen ist aufgestanden und sofort zur Presse rübergelaufen - erst bin ich etwas enttäuscht, so allein auf dem Flur zu stehen, aber auch dieser Schachzug von ihm wird sich als glänzend herausstellen:

Er bittet die Journalistin, auf die Nennung unserer Namen und Wohnorte im Zeitungsartikel vollständig zu verzichten, im Gegenzug versorgt er sie mit Details aus dem Tathergang.
Das ist GENAU die richtige Taktik, die für alle Seiten das Beste herausholt - vor Allem für mich.
Aber natürlich profitiert auch mein Mittäter davon.


Ich treffe Fräänk draußen auf dem bewachten Flur und frage ihn, wie er es erlebt.

Er sagt
"'Ist live irgendwie spannender als bei der Salesch im Fernsehen!"

Tröstende Worte waren noch nie sein Ding.

Der Staatsanwalt vergräbt die Hand in der Hosentasche und zieht gierig an seiner Kippe, mich dabei von der Seite kurz musternd, dann schnell wieder wegschauend.

Fräänk schweigt.
Mein Anwalt nickt mir aus der Distanz zu.

Der Gerichtsdiener erscheint und bittet die Pausenteilnehmer zurück in den Verhandlungssaal, es wird in Kürze weitergehen.


Wir gehen hinein.

Die Tür schließt sich.

Die Anwälte eilen zurück auf ihre Bänke.

Die Zuschauer nehmen wieder ihre Plätze ein.

Der Staatsanwalt setzt seine Kopfbedeckung auf.

Die Tür zum Richterzimmer öffnet sich.

"Erheben Sie sich!"

Alle stehen auf.



Protokollführer, Schöffen und dann der Richter stehen hinter ihren Stühlen.


"Die Verhandlung wird fortgesetzt.
Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:..."



[ letzter Teil:  bald! ]

********************************


PART 16 (final part)



"Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:

Der Angeklagte Zaubermann wird zu einer zweijährigen Haftstrafe
und zur Zahlung einer Geldstrafe in Höhe von
dreißig Tagessätzen verurteilt.
Die Haftstrafe wird gegen eine Bewährungszeit von drei Jahren ausgesetzt.

Nehmen Sie nun bitte Platz zur Urteilsbegründung..."


Ich höre die Begründung nicht mehr.

Mein Gehirn ist im Notfallbetrieb angekommen.

Meine Beine hätten keine 5 Sekunden länger im Stehen mitgemacht.
Ich atme so tief und lange aus wie ich noch nie ausgeatmet habe, alles fällt von mir ab, staubt, bröckelt, gleitet, bricht von mir ab.
Mein Kopf sinkt leicht vornüber.
Wie komisch diese Schuhe jetzt aussehen, die da an meinen Füßen stecken.

Fräänk setzt in der ersten Zuschauerreihe ein schiefes Grinsen auf und nickt fast unerkennbar.
Meinem Anwalt sehe ich sogar durch seinen Rücken seine Zufriedenheit an.

Dem Staatsanwalt ist ein wenig Frustration anzumerken.

Mein Mitangeklagter bekommt ein Jahr und zehn Monate. Wie bei mir bereits bekommt auch er eine Geldstrafe, die sich exakt an der Höhe seiner Kaution bemisst.
Mein Anwalt hatte wieder einmal Recht:
Was die Staatskasse einmal hat, gibt sie auch nicht wieder her.


Irgendwann erheben sich plötzlich alle.
Die Zuschauer stürmen als Erstes hinaus. Die Anwälte wechseln noch ein paar kollegiale Worte, der Richter zieht sich zurück, der Protokollant wirft mir einen letzten verachtenden Blick zu.


Mein ehemaliger bester Freund lächelt verhalten.
Er streckt mir die Hand zum Abschied entgegen.
Ohne sein Lächeln zu erwidern, greife ich sie, obwohl mir wahrlich nicht danach ist.
 

"Mach's gut, Rain."

Er dreht sich um und geht mit seinem Anwalt hinaus.
Eine mehrjährige Freundschaft geht hier und jetzt zu Ende.

Wir werden nach diesem Tag nie wieder von einander hören oder sehen.

Mein Anwalt redet fröhlich auf mich ein, ich höre ihn nicht mehr. Irgendwann verabschiedet auch er sich und geht steten Schrittes zu seinem Auto.

Fräänk klimpert mit dem Autoschlüssel in den Händen.
Er will los.

Ich kann noch nicht.
Wie in Zeitlupe sehe ich den Linoleumflur des Gerichtsgebäudes entlang, die nächste Verhandlung und ihre Beteiligten steht schon an, Justizbeamte mit Handschellen an den Hosenschlaufen begleiten junge Männer, die...schnell wegsehen.


Die Luft vor dem Gerichtsgebäude ist kühl und klar. Ich genieße es, zu frieren.
Es ist das Frösteln der Freiheit, ich kann den Blick nicht vom blauen Himmel abwenden, nicht weg von den Vögeln in den Bäumen, von der Natur.

Fräänk drückt aufs Tempo, wir fahren los, er setzt mich daheim ab, kommt nicht mehr mit hoch, er muss weiter, ich gehe die Stufen hinauf zu meiner Wohnung.


Meine Freundin ist auf der Arbeit, ich bin alleine.
Dafür bin ich in diesem Moment sehr dankbar.

Wie wunderbar still diese Wohnung doch ist.
Keine Servierwägen, keine Stahltüren, keine lauten Rufe von den unteren Zellenstockwerken, keine Durchsagen, keine lauten TVs in der Nachbarzelle.


Und vor allem niemand, der ungefragt durch die Tür kommen kann, um mich herauszuholen.

Den kleinen Schock drei Wochen später werde ich auch kurze Zeit später verdauen, als ich Post von der Staatsanwalt bekomme:

Sie wollen in die Berufung und das Urteil anfechten!
Fast heulend rufe ich bei meinem Anwalt durch.

Er antwortet seelenruhig:

"Hab ich mir gleich gedacht. Keine Sorge, Herr Zaubermann, die werden in den nächsten 4 Wochen die Anfechtung wieder zurückziehen!"


Ich glaube ein weiteres Mal, meinen Ohren nicht zu trauen und frage erstaunt, was ihn da so sicher mache.



"Sehen Sie, das hat gar nichts mit IHNEN zu tun! Es geht da um Machtspielchen innerhalb der Staatsanwaltschaft, sonst nichts.

Sie haben vielleicht bemerkt, dass das bei der Verhandlung NUR ein kleiner Staatsanwalt war.
Und ein ALTER dazu.
Dem will der junge Oberstaatsanwalt nur eins ans Bein treten und ihm signalisieren, dass ER nicht genug rausgeholt hätte und dass man mit so einer schwachen Verurteilung nicht zufrieden sei.

Wenn Sie JETZT SCHON eine Berufungsankündigung zugestellt bekommen haben, ist das super - es heißt nämlich, dass der Oberstaatsanwalt
die Akte und das Urteil NOCH GAR NICHT GELESEN HABEN KANN, also hat er auf gut Glück einfach mal Berufung angekündigt, nur um die Fristen zu wahren.
Sobald der aber die Akte und das Urteil gelesen hat, wird er feststellen, dass da Nichts zu holen ist.

Dann wird er ohne große Worte seinen Einspruch zurückziehen und das Urteil wird rechtskräftig! Warten Sie einfach vier Wochen ab."


"Aber was, wenn..."

"Zaubermann? Es ist GELAUFEN!
Sie SIND FREI, glauben Sie's doch endlich!"


Er wird wieder einmal Recht behalten - 4 Wochen später wird die Berufung zurück genommen.

Ein letztes Mal gehe ich auf die Polizeiwache.

Ein letztes Mal unterschreibe ich auf der langen, langen Meldepflichtliste mit den vielen Linien mit meinem Nachnamen.
Über hundert einzelne meiner Unterschriften sind in dem schäbigen alten Leitz-Ordner notiert, säuberlich untereinander, eine Reihe nach der Anderen.

Zweimal die Woche, über ein Jahr lang.

"Das war das letzte Mal heute!" sage ich leise, als ich die letzten Kringel meines Nachnamens auf das Recyclingpapier fast bedächtig male.
"Davon wüßten wir aber!" entgegent der Polizeibeamte auf der anderen Seite des Tresens.

"Das macht nichts", antworte ich, "es reicht, dass ICH es weiß!"

Ich bekomme meinen Reisepass und meinen Personalausweis zurück.
Ich darf wieder reisen!
Ich bin wieder ein Mensch, ganz offiziell!

 
Seither kann ich gut Ausländer verstehen, was es für sie bedeuten muss,
ein wichtiges Stück deutsches Amtspapier nach langem Hin und Her
endlich in den eigenen Händen halten zu dürfen.

Und ich habe es mir ausgerechnet:
Nicht mal 5 Jahre und ich bin wieder schuldenfrei, wenn es so läuft wie geplant!


Wenige Monate später verkracht sich Fräänk mit mir.
Fräänk, dem ich diesen Anwalt zu verdanken habe und der sich so eingesetzt hat während ich inhaftiert war.
Ich habe das Gefühl, er will mich rechtzeitig aus seinem Leben haben, bevor seine Tochter zur Welt kommt.
Sein Verhalten mir gegenüber wird surreal und abschätzig.
Der Kontakt bricht mit einem Knall final ab.


Wenige Monate später erkaltet auch mein Verhältnis zur Griechin, und ich erkenne, dass mein Heiratsantrag mehr aus Dankbarkeit ihr gegenüber heraus entstand.

Außerdem bemerke ich zunehmend eine lauter werdende Enttäuschung darüber, eine Partnerin zu haben, die mich weder im Gefängnis besuchen konnte noch die mir im Gerichtssaal hatte beistehen wollen.
Die aber dafür das bis dahin gemeinsame Lebensziel einseitig aufgekündigt hat.

Binnen nur eines Jahres sind alle Menschen, die von mir "wissen", aus meinem Leben weg.

Neuer Job, neue Freunde, neue Partnerin - ein neues Leben.
Und nur noch 5 Jahre, bis ich schuldenfrei bin.
Und nur noch 8 Jahre, bis ich wieder vollständig unbescholten bin.


"Jungejunge",
denke ich mir.

"Wenn DAS mal alles vorbei ist, musst Du den ganzen Mist echt mal aufschreiben."


********************************



[ Das war's.
Gratulation. Sie haben's geschafft!
Danke für Ihr Interesse, für Ihre Geduld,
für Ihr Wiederkommen.
Und für Ihre Cliffhanger-Leidensfähigkeit ;-)

Ein weiteres Mal tue ich Ihnen so was nicht an.
Höchstwahrscheinlich zumindest. ]





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinterlassen Sie an dieser Stelle ruhig Ihre Gedanken - in dem Bewusstsein, dass Sie sich hier in meinem Wohnzimmer befinden und bei mir zu Gast sind.

Ich freue mich über Ihren Kommentar, wenn er dies beherzigt, aber ich lösche ihn, wenn er sein Gastrecht missbraucht.

Und sofern Sie auf Ihren Kommentar eine Antwort von mir haben möchten, erkenne ich das daran, dass er nicht anonym und ohne Namenszeichen abgegeben wurde.